Der Verein jugend+musik ist Geschichte

Niklaus Rüegg, 30.11.2017

Wie alles begann, welche Erfolge und Probleme es gab und wie es weiter geht.

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Ruth Hochuli - Hans Brupbacher

Niklaus Rüegg – Im Gespräch mit zwei Persönlichkeiten, die für j+m prägend waren, Ruth Hochuli und Hans Brupbacher, lassen wir die siebzehn Jahre der Existenz des Vereins Revue passieren. Gleichzeitig mit der Verbandsauflösung per Ende Jahr 2017 wird auch diese Verbandsseite aus der SMZ verschwinden. Doch die Arbeit für die musizierende Jugend geht weiter.

Ruth Hochuli, Hans Brupbacher, wie hatte die musikalische Bildungslandschaft vor der Gründung von j+m im Jahr 1999 ausgesehen?
Seit Anfang der Siebzigerjahre zeigte die Kurve von Gründungen neuer Musikschulen steil nach oben. Schon 1972 lancierte der Schulmusiker Ernst Waldemar Weber das Projekt mit dem erweiterten Musikunterricht an den Primarschulen. Daraus entstand 1988 ein Nationalfondsprojekt. Aus Deutschland war der Einfluss von Hans Günther Bastian mit seiner vergleichenden Studie mit Kindern mit und ohne verstärkten Musikunterricht sehr wirksam.
Armin Brenner, der ab1968 die Abteilung Musik und Musikerziehung der Erziehungs- und Kulturdirektion des Kantons Basel-Landschaft leitete, hatte sich für eine flächendeckende musikalische Erziehung im Kanton Basel-Landschaft und darüber hinaus, als Präsident des VMS, in der ganzen Schweiz engagiert. Ende der Achtzigerjahre erschien die genannte Nationalfondsstudie. Allmählich reifte die Überzeugung, dass Schulen, Musikschulen und Jugendmusikverbände verstärkt zusammenarbeiten sollten. In den Achtzigern haben wir dann die «Koordination Musikerziehung Schweiz» (KMS) gegründet. Hier wurden nach und nach fast alle wichtigen Musikverbände Mitglied. Das war der Anstoss für eine engere Zusammenarbeit in der Musikerziehung.

Welche Persönlichkeiten haben die Gründung von j+m an die Hand genommen?
Die Idee zur Gründung des Vereins jugend+musik stammte ebenfalls von Ernst Waldemar Weber, obwohl diese später andere Kreise für sich beanspruchten. Nachdem es zu Unstimmigkeiten zwischen Weber und dem Schweizer Musikrat kam, haben der SMR und die Projektgruppe der KMS die Gründung von j+m vorangetrieben.

Was wollte man mit j+m bezwecken?
Man wollte alle Verbände, die mit dem Jugendmusizieren zu tun haben, einbinden, um Kräfte zu bündeln und mit einer Stimme sprechen zu können. Das Vorbild war schon damals das Programm «Jugend und Sport». Die politische Arbeit wollte man durch Lobbying und die Arbeit an einem Musikförderungsgesetz voran bringen. Durch die Anwerbung von Mitgliedern sollte Geld generiert werden, um grosse nationale Projekte wie den Jugendmusikwettbewerb, den Schweizer Jugendchor, das Schweizer Jugendsinfonieorchester etc. zu fördern. Neben den Beiträgen der Einzel- und Trägerschaftsmitgliedern, durfte man immer wieder auf Unterstützung durch einzelne Stiftungen zählen.
Im Mai 1999 haben wir mit einem grossen Musikfest gleichzeitig an 229 Orten in der Schweiz einen fulminanten Auftakt zur Gründung von j+m gesetzt. DRS 1 hatte während vier Stunden aus sechs Orten live berichtet.

