Verband j+m wird aufgelöst 

Der musizierenden Jugend eine Stimme gegeben

Niklaus Rüegg, 04.09.2017

Der Verein jugend+musik war «die Stimme der musizierenden Jugend». Der Verband wird aufgelöst, doch die Stimme wird nicht verstummen.

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Im letzten Jahrzehnt war Hector Herzig Schrittmacher in der Gestaltung der musikalischen Bildungslandschaft

Verband j+m wird aufgelöst

Niklaus Rüegg – j+m wurde 1999 mit dem Gedanken gegründet, die musikalische Bildung analog Jugend und Sport als Bundesorganisation zu verankern. Der krönende Höhepunkt der politischen Arbeit von j+m war die haushoch gewonnene Abstimmung 2012 über den Musikartikel, wodurch die Jugendmusikförderung zur Bundesaufgabe wurde. Durch die Erfüllung des Verbandszwecks hat sich die Existenz von j+m von selbst erübrigt. Die nach wie vor wichtigen politischen Aufgaben im Rahmen der Umsetzung des Verfassungsartikels und der langfristigen Sicherung der musikalischen Bildung sollen jetzt von andern Gremien wahrgenommen werden.
j+m-Präsident Hector Herzig war in den letzten zehn Jahren so etwas wie das Zugpferd für die musikalische Bildung und er hatte wesentlichen Anteil am erfolgreichen Abstimmungsresultat. Mit seinem überzeugenden Auftreten und seinen mitunter provokanten Ansichten eckt er oft an, bleibt aber immer authentisch und glaubhaft. Wenn es ums Durchsetzen politischer Ziele geht, verzichtet er auf Diplomatie und setzt auf Ehrlichkeit und Direktheit. Seine Vorliebe Klartext zu reden, verbindet sich mit einem grossen strategischen Talent. Sein Handeln ist immer zielgerichtet. Nie plant er auf kurzfristige Erfolge hin, sondern sieht Teilziele immer als Bestandteil eines zu verwirklichenden grossen Ganzen.
Herzig wird sich in Zukunft verstärkt auf seine unternehmerische Tätigkeit konzentrieren. Er wird in der musikalischen Bildungslandschaft, die er im letzten Jahrzehnt massgeblich mitgestaltet hat, eine Lücke hinterlassen.

Hector Herzig, warum wurde die Gründung des Vereins j+m im Jahr 1999 als nötig erachtet?
Der damalige VMS-Präsident Hans Brupbacher und der Manager des Tonhalle-Orchesters Bobby Keller hatten die Vision, dass es auf musikalischem Gebiet ein Pendant zu «Jugend und Sport» geben und dass die musikalische Bildung zur Bundesaufgabe werden müsse. Diese Überzeugung benötigte eine Art sechsjährige Inkubationszeit, um sich schliesslich im Initiativgedanken verdichten zu können. Mein Einstieg ins Verbandswesen vollzog sich 2005 mit der Wahl in den Vorstand des VMS. 2006 übernahm ich dann das Präsidium. Im selben Jahr haben wir übrigens an der Verbandsklausur in Glarus die Initiative «Jugend und Musik» beschlossen. Mit dem Verein j+m habe ich mich erst so richtig beschäftigt, als der damalige Präsident Daniel Knecht mich anfragte, ob ich sein Nachfolger werden wollte. Das geschah dann im November 2007 und passte sehr gut zur geplanten Initiative, welcher wir bewusst denselben Namen gegeben hatten. 2008 wurde ich dann auch noch Vorstandsmitglied beim SMR. Das machte Sinn, da es Zeit war, Grenzen abzubauen und die Verbände einander näher zu bringen.

Wie war j+m bei Deinem Amtsantritt aufgestellt?
Der Verein war damals in einer schwierigen Phase. Im Jahr 2005 hatte man sich die Grundsatzfrage gestellt, ob es den Verein überhaupt noch brauche. An einem Visionstag wurden dann, noch unter meinem Vorgänger Daniel Knecht, die Statuten geändert, ein Leitbild entwickelt und die Finanzen neu geregelt. j+m sah sich fortan als die Stimme der muszierenden Jugend und wurde Dachverband aller Verbände, die sich mit der musizierenden Jugend beschäftigten. Eine Grundlage für die Entwicklung des Fonds wurde gelegt. Heute können wir CHF 50'000 verteilen. Bei meinem Antritt als Präsident im Jahr 2007 gab es fünf Trägermitgliedsverbände, den VMS, den Jugendmusikverband, den SMPV, das SJSO und Jeunesses Musicales. Der Blasmusikverband und die Chorvereinigung hatten gerade den Austritt gegeben. Ich habe einen bereinigten Mitgliederstamm von ca. 180 übernommen. Diese Zahl konnten wir in den darauf folgenden Jahren bis auf 1300 Einzelmitglieder steigern.
Ich hatte immer das Ziel, alle Verbände am Tisch zu haben. Als die IG Musikinitiative aufgelöst wurde, habe ich angeregt, alle Verbände unter dem Dach von j+m zusammenzubringen. Heute verfügen wir über ein Netzwerk von siebzehn Verbänden.

