Musikpädagogik  für Menschen mit  Behinderungen

Musikpädagogik für Menschen mit Behinderungen

21.11.2017

Vom 3. bis 5. November fand im Luzerner MaiHof die 48. Dreiländertagung (D-A-CH) statt. Sie widmete sich dem Thema «Musikpädagogik für Menschen mit Behinderungen».

Lucas Bennett — Die Tagung, die dieses Jahr vom Schweizerischen Musikpädagogischen Verband (SMPV) und vom Deutschen Tonkünstlerverbandes (DTKV) ausgerichtet wurde, bot einen Überblick über aktuelle Projekte und Initiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In der für die traditionsreichen Tagungen charakteristischen Weise wurde die Thematik sehr breit aufgerollt, so dass sich ein reiches Spektrum an Themen, Ansätzen und Aufgaben offenbarte.

Zwischen Praxis, Modellen und Begriffen

Einen praxisnahen Einblick in seine musikalische Arbeit mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen gab Dieter Bucher in seinem Beitrag «Denn das Leben ist keine Probe» – Stellenwert der Kreativität in der Musikvermittlung für Menschen mit besonderen Bedürfnissen». Bucher, der am Kärntner Landeskonservatorium Musikpädagogik lehrt, stellte dabei die Kreativität jedes einzelnen als Weg zu gleichberechtigtem Musizieren in den Vordergrund. Eigene Erfahrungen mit Inklusion u.a. in Pädagogik und Lehrerausbildung schilderte auch Alfons Blug («Wege entstehen, indem wir sie gehen – langjährige Erfahrungen mit Inklusion»). Ausgehend vom Modell der Dialogspirale von Adriano Milani Comparetti (1919-1986) beleuchtete Christine Knoll Kaserer (Landeskonservatorium Tirol) die verschiedenen Ebenen des wechselseitigen Dialogs im Musikunterricht («Musik und Tanz für alle – von der Wichtigkeit des Dialogs im Musikunterricht»).

Wenn Bildungsorganisationen und -politik Forderungen formulieren, wird mit Begriffen operiert, deren konkrete Bedeutung oft wenig klar wird. Dass solche Begrifflichkeiten selbst der kritischen Reflexion bedürfen, um Einstellungen und Haltungen zu hinterfragen, zeigte Katarina Bradler, Professorin für Musikpädagogik an der Technischen Universität Cottbus-Senftenberg in ihrem anregenden Beitrag auf («Inklusion – die neue Etikette für den Instrumentalunterricht?»). Die Basler Musikpädagogin Babette Wackernagel, die 2010 die Basler Musikschule «Musik trotz allem» gründete, präsentierte einen Überblick über institutionelle Voraussetzungen und Hürden des Musikunterrichts für Menschen mit Beeinträchtigung, wobei auch unternehmerische Aspekte zur Sprache kamen («Nicht das Ob, sondern wie ist das mit dem WIE? Institutionelle Aspekte im Bereich ‹Musik und Beeinträchtigung›»).

Musiknotation und Sehbehinderung

Eine Einführung in die vom Pionier der Blindenschrift Louis Braille (1809-1852) entwickelte Notenschrift für Blinde vermittelte Lia Cariboni, Lei-terin des Fachbereichs Musik bei der Schweizerischen Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte (SBS) in ihrem Beitrag «Fünf Linien auf den Punkt gebracht – Musiknoten für sehbehinderte Menschen». Bei der Erörterung der vielfältigen Aktivitäten der SBS, die unter anderem Noten in Braille-Schrift herstellt und über einen grossen Bestand an Musikrepertoire und Lehrmitteln verfügt, kamen auch spezifische Hindernisse im System der Schweizerischen Invalidenversicherung (IV) zur Sprache.

Ebenfalls auf der Braille-Notenschrift beruht die Klavierschule Klavier lernen Punkt für Punkt des Klavierpädagogen und Klavierstimmers Martin Rembeck. In seinem Referat «Barrierefreier Unterricht mit blinden Menschen» beleuchtete Rembeck die Frage nach dem Lernen von Musik nach Noten, bzw. nach Gehör und bot daneben auch einen vertiefenden Einblick in die Funktionsweise der Notation selbst. Den weiteren Hintergrund bot dabei die Darstellung des Übergangs von – vereinfacht gesprochen – älteren Sonderschulsettings hin zu Integration und Inklusion, den Rembeck, der selber sehbehindert ist, äusserst differenziert darzustellen vermochte.

Musizieren und Tanzen mit und ohne Behinderung

Christine Riegler, die an der Universität Innsbruck zu Disability Studies forscht, präsentierte «Dance Ability – Tanz für Menschen mit und ohne Behinderungen». Dance Ability beruht auf einem Konzept des amerikanischen Tänzers Alito Alessi, bei welchem es allen Menschen, unabhängig von einer allfälligen Einschränkung, mittels Improvisation und Kontaktimprovisation möglich ist zu tanzen.

Roland Strobel referiert über seine Arbeit mit der 2004 aus dem Theaterensemble HORA hervorgegangenen, HORA’BAND, deren begeisterndes Konzert ein Höhepunkt der Tagung war.