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Reihe 9 # 4

Reihe 9 # 4

mku, 09.04.2017

War’s das? – könnte man sich fragen, wenn man Stück um Stück die Weltkarte abschreitet. Klar, Konflikte gab es immer, blutige zumal, Säbelrasseln nicht nur an den Grenzen zweier Staaten, sondern gelegentlich auch sonst im Leben. Und doch wähnt man sich im Herzen Europas zusehends (noch) auf der Insel der Seligen – zusehends umringt von grossen und kleinen, wirklichen und wählbaren Despoten. Freies Denken und Handeln, unbequemes Fragen und Antworten, auch der Narr, der mit böser Ironie den Finger in die Wunde legt – das sind Grundpfeiler der Gesellschaft. Wie die obligatorische Krankenversicherung, die Rekursinstanz, die Volksabstimmung. Sie sind Selbstverständlichkeiten, und doch hat man mit Blick auf Europa und den Rest der Welt den Eindruck, dass man Position beziehen muss.

Was in einem langen Prozess errungen wurde und vor wenigen Jahren, wenn nicht gar Monaten noch als gesetzt erschien, wird durch spaltende Zündler aller Couleur bedroht. Sicher ist nur noch, dass die Welt komplexer geworden ist und mit einer Reihe von Herausforderungen aufwartet, die bei allen unterschiedlichen Interessen dringend gemeinsam angepackt werden müssen: Klima, Wasser, Energie, Ernährung. Lauthals Phrasen dreschende und nationale Grenzen ziehende «Alternativisten» aber haben in der Regel nur einfach klingende Lösungen für den eigenen Vorgarten. Noch verharrt die sogenannte Mitte der Gesellschaft in Schweigen, doch gilt es für die eigenen Ideen und die Freiheit der anderen auch auf- und einzustehen. So sind die Operation Libero und vor kurzem Pulse of Europe entstanden.

Warum so politisch? Weil am Basler Theater mit der Oresteia von Iannis Xenakis ein Stück auf die Bühne gebracht wurde, das nach Aischylos zwar die von Athene eingesetzte Gerichtsbarkeit zum Thema hat. In der Schlussszene dieser Inszenierung wird aber das Konzept der demokratischen Wahl in Frage gestellt: Das Volk als skandierende Masse, die Wahlzettel vor die Augen geklebt, und eine leere Urne, die am Ende zerschlagen wird. Regisseur Calixto Bieito entwirft in seiner typischen Handschrift ein dunkles Bild, das sowohl erschüttert wie verwirrt – künstlerisch aber durch die faszinierende Natürlichkeit des stimmakrobatisch geforderten Holger Falk und die Kraft der Bilder Höhepunkte bereithält.

Was aber trägt man an solch einem Abend mit nach Hause? Dass die nahezu 2 500 Jahre alte Tragödie nach wie vor eine ungeheure Aktualität besitzt, auch wenn man der neuen, mehr wörtlichen als poetischen Übersetzung nicht immer folgen kann? Dass Xenakis eine bisweilen vollkommen entrückte, bisweilen auch scharf attackierende Musik geschrieben hat? Dass am Ende gar der Entwurf einer sich selbst verantwortenden Gesellschaft scheitern wird? – Eine künstlerische Provokation, die gelungen ist. Und der man frech und mit Mut entgegnen will: Nein, das war’s noch lange nicht!

Ihr
Michael Kube
 

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Iannis Xenakis: Oresteia, Inszenierung: Calixto Bieito
Holger Falk und der Chor des Theaters Basel

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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.