Paul Phoenixʼ Chormeisterkurs im Künstlerhaus Boswil 
Sänger sind Schauspieler

Sänger sind Schauspieler

Sibylle Ehrismann, 02.06.2015

Der Meisterkurs Chor von Paul Phoenix im Künstlerhaus Boswil ist einzigartig in der Schweiz. Er bringt Chören bei, unter sich und mit dem Publikum zu kommunizieren.

Paul Phoenix ist ein bekannter britischer Tenor. Bis vor vier Jahren war er Mitglied der King’s Singers aus Cambridge. Die sechs Sänger dieses Vokalensembles sind nicht nur durch die ganze Welt getourt, sie haben mit ihren originellen Crossover-Programmen auch schon mehrere Grammy-Awards gewonnen. Mit dem berühmten Ensemble gastierte Phoenix zweimal in Boswil. Seit er nicht mehr mitsingt, konzentriert er sich auf seine pädagogische Tätigkeit und tritt als begehrter Performance Coach sogar in China auf. Seinen Meisterkurs Chor hat er vor vier Jahren speziell für Boswil entwickelt, er nennt ihn lieber Performance Coaching. Gleichzeitig gründete er die Purple Vocals, einen «Vocal Coaching Service», der auch online Coaching über Skype anbietet: www.purplevocals.com

Am Wochenende vom 8. bis 10. Mai war Phoenix nun bereits zum vierten Mal für einen Meisterkurs in Boswil. Der Kammerchor C21 unter der Leitung von Michael Schraner und das Vokalensemble Cantemus unter der Leitung von Judith Flury liessen sich beraten, ein spannender Lernprozess, der zu einem inspirierten Schlusskonzert führte. «Ich finde, das Künstlerhaus ist mit seiner familiären Atmosphäre ein idealer Ort für einen Chorkurs», meint Phoenix im Gespräch, «hier kann man zusammen arbeiten, essen, Zeit verbringen, und es braucht keine besonderen Instrumente, es ist eigentlich ganz einfach, wir singen zusammen. Das heisst: zusammen atmen, auf Details achten, dynamisch arbeiten.»

Verstehen, erzählen, strahlen
Das Besondere an diesem Meisterkurs ist, dass er nicht von einem Chordirigenten gegeben wird, sondern eben von einem Sänger. Was muss man sich unter Performance Coaching vorstellen? Bedeutet das mehr Show, pfiffige Kleidung, spezielle Chor-Aufstellungen? Paul Phoenix geht es nicht um Show, wie ich bei einem Kursbesuch am Samstagmorgen feststellen konnte, ihm geht es um eine bessere Kommunikation mit dem Publikum. Meist spiele sich alles nur zwischen Choristen und Dirigentin ab, das Publikum werde vergessen.

Das Vokalensemble Cantemus von Judith Flury wird in einer Woche in zwei Konzerten ein originelles Shakespeare-Programm präsentieren, der Chor ist top vorbereitet, es geht in diesem Kurs um den letzten, den Meister-Schliff. Die englische Sprache ist nicht einfach zu singen, vor allem das «th» darf nicht zu einem «t» werden. Three words heisst eine Ballade von Juhani Komulainen: ein sehr ruhiges, klanglich schillerndes Stück Musik. «Ihr singt das wie ein Madrigal in der Kirche. Ich vermisse eure Leidenschaft», greift Phoenix ein, «versteht ihr, was ihr singt? Das ist ein Liebeslied, das zwischen Leidenschaft und Resignation schwankt.»

Phoenix liest den Text vor, rezitiert ihn fast so, als würde er ihn singen, die three words sind: I love you. Und tatsächlich, die 24 Sängerinnen und Sänger beginnen zu erzählen, sie lösen sich vom Notentext, werden freier, der weiche Chorklang gewinnt an Bedeutung und Kontur. «Weshalb schaut ihr alle so ernst drein?», meint Phoenix in seiner sympathisch humorvollen Art und zieht eine Grimasse. «Lächeln, die Augen müssen strahlen, fühlt euch wohl, habt Vertrauen!»

Es ist sehr schwer, im Chor ruhig liegende Klänge zu singen, ohne intuitiv langsamer zu werden. «Ihr verliert so an Spannkraft, der Ausdruck verschwimmt. Achtet gut darauf, dass ihr im Tempo bleibt.» Und siehe da, trotz Piano und liegendem Klang hört man den Sängern plötzlich gespannt zu. Dann fordert Phoenix die Dirigentin Flury auf, sich ganz hinten in den Saal zu stellen und den Chor von dort aus zu dirigieren. Das wirkt, sie singen deutlich spürbar in den Saal hinaus.

