(Giovanni) Henrico Albicastro

(Giovanni) Henrico Albicastro

20.10.2016

Glaubt man dem ersten deutschsprachigen «Musicalischen Lexicon» von Johann Gottfried Walther (1728), so war der Barockkomponist Albicastro (1662?–1730) «ein Schweitzer». Ein Nachweis oder Gegenbeweis war allerdings Jahrhunderte lang nicht zu finden.

Dokumente, die erst in diesem Jahr aufgetaucht sind, verweisen nun mit grösster Wahrscheinlichkeit auf Klosterneuburg bei Wien als Herkunftsort. Gefunden hat sie der niederländische Philosoph und Genealoge Marcel Wissenburg, der im Interview in der Musikzeitung von Oktober/November 2016 (S. 10 ff) darüber berichtet. Wo der Komponist seine musikalische Ausbildung erhielt – er war offenbar ein virtuoser Geiger –, wie er in die Niederlande kam, das Land, in dem er den grössten Teil seines Lebens verbrachte, warum er ausgerechnet in der umtriebigsten Zeit seiner Militärkarriere die meisten seiner Werke schrieb und warum er dann plötzlich zu komponieren aufhörte, ist aber immer noch unklar.

Otmar Tönz, emeritierter Professor und ehemaliger Chefarzt der Kinderklinik Luzern sowie passionierter Musikforscher, begann 2006, nach dem Herkunftsort Albicastros zu suchen. 2010 berichtete er zusammen mit dem Musikwissenschaftler Rudolf Rasch in einem Artikel der Schweizer Musikzeitung über die Forschungen. Link zum Artikel SMZ 4/2014, S.19ff

Die ausführlichen Forschungsergebnisse der bis dahin letztlich ergebnislosen Suche haben Rudolf Rasch und Otmar Tönz auch in einer 65-seitigen Publikation zusammengefasst: Otmar Tönz, Rudolf Rasch, Henrici Albicastro, 2., überarb. und erw. Auflage. [Fachhochschule für Musik], Luzern 2011. Sie ist auch online verfügbar: Link zur Publikation

Musikalisches Werk
Albicastro hat 51 Sonaten für Solovioline (mit B.c.), 2 für Viola da Gamba, 60 Triosonaten und 12 Concerti (Quartette) komponiert; zudem die Soprankantate Coelestes angelici chori. Von den 11 Sonatensammlungen sind 2 gänzlich und 2 teilweise verschollen, Opus II vermutlich erst seit dem zweiten Weltkrieg. Link zum Kapitel über das musikalische Werk in der oben erwähnten Publikation. 

Zwei Triosonaten
Konzertmitschnitt vom 16. Dezember 2006 in der Markuskirche München (mit freundlicher Genehmigung der Interpreten)

Es spielen:
Thomas Probst & Julia Mangold, Violinen
Joachim Wohlgemuth, Violoncello
Catherine Rechsteiner, Cembalo

Triosonate op. I/2
Triosonate op. IV/4

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