Zürcher Plattenlabel im Jazz-Club Vortex 
Intakt begeistert London

Intakt begeistert London

Hanspeter Künzler, 08.05.2017

Zwölf Tage lang gestaltete das Schweizer Plattenlabel Intakt Records das Programm im legendären Londoner Jazz-Club Vortex. Die Resonanz übertraf alle Erwartungen.

Oliver Weindling hat es seit Jahren immer wieder gesagt: Eines seiner ganz grossen Ziele als Direktor des Jazz-Club Vortex sei es, Irene Schweizer auf seiner Bühne zu erleben. Die inzwischen 75 Jahre alte Pianistin gilt als eine der prägenden Figuren im europäischen Free Jazz. Nicht zuletzt ihrer pionierhaften Arbeit ist es zu verdanken, dass die Schweizer Free Jazz/Improvisationsszene auf internationaler Ebene heute einen ausserordentlich starken Ruf geniesst. Aber das Reisen gehört nicht mehr zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Auftritte im Ausland sind rarer und rarer geworden.

Nun ist Weindlings Traum doch noch in Erfüllung gegangen. Im Rahmen des 12-tägigen Intakt-Records-Festival im Vortex trat auch sie auf, deren Karriere so eng mit der Geschichte des Labels verbunden ist, und zwar sogar mehrmals. Zuerst an der Seite des südafrikanischen Schlagzeugers Louis Moholo-Moholo, mit dem sie freundschaftlich verbunden ist, seit dieser 1964 auf der Flucht vor der Apartheid mit den Blue Notes in Zürich landete. Bei einem weiteren Set mit Moholo-Moholo gesellte sich auch noch der Saxofonist Omri Ziegele dazu. Ein drittes Mal stand Schweizer mit der englischen Stimmkünstlerin Maggie Nicols auf der Bühne. «Es war ein ausserordentlich freudvolles Erlebnis», strahlt Weindling. «Irene war drei Tage lang in toller Stimmung, als sie hier war, und das hat uns natürlich auch sehr gefreut, denn bei früheren Gelegenheiten soll es ihr in England nicht immer wohl gewesen sein.»

Findiges Konzept

Überaus erfreut zeigte sich auch Intakt-Gründer und -Direktor Patrik Landolt. «Das Festival war ein ganz grosser Erfolg sowohl in Bezug auf den Publikumsaufmarsch als auch auf die musikalischen Begegnungen. Wir sind alle glücklich, dass dieses Abenteuer so gut angekommen ist.» Das Festival begann am 16. April mit einer musikalischen Feier zum 70. Geburtstag eines weiteren Intakt-Musikers der ersten Stunde, des englischen Kontrabassisten und Gründers des London Jazz Composers’ Orchestra, Barry Guy. Einmal spielte er im Duo mit der Geigerin Maya Homburger, ein zweites Mal an der Seite seines alten Mitstreiters Howard Riley am Klavier und mit Lucas Niggli am Schlagzeug.

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Evan Parker und Barry Guy

Landolt und Weindling hatten ein cleveres Konzept ausgeheckt, das mehrere Fliegen auf einen Schlag erwischen sollte. Einerseits wurden Musikerinnen und Musiker, die auf der Insel wohlbekannt sind, zum Improvisieren zusammengebracht mit dort noch unbekannten Grössen. So lernten sich der englische Piano-Experimentierer Steve Beresford und der Schweizer Perkussionist Julian Sartorius buchstäblich am Abend ihres Auftrittes auf der Bühne kennen. Andererseits bestand jedes Konzert aus zwei Sets – eines von einem «Star» der Szene, das andere von jüngeren Musikerinnen und Musiken, die zum Teil zum ersten Mal in England auftraten. Dieses Programmkonzept sollte dafür sorgen, dass der Saal auch bei den Auftritten der jüngeren Bands nicht leer war. Darüber hinaus sollte durch frische und ungewohnte Musikantenkombinationen eine gegenseitige künstlerische Neugier entfacht werden, die zu einem wiederkehrenden Austausch führen könnte.

Verblüffende Resonanz

Zumindest das erste Ziel ist erfüllt worden. Der Klub war mehrmals mit über hundert Zuschauern ausverkauft. Auch die aufregende junge Zürcher Band Weird Beard spielte immerhin vor ungefähr sechzig Zuschauern. Beeindruckend war zudem das Echo in den Medien, was in keiner Weise zu erwarten gewesen war. Vom Guardian über den Daily Telegraph bis hin zur Financial Times publizierten alle wichtigen Zeitungen Beiträge zum Festival. Darüber hinaus erfreute sich der CD-Tisch eines dermassen grossen Zuspruches, dass am Ende der ersten Woche Nachschub aus der Schweiz angefordert werden musste. Schliesslich wurden weit über 400 Tonträger abgesetzt. Das Finale am 27. April gestaltete sich dann zur regelrechten Free-Jazz-Party.

Mit dem allerersten Solo-Auftritt des Schweizer Schlagzeugers Pierre Favre in England kurz vor seinem achtzigsten Geburstag ging ein weiterer grosser Wunsch von Weindling in Erfüllung. Eine grossartige Performance von Sylvie Courvoisier (Piano), Mark Feldman (Geige) und Evan Parker (Saxofon), zu denen sich zur Zugabe auch noch Favre setzte, sorgte für einen würdigen Abschluss. «Das Festival hat den Ruf von Intakt Records nur bestätigt, ein überaus sorgfältig kuratiertes Label zu sein, von dem man sich alles anhören muss, was es herausgibt», schliesst Weindling. «Andere Labels in diesem Bereich sind vielleicht bekannter und grösser. Aber Intakt ist eher bereit zum Abenteuer. Der sichere Weg ist nicht Sache von Intakt. Man geht Risiken ein. Vielleicht hat diese Bereitschaft mit der Schweizer Berglandschaft zu tun. Ich weiss, dass Patrik Landolt und seine Leute gern in den Bergen wandern. Das ist ja auch nicht ganz ungefährlich.»

Nur ein Anfang?

Eine solche Veranstaltung könne nur dann erfolgreich inszeniert werden, wenn man sich auf eine starke eigene Infrastruktur sowie einen hervorragend motivierten und organisierten Partner am Veranstaltungsort verlassen könne, sagt Landolt: «Die Konzeption, das Aufbringen der nötigen Finanzen, die effiziente Öffentlichkeitsarbeit und Werbung, all das ist enorm arbeitsintensiv. Es braucht auf beiden Seiten eingespielte Teams und Szenen, auf die man sich verlassen kann, so dass die einzelnen Teile des Mosaiks am Schluss wirklich zusammenpassen. Der Einsatz ist sehr gross, aber er hat sich hier eindeutig gelohnt.» Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die Zusammenarbeit weitergeführt wird. «Die Reaktion des Publikums hat uns eindeutig gezeigt, dass wir einen Weg finden müssen, diese Beziehung zu konsolidieren», sagt Weindling. «Ich bin zuversichtlich, dass das Abschlusskonzert nicht das Ende der Geschichte war. Nur das Ende des Anfanges.»
 


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