Philip Glass' Oper «Satyagraha» am Theater Basel 
Sprengen von Zeit

Sprengen von Zeit

Torsten Möller, 03.05.2017

Das Theater Basel zeigt die Schweizer Erstaufführung der 1980 entstandenen Oper «Satyagraha» von Philip Glass, eine Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin und der Vlaamse Opera Antwerpen. Das Libretto in Sanskrit stützt sich auf Verse des altindischen Epos «Bhagavad Gita».

Zeit zum Sinnieren: Knapp drei Stunden dauert diese Oper, die eher dem Weichen frönt. Wohlig bettet das minimalistische Kreisen der Musik die Hörer. Keine Dissonanzen stören, keine Brüche, schon gar keine Abgründe. Auf dem flauschigen Teppich des amerikanischen Komponisten Philip Glass bewegen sich Tänzer. Sie nehmen den kreisenden Gestus auf: Arme verkörpern Wellen, Füsse huschen mal geschmeidig, mal akrobatisch über die leere, nach vorn kippbare Bühne des Theaters Basel.

Eine Handlung im strengen Sinne gibt es nicht. Glass verglich seine 1980 komponierte Oper Satyagraha mit einem Fotoalbum. Ein «Leben in drei Bildern» könnte es auch heissen. Einblicke gibt es in entscheidende, frühe biografische Stationen des indischen Widerstandskämpfers Mohandas Karamchand Gandhi, später bekannt als Mahatma Gandhi: Sein Leben in Südafrika kommt auf die Bühne, der Protestmarsch von Newcastle im Jahr 1913 oder auch sein Leben auf der genossenschaftlich organisierten Tolstoi-Farm.

Eintauchen oder widersetzen

So geht es also stundenlang. Meist taucht Glass seine Klänge in samtiges Moll. Eine lang gezogene Melodie, dann tönen begleitende Streicher allein, darauf übernehmen andere Instrumente die Kantilenen oder variieren sie leicht. Solch minimalistisches Prinzip ist bekannt. Es fordert Kondition von den (von Sehnenscheiden-Entzündung bedrohten) Streichern. Durchaus auch vom Hörer, der noch andere Probleme hat: Entweder taucht (oder nickt) er ein. Oder aber er widersetzt sich aktiv, verweigert sich damit einer spirituellen Ebene, die dem Sujet und der glassschen Musik eingeschrieben ist.

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Mit der Zeit kommen die Fragen: Passt das Sujet «Gandhi» überhaupt zur Vision eines Musiktheaters, das 1980 «Grenzen von Zeit und Raum» sprengen wollte? In der ersten Szene des ersten Akts herrscht Krieg. Gandhi jedoch relativiert den Kampf um Leben und Tod: «Erachte als gleich Vergnügen und Schmerz, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage: dann bereite dich zum Kampfe. So wirst du kein Übel über dich bringen.» Nun, in Basel kommt keine Kritik an der Bhagavad Gita auf, jener zentralen hinduistischen Schrift, die die Basis war für Glass' Librettistin Constance DeJong. Dafür klingen Mollschleifen, zu denen Tänzer in blutverschmierten Kostümen sich bewegen. Merkwürdig kreuzen sich fragwürdige Ideologie, Widersprüche, gewiss auch Oberflächliches. Spirituelles wie Transzendentales kann man auch anders darstellen. Karger vielleicht, vor allem auch in offeneren Deutungsräumen. 

Herausragende Interpreten

Von Problemen des Werks und dessen Inszenierung bleiben die Leistungen der Musiker, Sänger und Tänzer unberührt. Nur ganz selten fehlt es dem Sinfonieorchester Basel (Leitung: Jonathan Stockhammer) und dem Chor des Theater Basel etwas an Präsenz, die im Graben schwer herstellbar ist. Beeindruckend ist auch die Sängerbesetzung. Fulminant der Schaffhauser Tenor Rolf Romei in der Rolle des Gandhi. Gleiches gilt für die Sopranistin Cathrin Lange (Miss Schlesen), die Mezzosopranistin Maren Favela (Kasturbai) oder den Bassbariton Andrew Murphy (Mr. Kallenbach). Die im Vorfeld hoch gelobte Tanzkompanie Eastman unter Leitung des Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui beeindruckt; selbst in scheinbar chaotischen Formationen ist die ungeheure Kompaktheit der Truppe spürbar. Was bleibt von dieser überaus professionellen, fast schon zu glänzenden Produktion? Am Ende sicher die Einsicht, dass drei Stunden Philip Glass reichen. Auch die schlichte Erkenntnis, dass Satyagraha nicht zu den Opern-Highlights zählt. Dafür fehlt ihr schlicht der Tiefgang, musikalisch wie inhaltlich.


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