Violinspiel  erleichtern

Violinspiel erleichtern

22.10.2017

Ein Zürcher Forschungsprojekt liefert erste wissenschaftlich fundierte Ergebnisse zu individuell geeigneten Violinpositionen.

Horst Hildebrandt, Oliver Margulies, Marta Nemcova — Wer sowohl die Quellen zu den jahrhundertelangen Traditionen der Violinpädagogik als auch die musikmedizinischen Beiträge der letzten Jahrzehnte sichtet, wird Folgendes entdecken: Zu individuell geeigneten Instrumentenposition bzw. ergonomischen Hilfsmitteln (zum Beispiel Kinnhaltern, Kissen und Schulterstützen) finden sich oft nur ungenaue oder widersprüchliche Empfehlungen.

Die vorhandenen Empfehlungen könnten unter anderem von den individuellen anatomischen Voraus- setzungen derjenigen Schulenbe-gründer geprägt sein, welche die Empfehlungen formuliert haben. Erst ab den 1970er Jahren wurde die enorme Bandbreite individueller anatomischer Eigenschaften systematisch erforscht, welche an Musikinstrumenten erleichternd oder limitierend erfahren werden. Das für diese Forschung massgebliche Handla- bor wurde von seinem Begründer Christoph Wagner 2009 an die Zürcher Hochschule der Künste übergeben und von dem Autoren-Team dieses Beitrages weiter ausgebaut (www.zzm.ch).

Angesichts besorgniserregender Beschwerdezahlen bei hohen Streicherinnen und Streichern sowie zunehmender Nachfrage nach musikphysiologischen Hilfestellungen für den Unterrichtsalltag liefert ein an der Zürcher Hochschule der Künste jüngst abgeschlossenes, vom Schweizerischen Nationalfonds, der Ernst Göhner Stiftung und dem Schweizerischen Hochschulzentrum für Musikphysiologie (www.shzm.ch) gefördertes Forschungsprojekt erste wissenschaftlich fundierte Ergebnisse zu individuell geeigneten Violinpositionen.

Weitere Kooperationspartner waren Barbara Köhler (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) und Matthias Nübling (Gesellschaft für Empirische Beratung).

Die Querschnittstudie Objective Criteria for the Individual Selection of a Physiologically Advantageous Violin Position untersuchte über den Zeitraum von mehreren Jahren, wie Instrumentenposition, Muskelspannung und Anstrengungsgefühl im linken Arm zusammenhängen. Weiterhin wurden Daten zu individuellen, biomechanischen und muskulären Hand- und Armeigenschaften erhoben.

Eine Vorstudie an Musikschule Konservatorium Zürich mit 24 Schülern und Schülerinnen unterschiedlicher Spiel- und Altersstufen legte die Grundlage für die anschliessend unter Labor- bedingungen bei 15 Geigern und 15 Geigerinnen erfolgte Datenerhebung beim Spielen einer vorgegebenen Tonfolge in vier standardisierten Violinpositionen. Zusätzlich wurden Vergleichsdaten beim Spielen mit der gewohnten Position und ergonomischen Einrichtung gesammelt. Die standardisierten Violinpositionen wurden ohne Kinnhalter und Schulterstütze getestet, um eine objektive, vergleichende Analyse zu ermöglichen und Spieltraditionen der historischen Aufführungspraxis einbeziehen zu können.

Erste Auswertungen der verschiedenen Phasen des Forschungsprojektes zeigen, dass sich geschlechtsübergreifend klare Unterschiede zwischen den verschiedenen Instrumentenpositionen bezüglich der objektiven Muskelaktivität und beim subjektiven Anstrengungsgefühl messen lassen.

Auf Grundlage der Studienergebnisse wurde zudem ein laborunabhängig anwendbares Testverfahren für den Unterrichts-Alltag aller Ausbildungsstufen entwickelt. Im Rahmen eines Workshops für die European String Teachers’ Association ESTA wurde dieses Verfahren bereits vorgestellt. Die dargestellten Ergebnisse und Testverfahren erlauben es, für das Spiel auf hohen Streichinstrumenten im Berufsalltag physiologisch fundierte Empfehlungen bzgl. ergonomischer Optimierungen zu geben. Weiterhin erleichtern sie die Prävention und Therapie von tätigkeitsspezifischen gesundheitlichen Problemen.

Inspiriert durch die gewonne- nen Ergebnisse konnte in Zusam-menarbeit mit der Firma Wittner ein Kinnhaltermodell mit dem Namen Zuerich entwickelt wer-den, welches durch diverse Höhen- und Winkeleinstellungen eine Anpassung an die indi-viduellen Bedürfnisse und ver- schiedene Kopfpositionen auch während des Spielens in Sinne einer Ermüdungsprophylaxe erlaubt. (www.wittner-gmbh.de/neuheiten.html)

Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin

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