Schriften I–V von Urs Peter Schneider 
«Wenig so genannt Narratives»

«Wenig so genannt Narratives»

Torsten Möller, 06.09.2017

Im Bieler Verlag die brotsuppe sind klang-, lust- und geheimnisvolle Texte des Komponisten Urs Peter Schneider erschienen.

Vielleicht sollte man ihn etwas kennen, diesen Urs Peter Schneider. Komponist und Pianist ist er, geboren 1939, in Biel lebend, unermüdlich arbeitend an Orchesterwerken, an musikalischen Konzepten, an Texten und Textpartituren. Wie er selbst sagt, urteilt er schon mal «direkt und unverblümt». Er polarisiert. Es gibt kein «sowohl/als auch», sondern meist – Søren Kirkegård lässt grüssen – ein «entweder/oder».

Nun: Schriften I bis V nennt sich der schneidersche, jetzt im Bieler Verlag die brotsuppe erschienene Sammelband. Seitenzahlen gibt es nicht. Aber 500 Seiten dürften es etwa sein, die diese eigenartigen, subtilen, kaum auf einen Nenner zu bringenden Texte füllen. «Wenig so genannt Narratives» ist darunter, dafür schon mal herrlich Infantiles, das der Klappentext offen deklariert: «nicht zurechtredigierte Peinlichkeiten». Manchmal gibt es blosse Wortreihungen, eine Häufung von Adverbien, die im Kopf klingen («schnatternd», «rülpsend», «heulend»), oder von Adjektiven, die Visuelles betreffen («unbewölkt», «himmelblau», «durchsichtig»).

Amüsant-persönliche Aphorismen wiederum erinnern entfernt an das Münchner Urgestein, den nachdenklichen Komiker Karl Valentin. 1989 schreibt Schneider radikal klein: «mir wird ganz schwindlig, wenn ich bedenke, dass musik schon wieder nicht ist, was sie früher auch nicht war.» Kurz davor heisst es: «im zweifelsfall hält der anthroposoph einen vortrag.» Thematisch wiederum passend: «die dornacher dogmatiker haben wenig humor, aber sie bringen doch viel lachen in die welt.»

Zum zwischen 1955 und 2015 Entstandenen kommen fluxuesk-eigenartige Wortgebilde, oft garniert mit unorthodoxer Orthografie. All das öffnet Imaginationsräume, kann aber auch befremden. Schneider komponiert seine Texte mithilfe mathematischer Algorithmen. Vielleicht sind so manche Reihungen von Silben zu erklären, die sich – durchaus klangvoll – weniger fürs Lesen als fürs Vortragen im Sinn einer Klangkomposition eignen.

Wer diese Schriften zur Hand nimmt, kann sich erfreuen an ihrer freundlichen Weltöffnung, die so gar keine «Haudrauf-Mentalität» zum Ausdruck bringt. Nicht «in einem Rutsch» wird man das dicke, gründlich wie liebevoll lektorierte Buch lesen. Herumblättern wird man wohl, sich das zu Gemüte führen, was einem gerade so beliebt. Beiläufige Musik ist Schneiders Sache übrigens nicht – sie ist auch nicht zu empfehlen bei der Lektüre, der eines auf jeden Fall nicht zu nehmen ist: ihre Klangfülle.
 

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Urs Peter Schneider: Schriften I bis V – Texte für als mit zur Musik 1955–2015, Illustrationen von Ursi Anna Aeschbacher, 528 S., Fr. 39.00, Verlag die brotsuppe, Biel 2016, ISBN 978-3-905689-70-9


 


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