FMB 2018: Lernorte und Lerngemeinschaften

Niklaus Rüegg, 30.11.2017

Die Musikhochschule Freiburg im Breisgau beherbergt ein spannendes Ideenlabor für neue Musizierlernformen.

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Andreas Doerne
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Stefan Goeritz

Niklaus Rüegg – Im Februar 2012 setzte sich ein kleiner Kreis an reforminteressierten Musikpädagoginnen und -pädagogen aus dem südbadischen Raum zusammen, um über die Zukunft von Musikschulen sowie des Musizierenlernens nachzudenken. Diese erste Diskussionsrunde, zu der Andreas Doerne, Professor für Musikpädagogik an der Musikhochschule Freiburg, eingeladen hatte, entwickelte sich zu einer dauerhaften Einrichtung und mündete schliesslich in der Internet-Plattform www.musikschullabor.de. Hier werden laufend innovative Ideen für die Arbeit an Musikschulen veröffentlicht, gemeinsam weiterentwickelt und konkrete Praxisprojekte vorgestellt.
Der Gitarrist Stefan Goeritz, seit 2004 Leiter der Musikschule Waldkirch bei Freiburg im Brsg. und seit 2013 Dozent an der Musikhochschule Freiburg, war einer derjenigen, die sich unverzüglich an die Umsetzung einiger Ideen machte. Heute ist seine Schule im süddeutschen Raum in mancher Hinsicht eine erfolgreiche Vorreiter-Institution für neue Lehr- und Lernformen.
Andreas Doerne und Stefan Goeritz werden am 20. Januar am FMB in Baden zum Thema «Musik? Schule? Labor? – Ideen und Visionen für einen Musizierlernort der Zukunft» sprechen.

Herr Doerne, Herr Goeritz, warum kann man an Musikschulen heute nicht mehr so unterrichten, wie vor 40 Jahren?
Stefan Goeritz: Natürlich kann man heute noch genau so unterrichten, es wird ja auch noch gemacht. Wichtig sind die grundlegenden Fragen darunter: Wer steuert das Lerngeschehen, wer ist für was verantwortlich, welches Menschen- und Gesellschaftsbild prägt das Lernen?
Andreas Doerne: Ja, man kann, die Frage ist, ob man das will. Für mich ist das fast überall praktizierte Modell eines einmal wöchentlich stattfindenden Unterrichts mit feststehender Unterrichtsdauer aus zweierlei Gründen nicht sinnvoll: Ein solcher Unterricht ist aus lehrökonomischer Sicht meistens zu lang, aus lernökonomischer Sicht aber häufig viel zu kurz. Viele Lernende bräuchten an unterschiedlichen Stellen des Unterrichtsgeschehens unterschiedlich viel Zeit. Selten trifft eine traditionelle Unterrichtsorganisation also das rechte Mass.

Wie sieht die Musikschule von morgen aus?
Goeritz: Eine Musikschule der Gegenwart sollte konsequent kein Unterrichtsort, sondern ein Lernort sein.
Doerne: Ein Lernort zeichnet sich dadurch aus, dass in ihm zwar auch Unterricht stattfindet, dies aber nur eine unter vielen Lernformen ist, die sich dort frei entfalten können. Es gibt ja auch ein Lernen durch Beobachten, ein Lernen von Mitschülern, ein Lernen durch eigenes Lehren, autodidaktisches Lernen, Lernen mit Online-Videotutorials und vieles mehr.

Eine Ihrer Visionen zielt auf die Musikschule als «offenes Lernhaus». Welche pädagogischen, gesellschaftlichen und gar architektonischen Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein.
Doerne: Auf organisatorischer Ebene besteht die Herausforderung darin, einen hohen Grad an Flexibilität zu schaffen, der es Lernenden ermöglicht, jederzeit ins Lernhaus zu kommen und dort so lange bleiben zu können, wie sie möchten.
Architektonisch besteht unter anderem das pragmatische Problem, eine maximale akustische Trennung einzelner Bereiche, bei gleichzeitig minimaler räumlicher Separierung herzustellen, sodass wir am Ende nicht wieder bei der althergebrachten Unterrichtsklausen- und Übezellen-Architektur landen.
Lernhäuser sind auf Menschen angewiesen, die Zeit haben und diese Zeit auch in Musse für eigene Bildungsprozesse übersetzen können. Zum anderen braucht es reformfreudige allgemeinbildende Schulen, die Kindern und Jugendlichen nicht nur ihre eigenen Bildungswege gehen lassen, sondern sie bei der Suche nach dem Eigenen aktiv unterstützen.

Welche neuen Unterrichtsformen drängen sich heute auf?
Goeritz: Wie bereits gesagt, ist die Frage nach Unterrichtsformen nicht so relevant wie die Frage nach Lernformen. Wie möchten Kinder lernen? Wie lernen Jugendliche? Junge Erwachsene, Erwachsene, ältere und alte Menschen? Neue Formen individuellen oder gemeinsamen Lernens ergeben sich auf vielfältige Weise meist von alleine, wenn diese Fragen von den Lernenden, nicht vom «Unterricht» oder gar von der Unterrichtsverwaltung her beantwortet werden.
Doerne: Vielleicht könnte man sagen, dass die neue «Unterrichtsform» für uns das ist, was wir als Lerngemeinschaft bezeichnen: eine Kultur wechselseitigen und vielfältigen Von- und Miteinanderlernens, die alle an einer Musikschule beteiligten Menschen einschliesst.

Wie funktioniert das schülerzentrierte, selbstgesteuerte Lernen bei den Musikschülern konkret?
Goeritz: Es ist in Waldkirch schön zu beobachten, wie z.B. im «grossen Wohnzimmer» unserer neuen Musikschule, wo die Silent-Instrumente stehen, ganz natürlich Beziehungen zwischen den Musizierenden entstehen, die ein buntes Unterrichts- und Lerngeschehen mit sich bringen. Da mischt sich ein Lehrer oder eine Lehrerin erst ein, wenn sie gefragt werden. Die Fragen entscheiden über den Bildungserfolg jedes Einzelnen, weniger die Lehrenden.

Wie können sich reformwillige Pädagoginnen und Pädagogen an Ihrem Diskurs über die Musikschule von morgen beteiligen?
Goeritz: Es gibt mehrere Möglichkeiten: Über die Kommentarfunktionen unserer Website, über unsere Facebook-Seite, oder wenn man sich etwas mehr Arbeit machen möchte, als Gast-Autor in unserem Praxis- oder Ideenlabor.
Doerne: Ein Grundelement von musikschullabor.de ist der Open-Source-Gedanke. Wir beanspruchen auf den von uns auf der Website eröffneten Diskurs kein «Copyright». Jeder ist eingeladen, sich online mit eigenen Gedanken und Einfällen einzubringen.
Am besten aber beteiligen sich andere reformwillige Musizierlehrende, indem sie an ihren jeweiligen Schulen eine breit angelegte Diskussion unter Kollegen und Schülern darüber anstossen, was ihre jeweiligen Vorstellungen von einer Traummusikschule sind… .

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