Ein verdorbener Frühstückskaffee

Ein verdorbener Frühstückskaffee

24.08.2017

Am 11. Juli veröffentlichte der Münchner Musikkritiker Helmut Mauró eine Rezension eines Ingolstädter Konzertes mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra unter Mirga Gražinytė-Tyla (9. Juli) in der Süddeutschen Zeitung. Christine Fischer bezieht dazu Stellung.

Christine Fischer — Sehr geehrter Helmut Mauró, Sie haben mir meinen Frühstückskaffe verdorben. Seit Studentinnentagen in München ist die morgendliche Lektüre der Süddeutschen eine liebgewonnene Tradition in unserm Haus, die mittlerweile auch auf die nächste Generation übergeht.

Die anfängliche Freude darüber, dass es die Rezension über das Konzert des City of Birmingham Symphony Orchestra im Festsaal des Stadttheaters Ingolstadt unter Mirga Gražinytė-Tyla auf die erste Seite des Feuilletons schaffte, wich schon nach dem ersten Absatz ehrlichem Entsetzen: Hier wird der Dirigentin doch tatsächlich zum Vorwurf gemacht, man könne ihren (übrigens nicht korrekt geschriebenen) Namen weder aussprechen, noch im Gedächtnis behalten. Selten habe ich mich bei der Zeitungslektüre so aus der Ruhe bringen lassen – und als Geschlechterforscherin ist man so einiges gewohnt.

Geschlechterstereotype des 19. Jahrhunderts

Schlag auf Schlag geht es in diesem Duktus weiter: Unter dem Anspruch «fair» zu urteilen und Massstäbe anzulegen, die «an einen Pultstar, egal welchen Geschlechts», nun einmal angelegt würden, erfährt man, dass «auch Musikerinnen grob sein können» (wie Hélène Grimauds Mozart-Spiel) und dass das «permanente emotionale Marcato» Gražinytė-Tyla «offenbar wesensimmanent» sei. Sie erfreue damit weniger das Publikum, sondern bringe lediglich «den wild tanzenden Derwisch [...] in sich selbst» zum Vorschein. Fehlende (weibliche) Führungsschwäche scheint in der Bemerkung auf, dass die Einsätze von ihr «eine Millisekunde nach dem Losblasen der Instrumente» kommen und dies ihre Dirigiergeste zur «begleitenden didaktischen Maßnahme für das Publikum» mache. Eine heutzutage Gott sei Dank nur noch selten kommunizierte Galerie von aus dem 19. Jahrhundert überlieferten Geschlechterstereotypen.

Vergessen oder Benennen

Mir ist bewusst, dass es zweischneidig ist, Ihrem Text auf diese Weise ein zweites Podium zu verschaffen. Er versänke vielleicht schneller in der verdienten Vergessenheit, überginge man ihn kommentarlos. Diese Schreibe ist jedoch so symptomatisch für unterschwellige Diskriminierung, die sich ins Kleid fachlicher Kritik einhüllt, dass es schwerer wiegt, dies zu benennen. Es geht mir nicht darum, das «Berner Kindl» Gražinytė-Tyla zu verteidigen. Das braucht sie nicht, sie wird ihren Weg gehen, geht ihn schon. Vielmehr muss auf die Strukturen aufmerksam gemacht werden, die viele ähnliche Wege im Keim ersticken: Solange Kulturinstitutionen von männlichen Seilschaften geprägt sind, denen Raum gewährt wird, ihre Frauenfeindlichkeit so sprachgewandt und prominent platziert auszuagieren, wird es schwierig bis unmöglich bleiben, dass Frauen Männerbastionen des Musiklebens in merklicher Zahl erobern.

Als einzige Motivation eines Textes zu haben, für einmal schlecht über eine weibliche Pultvirtuosin schreiben zu wollen, reicht nicht aus. Und: Ja, man/frau darf, ja soll offen über subjektiv missglückt erfahrene Konzerte von Dirigentinnen berichten. Auch Scheitern ist kein männliches Privileg. Ein in ihren Ohren schlechtes Konzert aber mit der unbeherrschten Emotionalität des «weiblichen Wesens» in Verbindung zu bringen und implizit mit dem angeblichen künstlerischen Scheitern von Simone Young in Hamburg zu verknüpfen, ist unprofessionell und entspricht nicht dem Niveau eines der bedeutendsten Feuilletons im deutschsprachigen Raum.

Postenschieberei?

Vielleicht ist der Text ja auch der Tatsache zu verdanken, das Gražinytė-Tylas Name jüngst in ihrer Zeitung in Verbindung mit dem neu zu besetzenden ChefdirigentInnen-Posten der Bayerischen Staatsoper gehandelt wurde. Womöglich um dieses Ansinnen – aus welcher Motivation heraus auch immer – von Vornherein zu verunmöglichen, greift man dann gern in die Kiste der Gynophobie und des Gender-bashing, die in Deutschland bisher ihren sicheren Hort in einer Kolumne des Zeitmagazins zu haben schienen. Hier in der Schweiz greift man dazu zur Weltwoche.

«Es ist an der Zeit, die Geduld zu verlieren» schrieb Christine Lemke-Matwey in der Zeit (13.6.2013) angesichts der sich immer noch im einstelligen Prozentbereich bewegenden Frauenanteile an DirigentInnenpulten des klassischen Musikbetriebs; vielleicht ist es auch an der Zeit persönlich zu werden, Herr Mauró (den Akzent mit der richtigen Ausrichtung auf das «o» zu setzen, hat mich ganze zehn Minuten gekostet).

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