Musik und Emotionen in der Literatur

Musik und Emotionen in der Literatur

22.10.2017

An der Universität Bern wird vom 16. bis 18. November die Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (SGAVL) ausgerichtet. Dabei dreht sich alles um die Musik und ihre vieldeutige Mobilisierung in literarischen Texten.

Valeria Lucentini — Es ist nicht schwierig, sich eine Beziehung zwischen Musik und Emotionen vorzustellen – und es ist kaum überraschend, dass sich auch die Literatur über die Jahrhunderte stets daran abgearbeitet hat. Spätestens im Zuge der Musiktheorie der Spätaufklärung des 18. Jahrhunderts wird Musik zur Kunstform, die intellektuell verstanden werden will. «Daraus resultiert letztlich der methodische Anspruch, dass die oftmals auf den Transport kulturell geprägter Emotionen verkürzten Gestaltungsabsichten der Musik intersubjektiv erklärbar sind und etwa nach denselben strukturalistisch-semiologischen Kriterien analysiert werden können wie bei einem Worttext» (Schmidt, «Literatur in (Instrumental-)Musik», in Handbuch Literatur & Musik, 2017). Der wechselseitige Austausch zwischen Musik und Literatur ist eben so alt wie die zwei Formen beider Künste selbst.

Mit ihrer Jahrestagung zum Thema «Musik und Emotionen in der Literatur» will die SGAVL aber mehr als nur ein Klischee bedienen; sie will die verschiedenen Formen der Aneignung mit den der Literatur eigenen Instrumente vertieft untersuchen. Der komparatistische Schwerpunkt und die Interdisziplinarität der Veranstaltung scheinen schon auf den ersten Blick im Programm auf: die Redebeiträge reichen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart und behandeln viele Perspektiven auf der Literatur aus verschiedensten Kultur- und Sprachgebieten.

Von Schweizer Seite wird unter anderem auch Dr. Corinne Kiss Fournier, die wissenschaftliche Leiterin der Tagung, die tschechische Folklore in Milan Kunderas «musikalisch strukturierter» Erzählung The Joke in Augenschein nehmen. Der Berner Musikwissenschaftler Anselm Gerhard wird den Ausdruck von Emotionen zwischen poetischer und musikalischer Metrik in der Oper des 19. Jahrhunderts erläutern. Patrick Suter und Christophe Impériali schließlich werden sich mit dem literarischen Hören von Emotionen beschäftigen, während Marcello Ruta eine ontologische Annäherung an das Thema wagt.

Im Zentrum der Tagung steht auch der ästhetische Aspekt des musikalischen Werks sowie dessen rhetorische Mittel und Hermeneutik: zwei Elemente, die die Forschung und Kompositionen des Amerikaners Lawrence Kramer bestimmen. Die musikalische Ekphrasis – die er als «technique of visualization [...] but also a hermeneutic technique, a means of commenting on what is visualized and therefore of training the eye to see meaningfully» versteht – bildet den Schwerpunkt nicht nur seines Vortrags, sondern auch zweier seiner Musikwerke, welche beim Konzert am Freitagabend von Studierenden der HKB aufgeführt werden. Evocations for Piano and Optional Voice ist ein von Debussy inspiriertes fragmenthaftes Werk. Durch literarische Zitate am Ende jedes Fragments behauptet die Komposition die Kraft des Wachrufens im Gegensatz zur Beschreibung, eine Technik, die Debussy von Mallarmé gelernt hatte. Mosaics für Streichquartett steht in direktem Dialog mit Walt Whitmans Gedicht «Twilight» und wird einen musikalischen Ausdruck des Widerspruchs zwischen der Faszination dichterischer Sprache und der Sonderbedeutung der Wörter darstellen.

Der Tag der Doktorierenden

Zum dritten Mal in der Amtszeit des neuen Präsidenten der SGAVL, Thomas Hunkeler, wird ein Tag ganz den Doktorierenden gewidmet. Dieser wird in Zusammenarbeit mit Swissuniversities und dem Walter Benjamin Kolleg organisiert und findet am 18. November 2017 statt. Sieben Doktorierende präsentieren dann neue Aspekte der Beziehung zwischen Musik, Emotionen und wortsprachlichen Texten anhand von exemplarischen Analysen. In der Sitzung über die Musik als poetisches Prinzip etwa geht es um Texte des römischen Politikers und Dichters Silius Italicus, des österreichischen Schriftstellers Arthur Schnitzler bis hin zum französisch-mauritischen Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Le Clézio. Eine gänzlich andere Perspektive bietet die Sitzung zu Wechselbeziehungen zwischen Text und Musik mit einer Analyse von Fernando Pessoas L’interlude und Saudade sowie mit Überlegungen zu musikalischen Reiseberichten aus dem Italien des 18. Jahrhunderts. Ein detailliertes Programm ist auf www.francais.unibe.ch zu finden.

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