Die Klausurziele von 2008 (siehe unten) weisen auf eine super Erfolgsbilanz hin. Warum ist der Vorstand von j+m – immerhin ein Gremium mit siebzehn der wichtigsten Musikverbänden der Schweiz – denn der Ansicht, es brauche den Verein heute nicht mehr?
Es ist gelungen, die musikalische Bildung analog zu Jugend und Sport zur Bundesaufgabe zu machen, das Recht auf musikalische Bildung steht in der Verfassung, bei der Breiten- und Spitzenförderung steht der Bund in der Pflicht und die finanzielle Förderung von Jugendprojekten läuft über den verbandseigenen Fonds und das BAK. Wir haben Bundesgelder von einer Million für nationale Projekte und zurzeit drei Millionen für die Breitenförderung im Programm Jugend und Musik zur Verfügung. Das ist in der Tat eine beeindruckende Bilanz.
Das j+m-Netzwerk mit seinen siebzehn Verbänden vertritt rund 700'000 Personen und besitzt dadurch politisch ein grosses Gewicht. Diese Stimme der musikalischen Jugend wird weiter zu vernehmen sein – voraussichtlich unter dem Dach des SMR, welcher als «politisches Gewissen» der musikalischen Bildung dafür prädestiniert ist. Der Vereinszweck ist somit erfüllt und einen neuen Zweck zu finden, der nicht schon von andern Verbänden bedient wird, ist unrealistisch. Man kann sagen, der Verein habe seine Ziele erreicht und gleichzeitig die Legitimation für seine Weiterexistenz verloren. Zukünftig liegt die Arbeit in den Händen aller Verbände, dem VMS, dem Schulmusikverband, der Musikhochschulkonferenz und den Laienverbänden.

Eine der Hauptaufgaben von j+m war der Fonds zur Unterstützung herausragender Jugendmusikprojekte. Warum wird er aufgegeben?
Die Förderung ist, notabene unter demselben Namen, zur Bundesaufgabe geworden – deshalb braucht es den vergleichsweise kleinen j+m-Fonds auch nicht mehr. Der Weg führt jetzt über das Programm j+m: Man lässt sich zum j+m-Leiter ausbilden und meldet sein Lager oder seinen Kurs an. So kann man mit einer Finanzierung rechnen. Der j+m-Fonds hat sich, auch wegen der Namensgleichheit mit dem Bundesprogramm Jugend und Musik, in seiner jetzigen Form überlebt und macht in der neuen Förderlandschaft keinen Sinn mehr.

Die Arbeit geht also weiter...
Die Arbeit steht erst am Anfang, denn weder der ausserschulischen musikalischen Bildung, noch dem Musikunterricht an den Schulen noch der Begabtenförderung ist man bis jetzt in der Umsetzung gerecht geworden. Das Einzige, das bisher erreicht wurde, ist der niederschwellige Zugang im Programm Jugend und Musik. Das Ziel für die Musikschulen muss jetzt sein, aus der Freizeitecke herauszukommen, um als Bildungsinstitution in Gesellschaft und vor allem Politik anerkannt zu werden. Dazu ist meiner Meinung nach dringend ein Rahmenlehrplan nötig. Wenn das in den nächsten fünf bis sieben Jahren nicht passiert, sehe ich für die Weiterentwicklung der Musikschulen schwarz. Öffentliche Gelder von 750 Millionen pro Jahr für die schweizerischen Musikschulen werden ohne klare Rechenschaftslegung in Zukunft nicht mehr so leicht fliessen. Ein Lehrplan bildet die Voraussetzung und die Legitimation für die hohen Subventionen und dafür, dass hochqualifizierte Masterabsolventen als Lehrpersonen benötigt werden. Um den Bildungsauftrag zu erfüllen, braucht es professionell geführte Organisationen mit guter Infrastruktur, die besten Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler mit Engagement und Eltern, die das unterstützen. Das würde für die Musikschulen eine Zweiteilung bedeuten mit einer Bildungsschiene und einer niederschwelligen Schiene mit tieferen Tarifen. Nur so kann ein bildungsrelevanter Lernerfolg erzielt werden.

