Festivals im Hinterland 
Reihe 9 # 9

Reihe 9 # 9

mku, 09.09.2017

Wenn die «heil’gen Hallen» am Ende einer langen Saison ihre Pforten schliessen, dann beginnt vielerorts die eigentliche Spielzeit. Gemeint sind die kleinen und grossen Musikfeste und Festivals, die landauf, landab mit feinen Konzepten oder auch nur internationalen Namen um die Gunst des Publikums buhlen. Vielfach locken die dramaturgisch ausgefeilten Programme oder auch nur eine Landschaft, in der man sich allabendlich musikalisch auf gutem Niveau begleiten lassen möchte. Oft ist man aber auch erstaunt, wie einfallslos sich Event an Event reiht, egal, was gespielt wird, wenn nur gespielt wird.

Auch abseits der mondänen Säle und Bühnen geht es letztlich um eine grundsätzliche Einstellung seitens der Veranstalter: Will ich das Publikum fordern und fördern, oder gebe ich ihm bloss, was es zum gesellschaftlichen Amüsement braucht – die heutige Form des antiken panem et circenses: Canapé und Virtuosität, und mit ihr die neuzeitlichen Gladiatorinnen, die in einem einsamen Kampf heldenhaft Tschaikowskys Violinkonzert in drei Sätzen bezwingen.

Dass es auch anders geht, hat in diesem Sommer Davos gezeigt, wo zahlreiche erfrischende «Spielereien» den homo ludens in einem selbst zum Leben erweckten. Doch auch im Alpenvorland wusste man musikalisch zu delektieren – in diesem Fall mit der 15. Ausgabe des Vielsaitig-Festivals in Füssen. Vielseitig ist es in der Tat, und zwar so sehr, dass es des diesjährigen Mottos «Staunen» eigentlich gar nicht bedurft hätte: Denn warum sollte ich in einem Konzert mit Live-Musik sitzen, wenn ich nicht, im weitesten Sinne, staunen möchte? Zumal in einem Saal (dem Kaisersaal des just 300-jährigen Klosters St. Mang), der mit seinen knapp 150 Plätzen geradezu ideal ist für Kammermusik, kleine und kleinste Besetzungen. Hier muss schon lange nicht mehr herrschaftlich repräsentiert werden – und so öffnet das Verdi-Quartett als ständiger spiritus rector schon viele Tage vor dem ersten Konzert vormittags die Türen zu den eigenen Proben. Eine anschauliche Werkstatt: Musik und Interpretationen im Werden begriffen. Über die Jahre ist auf diese Weise ein kundiges Publikum entstanden, das nicht nur den Künstlern vertraut, sondern auch einmal einen schwierigeren Weg mitgeht – auch wenn es in diesem Jahr «nur» das letzte, höchst persönliche Quartett von Benjamin Britten war. Dass man viele Liebhaber und Kenner auch tags drauf bei dem genial-schrägen Matthias Schriefl und seinem durch und durch handgemachten Shreefpunk wiedersah, spricht für das gelungene Konzept, die Stadt im Geiste der alten Lauten- und Geigenmacher musikalisch wieder aufblühen zu lassen.

Zwei Meisterkurse in der Musikschule, klingende Teestunden in der Stadtbibliothek, die ganzjährige Ausstellung über den einst blühenden Instrumentenbau in dieser kleinen Stadt und ein eintägiger «Treffpunkt Geigenbau» zeigen, wie sich neben den Konzerten über die Jahre Kultur entwickeln kann. Da braucht man auch nicht das König-Ludwig-Musical zu fürchten, das sich im nahen Festspielhaus unterhalb von Neuschwanstein in süffiger Neo-Romantik ertränkt.

Ihr
Michael Kube


 


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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.