Schweizer Musikforschung aktuell

Schweizer Musikforschung aktuell

29.06.2017

Die Doppelausgabe 34/35 des Schweizer Jahrbuchs für Musikwissenschaft versammelt Studien und Forschungen aus unterschiedlichen internationalen Zusammenhängen des Fachs. Zugleich will es aber auch der Forschung, die von Schweizer Wissenschaftlern und Institutionen betrieben wird, ein Forum geben.

Benedict Zemp — In Übereinstimmung mit globalen intellektuellen Tendenzen sind in den letzten Jahren vermehrt wissenschaftliche Initiativen entstanden, die sich um methodische Herangehensweisen bemühen. Sie dienen dazu, die historiographische und identitätsstiftende Dimension der Schweizer Musik, ihre regionalen und kontinentalen Artikulationsweisen und ihre Stellung im Kanon neu zu bedenken. In diesem Sinn enthält der vorliegende Band eine Gruppe von Aufsätzen, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit einer prägenden Figur der Schweizer Musikgeschichte befassen, mit Hans Georg Nägeli; sie gehen auf Vorträge zurück, die im Februar 2015 im Rahmen der Tagung Das schweizerische Musikwesen im frühen 19. Jahrhundert an der Universität Bern gehalten wurden. Im selben Sinn enthält das Jahrbuch von dieser Ausgabe an Besprechungen über musikwissenschaftliche Veröffentlichungen zur Schweiz. Vervollständigt wird die vorliegende Doppel-Nummer durch Beiträge, die verschiedenste Themen behandeln und Methoden verwenden und von Kollegen stammen, die unterschiedlichen akademischen Zusammenhängen und Generationen angehören.

Hans Georg Nägeli

Gleich vier Artikel behandeln die für das Chorwesen historisch wichtige Persönlichkeit Hans Georg Nägeli. Eckhard Nolte thematisiert in seinem Aufsatz «Hans Georg Nägelis Konzept einer wahren Tonkunstbildung und dessen grundlegende Theoreme» das berühmte Werk «Gesangbildungslehre» von Pfeiffer und Nägeli, das auf Pestalozzischen Grundsätzen beruht und beschreibt dessen Einfluss auf die Musikpädagogik im 19. Jahrhundert. Dabei wird weniger die praktische Brauchbarkeit für den schulischen Gesangsunterricht hervorgehoben, sondern vielmehr die wissenschaftliche Bedeutung dieses Werkes. Damit sollte eine «wahre Tonkunstbildung» sowie «ächten Kunstsinn» der Schuljugend gewährleistet werden. Zudem geht aus diesem pädagogischen Werk hervor, dass wahre Musikerziehung durch Chorsingen den Gemeinschaftssinn stärkt. Daniel Tröhler zeigt in seinem Artikel auf, wie aus dem Kirchengesang ein Schulfach wurde und welche Faktoren dazu beigetragen haben. Die Intermediärfunktion von Schulung zwischen Kind und Erwachsenem steht im Zentrum der Rekonstruktion des zeitgeschichtlichen Stellenwertes von Pfeiffers und Nägelis Gesangbildungslehre, die 1810 erschienen ist. In seinen Ausführungen verfolgt der Autor die These, dass der grosse Erfolg Nägelis und Pfeiffers darauf zurückzuführen ist, einem breiten zeitgenössischen Desiderat zu entsprechen, dem mit Pestalozzis Pädagogik bereits eine Antwort zu Verfügung stand, die es nur noch – durch den Gesang als Schulfach – zu krönen galt. Der nächste Aufsatz, aus der Feder von Thomas Kabisch, geht weg vom Gesang zur instrumentalen Virtuosität. Dabei wird aufgezeigt, dass Nägeli – im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen – die Virtuosität an sich nicht verurteilt. So führt Kabisch aus, dass Hans Georg Nägeli der erste Musiker und Musikschriftsteller war, der Virtuosität als selbständigen Komplex zusammenzusehen und systematisch wie historisch zu durchdringen versucht. Auseinandergesetzt mit dem Thema Virtuosität hat sich Nägeli in einem Artikel und einer Vorlesung. Der vierte Aufsatz zum Zürcher Musikpädagogen untersucht die Schweizerische Sängerbewegung im deutschsprachigen Raum. Dabei bringt Friedhelm Brusniak auch die Vernetzung – unter anderem durch Sängerfeste - von Deutschen und Schweizer Sängern in der Bodenseeregion zur Sprache und zeigt den Einfluss des Schweizerischen Chorwesens auf die deutsche Sängerbewegung überzeugend auf. Zudem stellt der Autor fest, dass die Forschung in diesem Bereich noch lange nicht abgeschlossen ist.

Französische und italienische Oper

Weitere drei Artikel widmen sich den Themen Oper und Instrumentalmusik. Massimo Zicari stellt in seinem Aufsatz die italienische Oper La Sonnambula ins Zentrum und untersucht Aufnahmen der Arie «Ah! Non credea mirarti». Dabei beschreibt er den Einfluss von Tempo-Änderungen auf den Ausdruck im Gesang.

Ivana Rentsch untersucht im Aufsatz «Locus amoenus: Klingende Natur in der Tragédie lyrique» die Ausrichtung der Tonsprache an der Natur in der französischen Oper. Ihre Forschungsergebnisse fokussieren die Darstellung des idealen Naturausschnitts durch die Musik, im Gegensatz zum locus horridus. Dabei zeigt sie auf, dass diese Differenzierung in erster Linie in instrumentalmusikalischen Passagen zum Ausdruck kommt. Untersuchungsgegenstand sind dabei Opern von Lully und Rameau.

Der bekannte Mailänder Geiger Johann Friedrich Schreivogel ist Gegenstand der Untersuchungen von Michael Talbot. Dabei stellt der Autor fest, dass nur wenige biografische Eckpunkte bekannt sind vor dessen Ankunft in Mailand. Eine Aussage von Joachim Quantz lässt jedoch vermuten, dass Schreivogel in der Schweiz geboren wurde. Talbot hält den Violinisten für einen grossartigen Komponisten, dessen Schaffen und Bezug zur Schweiz noch weiter erforscht werden müssen.

Für die Mithilfe bei der Redaktion dieses Bandes gilt der Dank Andrea Garavaglia (Freiburg), Miriam Roner (Bern), Louise Sykes und Delphine Vincent (Freiburg), für die grosszügige finanzielle Unterstützung beim Forschungspool der Universität Fribourg.

Der Band kann beim Verlag Peter Lang bestellt werden. Weitere Informationen finden sich auf:

> www.smg-ssm.ch

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