Nicht nur die Sängerinnen und Sänger, auch die beiden Dirigenten bekommen einige Tipps: «Ihr steht üblicherweise ja mit dem Rücken zum Publikum. Wendet euch auch mal um, sprecht mit dem Publikum, begrüsst es und sagt lieber ein paar Sätze zu den Stücken, als dass ihr Programmtexte schreibt. Das wirkt enorm.» Und dann das Intonieren: ab Stimmgabel und vorsingen, oder lieber am Klavier? Phoenix rät zu einer kleinen Mundharmonika oder Stimmpfeife, das sei sicherer als das Singen, man gebe sich so auch keine Blösse.

Ausgleichen, vertrauen, gestalten
Der Kammerchor C21 von Michael Schraner hat ein schwieriges Programm mitgebracht, das er kürzlich mit den Aarauer Vokalisten zusammen aufgeführt hat. Die stilistische Bandbreite reicht von Bernstein bis zu Janáček. Am Samstagmorgen arbeitet Phoenix mit ihnen am ersten Satz aus Bernsteins Chichester Psalms. Nach dem Vorspiel von Lotty Fehlmann Stark am Klavier bricht Phoenix ab: «Ihr müsst während des Vorspiels alle zusammen einatmen, ihr habt erst in dem Moment, als ihr singen solltet, kurz und hastig eingeatmet, das ist zu spät.»

Nun fordert er die rechte Hälfte des Chores auf, sich vor die andere Hälfte zu stellen, um einander zuzusingen, einander anzuschauen, sich auch in der Aussprache anzugleichen. Der Effekt ist sogleich zu hören. «And have confidence, you look a bit scared», werden die jungen Sängerinnen und Sänger aufgefordert. «Now it sounds like youʼd sing a shopping list,» – alle lachen. «Denkt die Phrase, die ihr singt, zu Ende, singt zielgerichtet legato auf die Betonung hin.»

Dann müssen die Männer, die meist in der hinteren Reihe stehen, nach vorne. Sie wirken etwas geniert, doch als sie auf Anregung des «Meister-Chorsängers» nicht mehr so breitbeinig dastehen und die Fussspitzen parallel halten, sehen sie viel besser aus. «Und denkt daran: Wenn eine Passage von Forte zu Mezzoforte wechselt, change the atmosphere!» Was sonst als klanglicher Hintergrund für die melodieführenden Soprane etwas verschwindet, bekommt plötzlich Konturen, auch die Bassstimme muss den Text «empfinden», muss den Ausdruck mitgestalten.

Freudvoll auftreten
«As a singer you are an actor», heisst die Devise. Was sich in dieser Hinsicht vom Kurs bis zum Abschlusskonzert vom Sonntag entwickelte, war verblüffend. Beide Chöre machten auf der Bühne einen ganz anderen, viel präsenteren und selbstbewussteren Eindruck. «C21 – so heisst unser Chor», begrüsste eine Altistin aus dem Ensemble das Publikum. «Sie mögen sich wohl fragen, was damit gemeint ist: Chor 21, oder Cantus 21, wir wissen es selber nicht so genau. Für uns könnte es nach diesem Kurs auch heissen: Confidence!»

Damit traf sie den Nagel auf den Kopf, die Gesichter im Chor waren trotz schwieriger Literatur ausdrucksvoll, der Blick präsent. Und beim ersten Stück, einem schlichten Volkslied, stand Dirigent Michael Schraner selber im Chor und sang mit, da brauchte es keinen Dirigenten. So etwas sieht man selten. Die Männer in den hinteren Reihen platzierten beim Bernstein ihre rhythmisch pointierten Einwürfe mit agiler Kraft, präzise und selbstbewusst.

Auch das Ensemble von Judith Flury machte einen viel vitaleren Eindruck, die englische Literatur «swingte» richtig, man hörte gut, wie gemeinsam eingeatmet wurde, die dynamischen Wechsel standen im Dienst des Ausdrucks, es wurde sogar mit den Fingern zum Rhythmus geschnippt. Und plötzlich bewegte sich der Chor von der Bühne runter ins Publikum, wo er nun ein Lied von Matthew Harris in Hufeisen-Formation sang. Die Dirigentin schaute beim Dirigieren ins Publikum, der Überraschungseffekt war perfekt.

Die gute Stimmung, die die Chöre verbreiteten, kam im Publikum an: Es war eine lebendige und freudvolle «Performance» von hoher Qualität. Paul Phoenix sang selber einige Solopartien, seine innige Tenorstimme ging unter die Haut. Der begeisterte Applaus des überraschend zahlreich erschienenen Publikums galt allen Beteiligten, die herzhafte Atmosphäre war übergesprungen.

Weitere Informationen zum «Meisterkurs Chor» beim Künstlerhaus Boswil: www.kuenstlerhausboswil.ch
 


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