Praxis-Portrait:
Konzertdramaturgie


Praxis-Portrait:
Konzertdramaturgie


02.12.2015

Die Musikwissenschaftlerin Dr. des. Ulrike Thiele ist seit Beginn dieser Saison Dramaturgin des Tonhalle-Orchesters Zürich. Als ehemalige Präsidentin der Sektion St. Gallen-Zürich und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich berichtet Sie von Ihrer Tätigkeit im Konzertleben.


Benedict Zemp — Für eines der renommiertesten Orchester Europas zu arbeiten, ist für viele Musikwissenschaftler ein Traumjob. Die neue Dramaturgin des traditionsreichen Schweizer Orchesters berichtet aus einem vielseitigen und spannenden Tätigkeitsfeld.


Ulrike Thiele, welches sind Ihre Hauptaufgaben als Dramaturgin der Ton-halle-Gesellschaft?


Als Dramaturgin ist man eine interessante Mischung aus Paradiesvogel und Pragmatiker: Zum einen trage ich die bunte Welt der Musikgeschichte(n) im Herzen und benutze noch so exotische Utensilien wie gedruckte Bücher und historische Quellen; zum anderen lässt es die Produktionsdichte eines grossen Konzerthauses nur bedingt zu, in diesen Gedankenpalästen zu verweilen, die Aufregendes und Faszinierendes für mindestens fünf Leben bereit halten. Es geht darum, ein Stück Musikgeschichte rund um die aufgeführten Werke zu vermitteln, aber auch die Begeisterung dafür. Das geschieht im Berufsalltag sozusagen nach innen und aussen: Im Austausch mit Arbeitskollegen aus vielen anderen Abteilungen (wie Presse/Öffentlichkeitsarbeit, KBB, Bibliothek, Musikvermittlung und Marketing/Kommunikation) wird der reichhaltige inhaltliche «Nektar» – wie es ein Kollege neulich so hübsch bezeichnete – geschätzt, der dann unterschiedliche Mischungsverhältnisse erfährt. Wirklich greifbar wird die Arbeit der Dramaturgie dann auch für das Konzertpublikum in verschiedenen Drucksachen: vom Programmfaltblatt für unsere kleineren Konzertformate über Magazintexte bis hin zu den umfangreicheren Programmheften mit aufbereiteten Künstlerbiografien, Libretti und natürlich den Werkeinführungen. Hinzu kommen noch Konzerteinführungen am Konzertabend. 


Von welchen Kenntnissen und Fähigkeiten, die Sie sich während des Musikwissenschafts- Studiums angeeignet haben, profitieren Sie heute am meisten?


Musikwissenschaft ist eine wunderbar vielseitige Disziplin, die zahlreiche Fähigkeiten auf verschiedensten Ebenen verlangt – beim Recherchieren, Formulieren, beim hörenden und lesenden Verstehen, im Umgang mit Fremdsprachen und der rätselhaftesten und vielsagendsten Sprache überhaupt: der Musik selbst, in ihrer notierten und klingenden Form, mit all ihren Begleitumständen und Metatexten. Das ist das Werkzeug für den Konzertdramaturgen, das er in seinem Rucksack immer dabei hat, wenn er versucht den wabbelnden Pudding «Musik» mit Worten «an die Wand zu nageln». Von diesen fachlichen Kenntnissen einmal abgesehen, helfen mir persönlich die gleichen drei Dinge, die mir auf meinem bisherigen Weg immer gute Begleiter waren: Hirn, Herz und Hingabe. 


Welche Elemente des wissenschaftlichen Studiums waren für Sie völlig überflüssig und was vermissten Sie in der Retrospektive?


Das ist ja der Witz an der Sache mit dem wissenschaftlichen Studium – natürlich geht es darum ein Fachgebiet in seiner Breite kennenzulernen, aber es sollte den Studierenden auch genügend Freiraum bieten, dass sie sich in Themen vertiefen können, die sie wirklich interessieren. Wenn das möglich ist, kann Wissen nie überflüssig sein. 


Was empfehlen Sie dem musikwissenschaftlichen Nachwuchs?


Immer neugierig und mutig bleiben – sei es im Studium, in der Forschung oder im Musikbetrieb. Greifen Sie nach dem Pudding!


Das Tonhalle-Orchester ist im Bereich der Musikvermittlung sehr aktiv. Wo liegt Ihrer Meinung nach die Herausforderung, ein junges Publikum zu erreichen?


Ich glaube, die Herausforderung ist, dass das junge Publikum genauso vielgestaltig ist wie das bisherige. Es gibt ganz unterschiedliche Erwartungen an einen Konzertabend und ich bin überzeugt, dass wir ein sehr gescheites Publikum haben, das genau merkt, ob wir ihre Erwartungen und ihre Ansprüche ernst nehmen – egal wie jung es ist. 


Was wünschen Sie der SMG zu Ihrem 100jährigen Jubiläum?


Ich wünsche der SMG, dass sie auch in den nächsten 100 Jahren den Spagat schafft zwischen fundierter Forschung – im schweizerischen und internationalen Kontext – und ansprechender Vermittlung; dass in gut besuchten Veranstaltungen Musikwissenschaftler und Musikliebhaber zusammenfinden, um dann gemeinsam bei inspirierten musikumrahmten Vorträgen, Orgelspaziergängen oder beim Blick in sonst verschlossene Codices vermeintlich Bekanntes begeistert neu zu entdecken.

VERANSTALTUNGEN / CONFÉRENCES

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cristina urchueguia (at) musik unibe ch

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Schweizerische Musikforschende Gesellschaft
Ortsgruppe Basel, 4000 Basel
Berne: Prof. Dr. Cristina Urchueguía
Institut für Musikwissenschaft
Hallerstrasse 5, 3012 Bern
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Florhofgasse 11, 8001 Zürich
Suisse romande: PD Dr. Ulrich Mosch, Université de Genève, Faculté des Lettres, Uni Bastions, rue De-Candolle 5, 1211 Genève 4
Svizzera italiana: Carlo Piccardi, 6914 Carona
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Zürcher Hochschule der Künste
Pfingstweidstrasse 96, 8031 Zürich

 

 

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