FMB 2018: Digitalisierung und Gesellschaft

Niklaus Rüegg, 30.11.2017

Die Digitalisierung entwickelt sich wesentlich schneller als die Strukturen unserer Gesellschaft. Jöel Luc Cachelin will deshalb der Gesellschaft ein Update verpassen.

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Dr. Jöel Luc Cachelin

Niklaus Rüegg – Die Digitalisierung prägt heute nicht nur unsere Informations- und Kommunikationstechnik sondern auch alle andern Lebensbereiche, wie Bildung, Wirtschaft, Kultur und Politik. Die digitale Revolution ist in vollem Gange und ist daran, alle unsere Lebens- und Arbeitsbereiche auf den Kopf zu stellen. Das hat tiefgreifende Konsequenzen, welche politisch und wissenschaftlich begleitet werden müssen, um nicht in eine Sackgasse zu laufen. Davon ist Jöel Luc Cachelin (*1981), Geschäftsführer der «Wissensfabrik» in Dulliken bei Olten, überzeugt. Cachelin hat an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaft studiert und zum Thema «Management im Zeitalter der Multioptionsgesellschaft» doktoriert. An der Hochschule für Wirtschaft Zürich HWZ bildete er sich in «Disruptive Technologie», an der Universität in «Angewandte Statistik» weiter. Er hat mehrere Sachbücher veröffentlicht, darunter «Offliner – Die Gegenkultur der Digitalisierung». So eben erschien sein neues Buch «Internetgott – Die Religion des Silicon Valley». Etwas älter ist «Update, mit Reformideen zur digitalen Gesellschaft». Unter diesem Titel wird auch sein Referat am 20. Januar 2018 am Forum Musikalische Bildung FMB stehen.

Digital bestimmter Gesellschaftswandel
Die Technisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt bringt unumkehrbare Veränderungen mit sich. Manche sogenannten «disruptiven Technologien» enthalten Innovationen, die bestehende Technologien, Produkte oder Dienstleistungen vollständig verdrängen werden. Diese Entwicklung müsse bewusst gesteuert und begleitet werden, meint Jöel Luc Cachelin. Die Rolle des arbeitenden Menschen im Wertschöpfungsprozess und unsere Erwartungen an Arbeitsräume haben sich durch das Internet grundlegend verändert und bedürfen einer Neuorientierung. Doch die Arbeit der Zukunft ist nicht nur digital. Je mehr sich Arbeit vor die Bildschirme verlagert, desto wichtiger wird der Austausch im realen Raum: «Der reale Raum sollte bewusst für kreative Prozesse, Feedback-Gespräche, Rituale und Inspiration genutzt werden», hält Cachelin fest. Diese Fähigkeit On- und Offline bewusst zu leben, sei in vielen Unternehmen noch wenig ausgeprägt.

Veraltetes Betriebssystem
Während der technologische und der ökonomische Fortschritt rasch vorangehen, hinken die Strukturen unserer Gesellschaft hinterher: «Das Betriebssystem unserer Gesellschaft ist veraltet», drückt sich Cachelin aus. Es brauche Updates im Bereich der Infrastruktur, der Sozialversicherungen, der Bildung und der Verwaltung: «Wagen wir nicht rasch radikale Veränderungen, droht der Kollaps». «Sharing Economy» ist hier eines seiner Schlagwörter. Hier werden Güter gemeinsam genutzt, an die Stelle von Besitz tritt Zugang. Doch Cachelin geht noch weiter: «Zu Ende gedacht, gehören das Wissen und damit auch die Unternehmensgeheimnisse dem Netzwerk».
Der Wissenschaftler hält eine Abkehr vom traditionellen Leistungsdenken für angebracht. Das Geld als Anreiz und Motivation soll durch «alternative Währungen» wie Zeit oder Aufmerksamkeit ersetzt werden. Die Lohnspanne zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Lohn soll verringert werden. Ein weiteres, bei uns noch nicht mehrheitsfähiges Anliegen bringt er mit der Auszahlung eines Grundeinkommens ins Spiel und schlägt damit einen Wechsel von der defizitorientierten Sozialversicherung zu einem potenzialorientierten Paradigma vor. Dieses Grundeinkommen könnte zum Beispiel durch gemeinnützige Arbeiten abgegolten werden.

Herr Cachelin, Sie sprechen am Forum Musikalische Bildung. Verraten Sie uns, was die Digitalisierung mit Schule, Bildung und Musikerziehung zu tun hat!
Die Digitalisierung verändert jeden Lebensbereich und stellt letztlich die Frage, was der Mensch in Zukunft sein soll. Musikalische Bildung ist sicherlich eine Möglichkeit kreativ zu sein – aber auch mit sich selbst in Kontakt zu treten. Zwei zentrale Fähigkeiten in der digitalen Zukunft.

Gehört das Musizieren vielleicht doch mehrheitlich zur «Offline-Kultur», die ja nicht ganz verschwinden wird?
Das würde ich so nicht unterschreiben. Zum einen bringt das Digitale neue Möglichkeiten hervor um zu musizieren. Denken Sie zum Beispiel an DJs, die Melodien und Fragmente von Musikstücken vermischen. Zum anderen entstehen durch das Internet auch neue Möglichkeiten, sich selbst zu bilden, etwa wenn wir mit Hilfe von Youtube Videos lernen, ein Instrument zu spielen. Schliesslich komponieren und musizieren auch Roboter, auch das ein Hinweis, dass wir nicht zu schnell Grenzen ziehen sollten.

Welche neuen Lehr- und Lernformen – auch digitale – halten Sie für erstrebenswert und zukunftsfähig?
Solche die sich an den Fähigkeiten, Ressourcen und Knappheiten der Zukunft orientierten. Dazu gehört das Fördern der Kreativität, des kritischen Denkens und der Selbstreflexion.

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