Saalordnung im Silbersee 
Reihe 9 # 8

Reihe 9 # 8

mku, 09.08.2017

Wer kennt nicht das weithin tradierte Vorurteil, dass «die Klassik» allzu elitär sei. Tatsächlich muss ich bei solch einer Aussage immer an die Kampfprosa über die verachtete «Hochkultur» denken – eine Kultur, die diesem Begriff nach nur wenige erreichen will. Ein vollkommen falscher Zugang! Und eine verquere Vorstellung obendrein! Wer ist nur auf die Idee gekommen, den Musikgeschmack mit Bildung und sozialem Prestige gleichzusetzen? Natürlich kann man die Situation im Konzertsaal genau so beschreiben: als einen wohlsituierten Silbersee, der langsam aber sicher austrocknet. Ausgerechnet hier wirkt allerdings kein Klimawandel. Denn wenn wirklich ein nachhaltiger Wandel eingetreten wäre, dann müsste man sich um die Zukunft der sogenannten «klassischen Musik» wahrlich keine Sorge machen.

In diesem Zusammenhang muss ich immer wieder an eine Bahnfahrt denken, auf der ich mit einer jungen Frau aus Hamburg ins Gespräch kam. Ihr Chef sei in einem Sinfoniekonzert gewesen und hätte begeistert darüber berichtet. Sie hätte sich gern mit ihm darüber unterhalten – aber wie? Mit dem Namen des Komponisten konnte sie nichts anfangen (Bruckner), also zugeben, dass sie schon immer einmal in die (damals noch) Musikhalle hatte gehen wollen, sich aber nie getraut hatte? Es waren die allen bekannten Fragen und Antworten, die sie abhielten: In welches Konzert soll ich überhaupt gehen? Ich bin ein Anfänger!!! – Wo soll ich sitzen? Zu viel Auswahl, keine Beratung! – Was ziehe ich an? Kleines Schwarzes oder doch die Lieblings-Jeans? – Und wie läuft das da eigentlich ab? Ich will mich doch nicht blamieren!

Natürlich konnte ich die junge Frau beruhigen. Einen strengen «Dress Code», wenn er denn der Regel nach je bestanden hat, gibt es schon lange nicht mehr – vielleicht noch in Bayreuth, aber nicht einmal mehr in Salzburg. Entscheidend ist vielmehr, wie man sich fühlt und was der Abend für einen bedeutet. Bunte Bermudas und schlappende Flip-Flops scheiden da eigentlich von selbst aus, auch wenn sie glitzern sollten. Probleme könnten allenfalls die selbsternannten Wächter des Saales bereiten, die von der schon längst erfolgten Demokratisierung der «heiligen Bastion» noch nichts mitbekommen haben.

Apropos «heilige Bastion»: Was ich kürzlich an den Türen eines mir doch sehr vertrauten Konzertsaals entdeckt habe, hat mich verblüfft. Ein ganzes Regelwerk war dort zur allgemeinen Beachtung behelfsweise angeschlagen (siehe unten). Die anfängliche Heiterkeit über so viel Information wich bald der Erkenntnis, dass solch strenge «Besuchshilfen» aus Sicht des Betreibers offenbar notwendig geworden sind. Seltsam, denn was dort steht, sollte man doch eigentlich selbstverständlich von jedem Publikum, gleich welchen Alters, gleich welcher Erfahrung, erwarten dürfen. Doch Vorsicht: Es geht um mitdenkende Rücksichtnahme, und schon reden wir nicht mehr nur über die Saalordnung im Silbersee …

Ihr
Michael Kube

 

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Zugang zum Konzertsaal im Kieler Schloss.

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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.