Welche Verbände haben sich von Beginn an für j+m eingesetzt?
Folgende Verbände waren von Beginn an dabei:
- Eidgenössischer Orchesterverband
- Jeunesses Musicales de Suisse
- Schweizer Jugendchor
- Schweizer Jugendmusikverband
- Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester
- Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Jugendmusik und Musikerziehung
- Schweizerischer Jugendmusikwettbewerb
- Schweizerischer Musikpädagogischer Verband
- Show Szene Schweiz / Prix Walo (später dazu gekommen)
- Verband Musikschulen Schweiz
- Verband Schweizer Schulmusik
- SUISA

Welche Ziele hatte man sich gesetzt und was wurde erreicht?
Der Fonds funktionierte von Anfang an relativ gut. Wir hatten bald einmal 20 bis 30'000 Franken pro Jahr zur Verfügung, um Projekte zu unterstützen. Bei der Mitgliederwerbung harzte es allerdings. Mit der politischen Arbeit konnten wir Erfolge verbuchen. Mit Art. 69 Abs. 2 fand die Musikförderung 1999 Aufnahme in die neue Bundesverfassung.
Mit KFG Art. 12: «Der Bund fördert in Ergänzung zu kantonalen und kommunalen
Bildungsmassnahmen die musikalische Bildung», welchen Susanne Leutenegger-Oberholzer, unterstützt von Josianne Aubert in der Frühjahrsdebatte 2009 durch das Parlament gebracht hatte, verfügte man über eine Grundlage, auf der man aufbauen konnte.

Mit welchen Schwierigkeiten sah man sich im Laufe der siebzehn Jahre konfrontiert?
Man bekam den Eindruck, dass der Verein eigentlich von keiner Seite wirklich gewollt war. Das Thema Förderung der musikalischen Bildung kam bis zur Musikinitiative auf nationalpolitischer Ebene kaum vor. Mit der Lancierung der Initiative wurde das Bewusstsein für das Thema erst geweckt und die Solidarität und die Zusammenarbeit unter den Musikverbänden wurden endlich intensiviert.
Die Umsetzung des neuen BV Art. 67 entspricht leider noch nicht den ursprünglichen Intentionen. Mit der Initiative wollte man in erster Linie die Schulmusik verbessern und einen höheren Stellenwert der Musikschulen in allen Kantonen erreichen. Das hat, auch aus Gründen der kantonalen Hoheit, leider nicht geklappt. In den j+m-Statuten steht, das Recht auf musikalische Bildung müsse in Verfassung, Gesetz und Gesellschaft verankert werden. Diese Ziele haben wir auch noch nicht nach unseren Vorstellungen erreicht.

Was haben wir erreicht, das ohne j+m nicht möglich gewesen wäre?
Eine Errungenschaft ist sicher, dass der Diskurs über die musikalische Bildung in Schwung gekommen ist. In Politik und Gesellschaft ist das Thema angekommen. Auch finanziell wurde etwas erreicht. Auf dem niederschwelligen Gebiet haben wir das Bundesprogram «Jugend und Musik» und das BAK unterstützt mit momentan einer Million jährlich grosse nationale Jugendmusikprojekte. Der j+m-Fonds wird jetzt vom Bundesprogramm Jugend und Musik abgelöst, durch welches Kurse und Lager alimentiert werden können.

In welchen Gefässen sollten die Ziele von j+m in Zukunft weiter verfolgt werden?
Das Netzwerk weiterzuführen ist sicher absolut notwendig. Es bedeutet eigentlich eine Rückkehr zum System der KMS aus der Zeit vor j+m.

