150 Jahre Musik-Akademie: Uraufführung einer Choroper  
Fortuna dreht am Rad

Fortuna dreht am Rad

Niklaus Rüegg, 19.09.2017

Die Kinder- und Jugendchöre der Musikschule Basel präsentierten im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten der Musik-Akademie eine Choroper von Beat Vögele.

Viele Räder und Kreise drehten sich am Wochenende des 16./17. Septembers im Rund des «Pantheon» in Muttenz, in diesem schmucklosen Industriebau aus den Sechzigerjahren im Niemandsland zwischen Autobahnkreuz, Eisenbahn und Wohnquartier. Vor zehn Jahren wurde die mächtige Rundhalle renoviert und in ein Oldtimer-Museum umgebaut. Seither wird die Lokalität mit Restaurant zunehmend für Veranstaltungen gebucht.

Der Ort erwies sich in mehrfacher Hinsicht als ideal für die Aufführungen der Jugend-Choroper Das grosse Drehen. Auf eine Kulisse konnte – nicht nur aus Spargründen – getrost verzichtet werden, denn das Thema «Drehen» wurde sowohl durch die allgegenwärtigen Räder der Oldtimer als auch durch die Form des Gebäudes eindrücklich illustriert. Als die Göttin Fortuna dann auch noch auf dem Tandem ihre Runden, am Rad und am Deckel der Trinkflasche drehte und die Darstellenden, je nach Wendung des Stücks, im Kreis vorwärts oder rückwärts marschierten, war der Symbolik Genüge getan.
 

Alles hat seine Zeit

Das Libretto von Lukas Holliger besteht im Wesentlichen aus vier Lebensgeschichten, deren Protagonisten aus unterschiedlichen Gründen das Rad der Zeit zurückdrehen möchten, dann aber zur Erkenntnis gelangen, dass dies im richtigen Leben nicht möglich, aber auch nicht wünschenswert ist. Dem Autor ist eine gradlinige, einfache, aber doch tiefsinnige Auseinandersetzung mit einem der grossen menschlichen Themen gelungen, das nicht nur Kinder und Jugendliche umtreibt: Wie kann man akzeptieren, was unabänderlich ist, daraus Lehren für sein gegenwärtiges Leben ziehen und den Blick auf die Zukunft richten. Die Musik von Beat Vögele unterstützt in ihrer Farbigkeit und Dramatik diese Sinnsuche vortrefflich. Die komplexe Partitur wurde von einem hervorragenden Kammerorchester bestehend aus Lehrpersonen der Musik-Akademie kompetent interpretiert. Fünf altersmässig abgestufte Chöre der Musikschule Basel hatten weit mehr zu tun, als bloss schön zu singen. Vom Verkünden des drohenden Unheils über das Versinnbildlichen des Zeitenlaufs bis hin zum choreografierten, aktiven Spiel hatten die jungen Darstellerinnen und Darsteller viele Funktionen zu erfüllen. Gleichzeitig musste auch die anspruchsvolle Musik sängerisch bewältigt werden. Das galt besonders für die jungen Solistinnen und Solisten. Die Szene mit den Albträumen des Bankdirektors Quentin gelang besonders packend: Quentin wird es später bereuen, das Rad zurückgedreht zu haben, denn er wird mit dunklen Flecken in seiner Vergangenheit konfrontiert, an die er lieber nicht erinnert werden wollte. «Vorwärts sind sie traurig, rückwärts sind sie traurig», heisst es.

Zum Schluss erscheint der «Deus ex Machina» in der Person des Teufels und gibt dem Stück die rettende Wendung. Fortuna wird abgelenkt und das Tandem in die entgegengesetzte Richtung gedreht, so dass die Schicksalsgöttin ohne es zu merken wieder in die Zukunft fährt. «Alles hat seine Zeit» intoniert der Chor und erinnert daran, dass einmal Verpasstes kaum mehr nachgeholt werden kann.
 

Singen hat Tradition

Das Chorwesen der Musikschule Basel ist ein Erfolgsmodell, das seinesgleichen sucht. Susanne Würmli-Kollhopp hat zirka 1980 mit dem ersten Kinderchor an der Musikschule Riehen begonnen. Ab 1983 setzte sie ihre Chorarbeit an der Musikschule Basel fort und baute sie aus. Maria Laschinger, die die Chöre seit 2010 zusammen mit Regina Hui, Beat Vögele und Christa Andres im Team-Teaching betreut, hatte die Chorschule einst selbst durchlaufen. 30 Jahre lang sang sie unter Susanne Würmli und wurde schliesslich 2007 zu ihrer Nachfolgerin gewählt. Die sozialen und Generationen übergreifendenden Aspekte ihrer Arbeit sind dem Leitungsteam sehr wichtig. Aus den 180 Mitwirkenden wurden «Familien» gebildet: je ein bis drei Kinder aus jedem der fünf Chöre. So entstand ein willkommener Austausch und Zusammenhalt, bei dem die Älteren auf die Jüngeren achten konnten.

Um Nachwuchs braucht man sich in Basel nicht zu sorgen. Singfreudige junge Menschen melden sich von alleine an und müssen nicht gesucht werden.
Am Samstag, 23. September, singt einer der Chöre am Festakt der Musik-Akademie in der Martinskirche in der Uraufführung eines Werks des argentinischen Komponisten Guillermo Klein. Das Europäische Jugendchor-Festival 2018 in Basel dürfte ein weiterer Höhepunkt werden und im Juni 2018 steht das Mittsommer-Chor-Fest im Margarethenpark auf dem Programm.
 

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