Vom altern Neuer Musik  
Reihe 9 # 6

Reihe 9 # 6

mku, 09.06.2017

Er beging am Anfang seiner Karriere mit dem Essay Schönberg est mort (1952) einen vielfach diskutierten (aber auch fehlgedeuteten) musikästhetischen Vatermord. Doch selbst in der klingenden Kunst frisst die Revolution offenbar ihre Kinder – denn noch zu Lebzeiten kursierte die freche Frage: «Schönberg est mort – Lebt Boulez noch?» Sie hatte tatsächlich ihre Berechtigung, denn der unzweifelhafte Grand Seigneur der längst ins Abseits geratenen Avantgarde war nicht nur selbst in die Jahre gekommen, auch seine Werke waren nurmehr selten zu hören.

Dass nun beim 38. Internationalen Musikfest der Wiener Konzerthausgesellschaft ausgerechnet Pierre Boulez und sein Œuvre im Mittelpunkt stehen, mag im ersten Moment wie ein gross angelegter Nachruf auf den am 5. Januar 2016 Verstorbenen wirken. Wer indes die Planungszyklen kennt, dem wird rasch klar, dass hier nicht kurzfristig eine musikalische Obduktion anberaumt wurde, sondern fernab auch (halb-)runder Geburtstage ein über mehrere Jahrzehnte entstandenes Schaffen neu befragt werden sollte. Denn Boulez’ provozierende Forderung, man solle die Opernhäuser in die Luft sprengen (1967), blieb nicht nur ungehört, sondern konterkarierte sich selbst im vielfach von ihm besuchten, gleichsam vor der eigenen Haustür liegenden mondänen Festspielhaus Baden-Baden, das sich gerne als Deutschlands grösstes Opernhaus bezeichnet (freilich ohne eigenes Ensemble).

Es mögen wohl auch diese harten Widersprüche gewesen sein, die in einem der Musikfest-Konzerte mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien zu einem bemerkenswerten Skandälchen führten. Nach der Aufführung der Figures – Doubles – Prismes (1957/58/63/68), die orchestrale Spektren ausloten, wie auch des feinsinnigen Mémoriale (… explosante-fixe … Origine) (1985) verschafften sich einzelne Buh-Rufe deutlich Gehör, denen das Publikum Bravos und warmen Applaus entgegensetzte. Während hier vor allem die Musiker für ihren Einsatz bedacht wurden, meinte der Zwischenrufer offenkundig den Komponisten und seine Partituren. Dass es (im Gegensatz zum Beginn der Wiener Moderne) bei diesem kurzen Hin und Her weder zu Handgreiflichkeiten noch zum Einsatz der Polizei kam, ist nicht allein der verbreiteten ästhetischen Orientierungslosigkeit des Publikums oder drohender zivilrechtlicher Folgen geschuldet, sondern auch der Musik selbst: Mémoriale (mit Emmanuel Pahud, Flöte) offenbarte erstaunliche lyrische Qualitäten, und Figures erschien als eine Folge instruktiver Klangetüden, die man gerne auch zweimal gehört hätte. In beiden Fällen erwies sich Boulez unter dem verständigen Dirigat von Baldur Bönnimann jedenfalls weniger als ein abstrakter Strukturalist denn als ein suchender musikalischer Poet. Ein produktives Missverständnis? Oder waren die Hörerwartungen andere? Oder werden Boulez’ Partituren einfach nur viel zu selten gespielt?

Eingebettet in ein dramaturgisch vorzüglich gestaltetes Programm mit Werken von Jacques Ibert (Konzert für Flöte und Orchester, 1934), Matthias Pintscher (Osiris, 2007) und Claude Debussy (La Mer, 1903/05) erschienen sie bereits geschichtlich gesetzt.

Ihr
Michael Kube

 


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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.