Im Rahmen des Tonkünstlerfests fand am 1. April in Genf auch die Generalversammlung des STV statt: Sie bot Gelegenheit, die Mitglieder über die laufenden Aktivitäten und die beunruhigenden Zukunftsaussichten zu informieren.  
Welche Zukunft wollen wir?

Welche Zukunft wollen wir?

Laurent Mettraux, Übersetzung: Thomas Meyer, 27.04.2017

Im Rahmen des Tonkünstlerfests fand am 1. April in Genf auch die Generalversammlung des STV statt: Sie bot Gelegenheit, die Mitglieder über die laufenden Aktivitäten und die beunruhigenden Zukunftsaussichten zu informieren.

Nach den üblichen protokollarischen Punkten widmete sich der erste Teil der 118. Generalversammlung diversen Vereinsaktivitäten, beginnend mit der Partnerschaft bezüglich des Concours Nicati, die sich zurzeit in einer Phase der Neuorientierung befindet, sowie der Zusammenarbeit mit dem Kiefer-Hablitzel-Wettbewerb, der sich fortan ausschliesslich auf die Interpreten konzentriert. Soweit es die künftigen Entwicklungen erlauben, wird der STV diese beiden Kollaborationen fortsetzen, besonders bei der Beratung des KHS-Wettbewerbs, was die Auswahl des zeitgenössischen Schweizer Repertoires angeht.

Informationen an die Mitglieder

Die Zeitschrift dissonance kann sich dank ihrem Förderverein einer Unterstützung von ungefähr CHF 16'000.- erfreuen, was es erlaubt, eine der vier jährlichen Nummern zu sichern (die andern beiden werden vom STV getragen, während die Musikakademie Basel die verbleibende Nummer finanziert). Um die weitere Finanzierung der Zeitschrift abzusichern, werden Lösungen mit einem Verlagshaus diskutiert. Die neue Präsidentin, Käthi Gohl-Moser, hebt die ausserordentliche Leistung der Redaktion hervor und fügt an, dass viel administrative Arbeit vom Sekretariat erledigt wird. Das Archiv der dissonance steht dank einer Partnerschaft mit der Schweizerischen Nationalbibliothek bald online (vgl. unseren Artikel in der letzten Septemberausgabe).

Ein anderes Archiv, die Kellerräume und der Estrich am STV-Sitz in Lausanne, überquellen von Dokumenten, darunter befindet sich etwa die gesamte Korrespondenz aus 117 Jahren. Die aktuellen Aufbewahrungsbedingungen sind selbstverständlich alles andere als optimal. Ein Schenkungsvertrag mit dem Bundesarchiv ist in Verhandlung. Wir kommen in einer nächsten Ausgabe auf die Bewahrung des Vereinserbes zurück. Die Informationen an die Mitglieder schlossen mit einer Nachricht, die vor allem viele Komponisten, Interpreten und die Veranstalter zeitgenössischer Musik betrifft: die Erhöhung der SUISA-Entschädigungen für den Tarif K (betreffend Konzert und Theater), versuchsweise für die Periode 2017-21. Ein detaillierter Artikel zu diesem Thema erscheint in der nächsten Nummer.

Der Beschluss des BAK

Der grösste Teil der GV jedoch war der Entscheidung des BAK gewidmet, den STV ab 2018 finanziell nicht mehr zu unterstützen. Nach einer genauen Darstellung dieser Entwicklung, der unterschiedlichen möglichen Lösungen und der unternommenen Tätigkeiten folgten zahlreiche Fragen und Reaktionen der anwesenden Mitglieder; die Enttäuschung, ja die Wut war gross. Bis vor kurzem wurden die Verbände stärker unterstützt, wenn sie eine kulturelle Aktivität ausübten. Aber gemäss der letzten Verordnung, die erst zwei Monate vor dem Datum publiziert wurde, an dem der Vorstand das Gesuch um die BAK-Unterstützung einzugeben hatte, bestraft ein tiefgreifender Kriterienwechsel ausgerechnet solche Förder- und Vermittlungstätigkeiten. Ganz logisch hätte man erwarten können, dass sich das BAK auf das Budget 2017 abstützt, das den Forderungen und den Kriterien der neuen Anordnung Rechnung trägt. Hingegen wurde die Entscheidung aufgrund der Jahresrechnung 2015 gefällt und der Verein daher nach Zahlen beurteilt, die aus der Zeit vor dieser notwendigen stammen.

