Der beste Platz im Saal 
Reihe 9  # 1

Reihe 9 # 1

mku, 09.01.2017

Faites vos jeux. Wie beim Roulette fühlt man sich gelegentlich beim Kauf einer Karte für den nächsten Opernabend oder den geplanten Konzertbesuch. Denn während man für das heimische oder oft besuchte auswärtige Haus die eine oder andere Vorliebe entwickelt hat – sei es wegen der Sicht oder des Klanges, des Nachbarn oder schlichtweg des Raumes –, ist die Wahl des Platzes in einem fremden Saal für gewöhnlich eine herausfordernde Angelegenheit. Hat man im Buchungssystem erst einmal verschiedene Hürden genommen, öffnet sich auch der Saalplan. Welche Sitzreihen liegen aber unter dem schallschluckenden Balkon? Was bekomme ich vom Seitenrang aus noch zu sehen? Nur sehr wenige Häuser bieten ein dreidimensionales Bild, auf dem man seinen Sitzplatz mit deutlich weniger Risiko wählen kann. Vielleicht haben daher auch Sie sich schon einmal dabei ertappt, jene Spätentschlossenen zu beneiden, welche an der Abendkasse eine vertrauenswürdige Beratung erfahren …

Wo aber ist nun wirklich der beste Platz? Sicherlich nicht in der ersten Reihe, wo ich mich erst kürzlich dank einer allzu wohlmeinenden Einladung wiederfand. Es ist durchaus ein Erlebnis, das Orchester dort aus der Froschperspektive zu hören! Von den Bläsern zu wenig, von den ersten Violinen aber nicht nur das Beste. In der Pause wurde zügig auf den noch weitgehend freien Balkon gewechselt, wo sich auch andere Liebhaber von unten eingefunden hatten. Auffällig ist jedoch, dass sowohl unter Kollegen als auch im Freundeskreis hinter vorgehaltener Hand immer wieder die Reihe 9 favorisiert wird – nicht immer und überall, aber doch so, dass man irgendwann einmal darüber stolpert. Denn auffallend oft weisen auch die Pressekarten in diese Reihe, zumindest aber in diese Region. Offenbar herrscht hier die beste Balance zwischen direktem und reflektiertem Klang. Oder wie es in der Hugenotten-Allzweck-Halle in Neu-Isenburg geradezu lapidar heisst: «Beim Musik-Abonnement beginnt die Erhöhung bei Reihe 9.»

Auf die richtige Balance kommt es tatsächlich an – auch bei der Kommentierung des aktuellen Musiklebens in all seinen ernsten wie heiteren Facetten: vom Grammofon bis zum Streaming, von Elbphilharmonie bis Tonhalle, von Abonnement und Budget bis Uraufführung und Zugabe. Mein Platz dafür ist fortan in dieser Kolumne – der Reihe 9. Ohne Pause im Spielplan, und somit jeden Monat neu. Und natürlich immer am Neunten.
 

Ihr
Michael Kube

 


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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.