Das Verhältnis zwischen dem Tessiner Sinfonieorchester und der SRG/RSI ist schon länger angespannt. Nun wurde es vertraglich neu geregelt.  

Zur Zukunft des OSI

Johannes Knapp, 30.03.2017

Das Verhältnis zwischen dem Tessiner Sinfonieorchester und der SRG/RSI ist schon länger angespannt. Nun wurde es vertraglich neu geregelt.

Die fast anderthalb Jahre anhaltende Ungewissheit über die Zukunft des Orchestra della Svizzera Italiana (OSI) ist vorsichtigem Optimismus gewichen. Grund dafür ist ein neuer Zusammenarbeitsvertrag zwischen der Trägerschaft des Orchesters (Fondazione dell'OSI) und der SRG/RSI. Gemäss diesem Vertrag erhält das Orchester ab 2018 keine Pauschalvergütung durch die SRG/RSI mehr. Stattdessen verpflichtet sich die SRG/RSI, beim OSI jährlich Orchesterleistungen im Wert von mindestens rund 2.2 Millionen Franken zu beziehen. In einer Medienmitteilung der SRG vom 23. Februar 2017 heisst es, dass damit ein «Systemwechsel von der pauschalen Vergütung hin zu einem Auftragsverhältnis vollzogen» werde. Mit diesem «Systemwechsel», über den bislang weder gegenüber den Orchestermitgliedern noch der Öffentlichkeit genauere Einzelheiten bekanntgegeben wurden, setzt die Rundfunkanstalt ein Vorhaben in die Tat um, das die SRG-Generaldirektion bereits im November 2015 in einem Brief an den Stiftungsrat des Orchesters formuliert hat, wenn auch recht euphemistisch: Man wolle mit dem Stiftungsrat ein neues Finanzierungsmodell diskutieren und damit ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis für den Subventionsgeber erzielen. Ein neuer Verteilerschlüssel zwischen der Tessiner SRG-Unternehmenseinheit und öffentlichen wie privaten Geldgebern sei das Ziel. Welche konkreten Einsparungen der Rundfunk am OSI plant, geht aus dem damaligen Brief, mit dem zugleich die bisherige Kooperationsvereinbarung zwischen SRG/RSI und OSI aufgekündigt worden war, nicht hervor. Bekannt ist die Einsparsumme erst seit der besagten Medienmitteilung: rund eine Million Franken pro Jahr. Die Kürzung um rund ein Drittel ist immens! Angesichts der Befürchtung jedoch, dass sich die SRG/RSI ihrer Verantwortung gegenüber dem Orchester ganz entziehen könnte, ist die Weiterfinanzierung des Orchesters mit rund 2.2 Millionen als durchaus positiv zu bewerten.

Dank des neuen Vertrags, der eine Laufzeit von sechs Jahren hat, ist die Existenz des Orchesters kurz- und mittelfristig nicht mehr gefährdet. Im Inneren des Orchesters allerdings bleiben viele Unsicherheiten: Nach wie vor sind der Gesamtarbeitsvertrag mit dem Sindacato dei servizi pubblici e sociosanitari (SSP/VPOD) sowie die Individualarbeitsverträge der Musikerinnen und Musiker auf Ende 2017 gekündigt. Diese Massnahme ergriff der Stiftungsrat des OSI im November 2016. Die Begründung lautete, dass ein Ausstieg der SRG/RSI aus den bisherigen Verträgen unabwendbar sei. Auf seiner Facebookseite kommunizierte das OSI zum selben Zeitpunkt, die Kündigung der Arbeitsverträge seiner Angestellten sei «ein erster Schritt in Richtung einer internen Restrukturierung, die mit einer Qualitätsentwicklung» einhergehe. Die Strategie sei, an seine «durch Persönlichkeiten wie Strawinsky und Richard Strauss geprägte gloriose Vergangenheit wieder anzuknüpfen und somit eine neue musikalische Realität» zu schaffen. Vom OSI als Residenzorchester der Sala Teatro Lugano Arte et Cultura (LAC) ist die Rede, von der neuen DVD-Produktion des Brahmszyklus (im Dezember bei Sony erschienen), und nicht zuletzt von internationalen Tourneen. Ein genauer Plan, wie trotz des massiv gekürzten Unterstützungsbeitrags die notwendigen Arbeitsbedingungen für die neue «musikalische Realität» geschaffen werden können, ist bislang nicht bekannt – nicht einmal den Orchestermitgliedern. Aus ihren Reihen wurden bereits Befürchtungen in Richtung schlechterer Arbeitsbedingungen laut. Immerhin hat der Stiftungsrat des OSI auf Drängen des Orchesters schriftlich zugesichert, dass man auch in Zukunft dieselben Musikerinnen und Musiker anstellen wolle. Somit kann man sichergehen, dass die prekäre Situation nicht dazu ausgenutzt wird, das Orchester mit seinen 46 Angestellten personell umzukrempeln.

Es bleibt die Hoffnung, dass potente Sponsoren gefunden werden, die für den Fehlbetrag von über einer Million Franken in die Bresche springen. Der Stiftungsrat setzt sich derzeit wohl intensiv für höhere öffentliche Gelder ein. So hat sich die Stadt Lugano unlängst bereiterklärt, ihren recht bescheidenen Subventionsbeitrag von rund einer halben Million um 150.000 Franken zu erhöhen. Nach wie vor grösster Geldgeber ist der Kanton Tessin (rund 4 Millionen Franken). Sollte er das Studio Radio Besso bei Lugano erwerben, das derzeit noch der RSI gehört, wird die SRG die Laufzeit des neuen Zusammenarbeitsvertrags noch einmal um zwei Jahre verlängern. Diskutiert werden derzeit diverse Nutzungsmöglichkeiten des unter Heimatschutz stehenden Gebäudes. Neben dem OSI ist auch das Conservatorio della Svizzera italiana als potenzieller Mieter im Gespräch. Erfreulich ist, dass die SRG/RSI bei Verkauf dieses Gebäudes, das bereits in die Jahre gekommen ist, baulich nicht verändert werden darf und sich auch bezüglich seines Unterhalts als kostspielig erweisen dürfte, zwei Jahre länger als vertraglicher Leistungsbezüger gegenüber dem OSI verpflichtet.

Die Frage scheint vielleicht verfrüht, aber sie drängt sich auf: Was kommt danach? Die Entlassung des Orchesters aus der halbherzigen Rundfunk-Obhut in die vollkommene Privatautonomie würde die Existenz des OSI wieder aufs Neue infrage stellen.
 

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Die Ungewissheit über die Zukunft des OSI ist vorsichtigem Optimismus gewichen.

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