Wittener Tage für neue Kammermusik 2017 
Kluger Aktionismus

Kluger Aktionismus

Torsten Möller, 09.05.2017

Klanginstallationen von Barblina Meierhans sowie Werke von Nicolaus Anton Huber zählten dieses Jahr zu den Höhepunkten in Witten. Die Tage für neue Kammermusik fanden vom 5. bis 7. Mai statt.

Es gibt auch schöne Plätze im Ruhrgebiet. Zum Wittener Hammerteich kamen schon die Bergarbeiter, wenn sie mit wenig Geld Ausflüge in die Umgebung machten. Nun ist der Himmel nicht mehr so grau wie vor 50 Jahren, als die Schornsteine noch rauchten in der Industrie- und Kohleregion. Jetzt scheint die Sonne – und Kunst gedeiht: Am Ufer des kleinen Hammerteichs laden Klangstationen zum Hören ein. Gordon Kampe, ein Komponist aus dem nahe gelegenen Essen, lässt einen Männergesangsverein am anderen Ufer singen. Zudem schippern kleine Modellschiffe übers Wasser. Kampe stattete sie mit MP3-Playern aus, die Originaltöne von Bürgern aus der Nähe transportieren. Man erfährt was vom Teich: Was hier so passierte, was man über ihn weiss.

Töne – verspätet

Wolfgang Rihm nannte Klanginstallationen einmal «Klingende Gartenzwerge». Das damit wohl gemeinte «Süsslich-Niedliche» trifft zuweilen zu. In Witten aber zeigen sich die Klangkünstler von ihren besten Seiten. Mit Charme und sehr durchdachten Konzepten bereichern sie den Hammerteich. Barblina Meierhans, 1981 im schweizerischen Burgau geboren, präsentiert eine vielseitige Installation mit dem Titel Let´s sit down and enjoy ourselves. Nicht nur schön anzuschauen sind die Blechblasinstrumente, die sie aufgestellt hat. In ihnen sind Mikrofone, die Klänge der Umgebung an Kopfhörer weitergeben. Ein mehrfach gebrochenes Verhältnis von Innen und Aussen: Trompeten sind nun ausnahmsweise keine lauten Sender, sondern stille Empfänger. Zugleich hört man das «Aussen» per Kopfhörer durch die Filterung im Blech anders: vielleicht aufmerksamer, vielleicht interessierter, vielleicht auch befremdeter. Kurz: nicht so ungebrochen «natürlich».

Barblina Meierhans überlegte sich noch mehr. Trompeter, Hornisten oder auch Posaunisten befinden sich auf den gegenüberliegenden Seiten des Teichs. Per Taktgeber im Ohr sind sie verbunden. Doch die Gesetze der Physik sind nicht zu überwinden. Leicht verzögert kommen wegen der Schallgeschwindigkeit von 340 Metern pro Sekunde die Impulse vom anderen, etwa 60 Meter entfernten Ufer. Für Meierhans ist so etwas nebensächlich. Ein Teich ist kein Konzertsaal. Hier gibt es weniger Grüblerfalten, weniger ernst geht es zu, atmosphärischer eben – und Zeit wie Raum zum Reden gibt es auch.

Töne – aus dem Nichts

Das Konzept der Wittener Tage für neue Kammermusik bewährt sich: Neben den schon traditionellen Klanginstallationen in freier Natur überzeugt vor allem der Schwerpunkt mit einem Komponisten im Fokus. Zu Gast ist diesmal der 1939 geborene Nicolaus Anton Huber. Noch immer frisch klingen seine Werke und Worte. Das in den letzten Jahren zuweilen langatmige Porträtkonzert wird zu einem amüsanten Spass. Eloquent entspannt verknüpft Huber Gedanken über den Marxismus mit biografischen Episoden und konzeptuellen Ideen. Selbst scheinbar so simple Konzepte wie in der Musik für Violine alleine (1962) sind nach wie vor eindringlich. Aus verschiedenen Mustern einzelner Tonproduktionen bestehen die sechs «Sätze». Nach seinem Studium reflektierte Huber so über die Musik Anton Weberns. Äusserste Kargheit, Reduktion, aber auch Witz prägen diese Musik, die Langzeitwirkung hat. Für den Interpreten sind Hubers «musikalische Aktionen» eine besondere Herausforderung. Die Spannung zwischen den Aktionen nicht zu verlieren, sich zugleich gedanklich immer wieder neu zu sammeln – nicht nur das gelingt dem Trompeter Paul Hübner in Hubers Solostück Doux et scintillant (2004) ausserordentlich. Wie Hübner auf seiner Trompete die Töne im mehrfachen Pianissimo zart aus dem Nichts tönen lässt, ist ebenso beeindruckend wie überwältigend.

Etwas zu viele Streichquartette gab es bei diesen Wittener Tagen. Vielleicht auch ein wenig zu viele alte Bekannte wie Philippe Manoury oder Brian Ferneyhough (dem allerdings ein für ihn untypisch flexibles Umbrations für Streichquartett und Ensemble gelang). Insgesamt zeigte sich die noch immer so genannte «Neue Musik» von ihrer besten Seite – in all ihrer faszinierenden Klangfülle und Grenzenlosigkeit.


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