Orgelreform und Orgelkrieg

Orgelreform und Orgelkrieg

12.05.2016

Am 4. Juni 2016 findet einmal mehr der Zürcher Orgelspaziergang statt –besucht werden Instrumente, die auf eine Zeit der grossen Ideen, aber auch der Polarisierung in Sachen Orgelbau verweisen.

Zürcher Orgelspaziergang

4. Juni 2016

Moderation: Michael Meyer

13.30: Beginn des Rundgangs – Kirche Dreikönigen, Zürich-Enge – Roswitha Hächler

14.30: Reformierte Kirche Enge – Ulrich Meldau

15.30: Drehorgel am See – Felix Wicki

16.30: Grossmünster – Andreas Jost (In Zusammenarbeit mit den ref. und kath. Kirchgemeinden der Stadt Zürich sowie mit Andreas Jost und Sacha Rüegg)

Michael Meyer— Zürichs Reformator Ulrich Zwingli hatte das Orgelspiel im Gottesdienst verboten und alle Instrumente in den damaligen Zürcher Kirchen stilllegen und abbauen lassen. Erst ab den 1840er-Jahren durfte die Königin der Instrumente wieder aus der Verbannung zurückkehren – und zwar dank einer «Reform von unten», die Kirchgemeinden wünschten sich gegen die anfängliche Skepsis des zentralen Kirchenrats wieder Orgeln, sei es zu Begleitzwecken oder für solistische Aufgaben im Gottesdienst. Wer sich heute in Zürichs reformierten und in den ebenso erst seit dem 19. Jh. erlaubten anderskonfessionellen Kirchen umsieht, wird daher keine Instrumente aus dem 16. bis 18. Jh. finden – just aber auch solche aus der Zeit der Wiedereinführung des Orgelspiels sind sehr rar, in der Tat datieren die meisten von ca. 1930 bis 1970. Warum ist dem so?

Sozusagen als Spätfolge von Zwinglis «Tabula rasa» standen zu Beginn des 20. Jahrhunderts lauter romantische Orgeln in Zürichs Kirchen, die Stadt prägte um 1920 praktisch ausschließlich der von Johann Nepomuk Kuhn aus Männedorf und seinem Sohn Carl Theodor magistral gepflegte sinfonische Orgeltyp mit vielen Achtfussregistern, grosser dynamischer Bandbreite und charakteristischen Solostimmen. Dieser wurde aber im Zusammenhang mit zur selben Zeit aufkommenden Ideen zu einer Orgelreform zunehmend in Frage gestellt. Albert Schweitzer, heute berühmt für sein humanitäres Engagement als Tropenarzt, war eine der wichtigsten Triebkräfte, und alsbald setzten sich auch Schweizer Orgelexperten wie Jacques Handschin und Ernst Schiess für die so genannte ‚Elsässer Orgelreform‘ ein. Diese propagierte die Vereinigung des barocken Orgelbaustils mit dem französisch-romantischen gegen die verschmähten «Orchesterorgeln», die Bachs und Buxtehudes Polyphonie in waberndem Brausen ertränken würden. Zwischen den 1930er- und den 1960er-Jahren mussten in Zürich zahlreiche Instrumente des 19. Jahrhunderts dem neuen Stilideal weichen. Letzterem sind auch diejenigen im Zürcher Quartier Enge verpflichtet, die am diesjährigen Orgelspaziergang besucht werden: Dasjenige der reformierten Kirche datiert von 1952 und ersetzt ein älteres, dasjenige der 1951 geweihten katholischen Kirche Dreikönigen stammt von 1960. Beide wurden von der Männedörfler Firma Kuhn erbaut, die sich damals nicht zuletzt dank ihrer französischen Intonateure meisterhaft auf den «Elsässer Stil» verstand.

Doch bereits in den 1950er-Jahren trieb eine noch radikalere Reformbewegung ernstzunehmende Blüten, die dann auch fast dem ganzen Rest der romantischen Orgeln den «Garaus» machen sollte: Die sogenannte «Orgelbewegung» versuchte nun, den brillanten und transparenten, der Polyphonie zuträglichen Stilen des 16. bis 18. Jh. so nahe wie möglich zu kommen, ausgerechnet also jenen Epochen des Orgelbaus, die aufgrund Zwinglis Reformation nie in Zürich hatten Einzug halten können. Zentraler Protagonist dieser neuen Bestrebungen in Zürich war Grossmünsterorganist Viktor Schlatter. Er war auf Studienreisen mit der dänisch-norddeutschen «Orgelbewegung» in Kontakt gekommen und trachtete nun danach, die alte, auf die 1870er-Jahre zurückgehende Orgel des Grossmünsters zu ersetzen. Doch seine Pläne liessen sich nicht so leicht realisieren: Emil Bächtold, Organist in der St. Jakobskirche und Anhänger der gemässigten Reform, scharte Widerständler um sich – und 1955 entflammte in Zürich ein Orgelstreit ungekannten Ausmasses. Die Gegnerschaft wollte das Instrument als Denkmalorgel erhalten und lobte dessen Funktionstüchtigkeit ebenso wie dessen Klangschönheit, während Schlatter und seine Partei das Gegenteil behaupteten. Bächtold war Mitte der 1950er-Jahre sogar umgezogen, um in der Grossmünstergemeinde stimmberechtigt zu werden und so besser gegen das Neubauvorhaben agieren zu können. Doch Schlatter hatte die Gemeinde auf seiner Seite, alle Motionen der Kontrahenten wurden abgeschmettert und der Neubau schliesslich bewilligt. Siegessicher soll er schon während des «Orgelkriegs» einem Gegner zugeflüstert haben: «Wüssed si, was de erscht Buechstabe vo mim Name heisst? V wie Viktor, ich wirde gwünne!»

Zum ersten Mal in der Schweiz wurden mit der neuen, von der Dietiker Firma Metzler erbauten Grossmünsterorgel die Ideale der «Orgelbewegung» in aller Konsequenz umgesetzt, und zwar inklusive einer klaren und frischen Intonation sowie der den historischen Vorbildern nachempfundenen kastenförmigen Gehäuse, die Orgelexperte Ernst Schiess noch als «Schildwachhäuser» verspottet hatte. Heute, über 50 Jahre nach dessen Bau, scheint das Instrument selber zum Denkmal geworden zu sein, wurde es doch auch zum Referenzwerk für zahlreiche Neubauten im In- und Ausland. Und gottlob konnten mittlerweile die Orgelromantik allgemein rehabilitiert und die Zwistigkeiten beigelegt werden – denn sonst wäre wohl ein Orgelspaziergang wie der diesjährige, der planvoll zwei einst ideologisch so aufgeladene Stilwelten erkundet, kaum denkbar gewesen.

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