 

Meilensteine

1972
Persönlichkeiten des Schweizer Musiklebens diskutieren an einem Treffen über einen Bundesartikel «Jugend und Musik». Dies darf wohl als erster Anstoss zu jugend+musik bezeichnet werden.
1972 - 1979 und 1988 - 1991
Nationalfonds-Projekt
Schulversuche mit erweitertem Musikunterricht (Initiant und Autor: Ernst Waldemar Weber)
1990
Ernst Waldemar Weber formuliert während der Abschlussphase des Projektes «Bessere Bildung mit mehr Musik» erstmals die Idee einer Institution jugend+musik.
1995
Unter der Federführung von Ernst Waldemar Weber: Sondierungen bei J+S hinsichtlich eines eigenen Gesetzes j+m
1996
Gründung der «Koordination Musikerziehung Schweiz» (KMS) als selbständige Arbeitsgruppe des Schweizer Musikrates (SMR) mit Vertretern sämtlicher Musikpädagogischer Beruf- und Laienverbände der Schweiz. Die KMS beteiligt sich an der Vernehmlassung zur Revision der Bundesverfassung mit dem Vorschlag eines Verfassungsartikels über Musik, Turnen und Sport.
1996
Bildung einer Arbeitsgruppe und eines Ausschusses (Vorsitz: Ernst Waldemar Weber, Verena Nägele und Hans Brupbacher) mit dem Ziel, einen Verein jugend+musik zu gründen und einen Festtag jugend+musik durchzuführen.
1999
Nach grossem Engagement des SMR (Federführend: KMS und Arbeitsgruppe j+m) stimmen Nationalrat und Ständerat für die Aufnahme eines erweiterten Kultur-Artikels in die neue Bundesverfassung zu. Dies führte zur Formulierung von Artikel 69 Absatz 2: «Der Bund kann kulturelle Bestrebungen von gesamtschweizerischem Interesse unterstützen sowie Kunst und Musik, insbesondere im Bereich der Ausbildung, fördern».
Somit war die Jugendmusikbildung erstmals in der Verfassung verankert und bildete eine wichtige Voraussetzung für die Initiative «jugend+musik», die in den BV Artikel 67a (23.9.2012) mündete.
1999, 20. Januar
Gründung des Vereins j+m in Bern.
Wahl von Brigitte Mürner, alt Regierungsrätin des Kantons Luzern als erste Präsidentin.
Referat von Frau Brigitte Gadient, alt Nationalrätin.
Der erste Vorstand bestand aus:
Hans Brupbacher, Präsident VMS, Glarus
Claude Delley, Direktor der SUISA Stiftung für Musik, Neuenburg
Käthi Engel Pignolo, Präsidentin des EOV, Bern
Jürg Keller, Kaufmännischer Direktor der Tonhalle-Gesellschaft Zürich
Lucretia Meier-Schatz, Nationalrätin, Generalsekretärin Pro Familia Schweiz
Regina Senften, Musikwissenschaftlerin
Paul Vonarburg, Vorstandsmitglied des SMR
1999, 29./30. Mai
Musikfest jugend+musik (Projektleiter Hans Brupbacher)
2005, 12. September
Klausurtagung in Glarus: Strategieentwicklung jugend+musik
2006, März/Juni
Klausurtagungen mit Standortbestimmung und Ziel für 2008: Neupositionierung als Dachverband aller Institutionen, die sich mit dem Musizieren und der musikalischen Bildungsarbeit unserer Kinder und Jugendlichen befassen.
2012, 23.September
Musikalische Bildung erhält Bundesverfassungsartikel 67a.
2017, 15. September
Der Verein j+m wird aufgelöst.

Personen
Präsidium j+m:
1999 bis 2002 Brigitte Mürner
2002 bis 2007 Daniel Knecht
2007 bis 2017 Hector Herzig

Fondspräsidium:
Von 1999 bis 2005 Claude Delley
Von 2005 bis 2010 Monika Kälin
Von 2010 bis 2011 Lorenzetta Zaugg
Von 2011 bis 2017 Kathrin Renggli

Geschäftsführung:
1999 bis 2003 Regina Senften
2003 bis 2007 Franziska Weber
2007 bis 2011 Ruth Hochuli
2011 bis 2017 Siegfried Aulbach
 

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Hans Brupbacher