Welches sind die nächsten Schritte auf politischer Ebene?
Die Musikverbände müssen jetzt ein Musikfördergesetz anstreben und sich vehement darum bemühen, aus dem Kulturförderungsgesetz herauszukommen und vom Kultur- ins Bildungsdepartement zu wechseln.
Bei der Begabtenförderung muss ein gesetzestaugliches Konzept auf den Tisch. Der VMS bemüht sich darum, doch müsste hier der Lead eigentlich bei den Hochschulen sein.
Der Schulmusikverband sollte eine neue Initiative in Erwägung ziehen, denn der Schulbereich wurde im 2012 angenommenen Gegenvorschlag derart verwässert, dass in der Schullandschaft in den nächsten zehn Jahren rein gar nicht passieren wird. Der Rückzug der ursprünglichen Initiative war ein Fehler. Hätte man an ihr festgehalten, stünde der Bund jetzt auch bei den Schulen in der Pflicht.

An der Mitgliederversammlung vom 15. September 2017 wird die Verbandsauflösung mit grösster Wahrscheinlichkeit besiegelt. Wie lautet Dein Appell an die Verantwortlichen der musikalischen Bildungsinstitutionen, an Gesellschaft und Politik?

Mit dem Verfassungsartikel 67a haben wir einen wichtigen Meilenstein gesetzt. Mein Appell lautet nun, das Optimum aus diesem Artikel herauszuholen und zwar für die Breitenförderung, die Spitzenförderung und für unser einzigartiges schweizerisches Musikschulnetz. Dabei geht es vordringlich um die Weiterentwicklung der Musikschulen zu Bildungsinstitutionen und Kompetenzzentren für die schulische und ausserschulische musikalische Bildung. Dieser Schritt ist schon längst überfällig.
Weitere Ziele müssen sein, das Budget von Jugend und Musik zu vervierfachen, ein Musikfördergesetz im Rahmen des Musikartikels zu erarbeiten, welches die Aufgabenverteilung in der musikalischen Bildung im schulischen und ausserschulischen Bereich klar definiert. Zur Musikschule als Bildungsinstitution gehört auch die Begabtenförderung in enger Zusammenarbeit mit den Musikhochschulen. Für die schulische musikalische Bildung erachte ich eine erneute Initiative als prüfenswert.

Der Auflösung von j+m ist gleichbedeutend mit dem Abschied Hector Herzigs aus der ersten Reihe der Schweizer Musikverbände. Wie geht es für Dich persönlich weiter?
Ich habe meinen Rückzug ins Unternehmertum bewusst vollzogen. Das Feuer für die Sache ist nicht erloschen, doch heisst es jetzt Abschied nehmen. Es ist mir wichtig, dass die Auflösung des Vereins professionell über die Bühne geht. Mit der Auflösung von j+m werde ich aus allen Ämtern scheiden und sämtliche Verantwortung abgeben. Mit meiner Beratungsfirma HERZKA GmbH werde ich aber weiter auch in der Musikschul- und Verbandsbranche präsent sein und meine Erfahrung einsetzen können.

 

Die Ziele von jugend+musik (2008):
- wir wollen – analog zu Jugend+Sport – eine Bundesinstitution werden, welche als Klammer über dem gesamtschweizerischen Kinder- und Jugendmusizieren fungiert.
- wir fördern das aktive Musizieren der Jugend bis 25 Jahren, indem wir Projekte aus allen musikalischen Stilrichtungen unterstützen.
- wir wollen das Recht auf musikalische Bildung in Verfassung, Gesetz und Gesellschaft verankern.
- wir setzen uns sowohl für die Breiten- als auch für die Spitzenförderung ein.
- wir ermöglichen mit Finanzierungshilfen Begegnungen von musizierenden Jugendlichen im In- und Ausland (Lager, Projekte, Reisen, Kurse etc.).
- wir helfen koordinativ und finanziell mit, überregionale Aktivitäten für jugendliche Musiker (Wettbewerbe, Auftritte etc.) zu veranstalten.

Verein jugend+musik

Präsident
Hector Herzig
Mobiltelefon 076 321 54 64
hector.herzig@jugendundmusik.ch

Geschäftsstelle
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17:00 – 18:00
Mitgliederversammlung
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