Unter diesen Umständen war es unmöglich, dem Fallbeil zu entkommen, denn mit der Bilanz von 2015, die gemäss der Rechnung des BAK, 68% für Förderung, Vermittlung und Verbreitung enthielt, passte der STV nicht ins eidgenössische Prokrustesbett. Was die restlichen 32% angeht, die Leistungen an die Mitglieder, und, was sich nicht finanziell quantifizieren lässt, das intensive Networking und der Informationsaustausch, so werden sie ebenso vom BAK künftig mit keinem Rappen mehr unterstützt. Statt nur einen Teil der Subvention zu streichen, wird diese ab 2018 gesamthaft verschwinden (mit einem Übergangsnotgroschen für das Jahr 2017, der nicht einmal ausreicht, um die Angestellten des STV bis Ende Jahr zu bezahlen). Eine dringliche Frage wurde denn auch bei der GV gestellt: Ist sich das BAK bewusst, was es hier leichtfertig zerstört?

STV – Quo vadis?

Weder die Vereinsauflösung noch der stolze, aber geldlose Alleingang scheint dem Vorstand nach einer intensiven Evaluation die beste der drei möglichen Lösungen, sondern eine Fusion. Vielleicht erweist sich diese Herausforderung sogar als Chance, weil die Berufsmusiker im Rahmen einer Allianz stärker auftreten? Zunächst möchte der Vorstand jedoch vor allem die Ansicht der Basis, das heisst seiner Mitglieder kennenlernen. Das geschah schon bei einer Informationsveranstaltung am 15. März in Bern und nun in Genf nochmals in einer nur informativen und nicht bindenden Konsultativabstimmung, die dieses sehr lange Traktandum der Tagesordnung abschloss. Offensichtlich teilt die Basis die Ansicht des Vorstands: Weder die Auflösung auf Ende 2017 noch der Alleingang erhielten eine Stimme, während Einstimmigkeit darüber herrschte, dass die Verhandlungen mit den drei anderen Musikerberufsverbänden in Hinblick auf eine Fusion weiterverfolgt werden.

Wahlen

Mit den Wahlen schliesslich wurde die GV beendet. David Sontòn Caflisch und Christian Kobi, seit sechs bzw. drei Jahren Vorstandsmitglieder, wurden mit Akklamation im Amt bestätigt. Jonas Kocher seinerseits zieht sich nach neun Jahren guten und loyalen Diensts zurück. Mit Akklamation wurde Dragos Tara zu seinem Nachfolger gewählt (siehe Biographie unten); er hob zwei Punkte hervor, die ihm am Herzen liegen: die Reflexion über die Rahmenbedingungen der Musikeraktivitäten, insbesondere die soziale Absicherung der Freischaffenden, und die künstlerische Forschung, bei der die Schweiz schwer im Hintertreffen ist.

Biographie des neuen Vorstandsmitglieds

Dragos Tara, 1976 in Bukarest geboren, lebt seit seinem fünften Lebensjahr in der
Schweiz. Er studierte Kontrabass an der Jazzschule in Montreux und am Konservatorium
Lausanne. 2007 erhielt er einen Master in instrumentaler und elektroakustischer
Komposition an der Genfer Musikhochschule (bei Eric Gaudibert und Michael Jarrell)
und in Paris (bei Emmanuel Nunes). Er ist Mitglied diverser Formationen improvisierter
Musik (ensemble Rue du Nord, insub Meta Orchestra), komponierter Musik (Compagnie
CH.AU) und des Théâtre musical (Compagnie du Phonoscope). Seine zumeist mit Live-
Elektronik begleiteten Kompositionen sind Früchte der Zusammenarbeit mit Ensembles
wie dem Ìllorkestrâ, CH.AU, Boulouris 5, Vortex, Phoenix, NEC und Bin°oculaire. Er hat
zudem an der Organisation zahlreicher Veranstaltungen mitgewirkt, etwa beim Festival
Rue du Nord für improvisierte und experimentelle Musik oder den Performances
Mixtures. Darüber hinaus besitzt er einen Masterabschluss im Fach
Rechtswissenschaften der Universität Lausanne. Spezialisiert auf Arbeitsrecht, hat er
dieses Jahr im Rahmen seines Masterabschlusses an der Haute École d’Art et Design de
Genève (HEAD) eine Forschungsarbeit über die Produktionsbedingungen von
Veranstaltungen mit zeitgenössischer Musik in der Westschweiz vorgelegt.

http://dragostara.blogspot.ch

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