Bach in Bearbeitungen von Moscheles, Rheinberger, Reger und Reinecke 
Leise Dialoge der Geschichte

Leise Dialoge der Geschichte

Torsten Möller, 29.06.2016

Historisch informiert erweitern Stefan Müller und Martin Pirktl den Kosmos Johann Sebastian Bachs.

Für Johann Sebastian Bach galt lange Zeit das, was fürs Bier bis heute gilt: das Deutsche Reinheitsgebot. Stefan Müller (Tasteninstrumente) und Martin Pirktl (Gitarren) kümmern sich wenig darum. Ebenso wenig wie einige Komponisten, die bachsche Werke schon vor etwa 200 Jahren bereicherten. Ignaz Moscheles (1794–1870) liess zwar die Fugen unberührt, fügte aber manch eigene Passage in ausgewählte Präludien des Wohltemperierten Klaviers. Müller und Pirktl erweitern die Dialoge der Geschichte, indem sie Moscheles’ «mit einer concertierenden Solostimme versehene» Stücke ins Jetzt übertragen. Beide sind historisch informierte Interpreten und haben sich viele Gedanken gemacht sowohl zu älteren Stimmungen wie auch im Hinblick auf Tempofragen.

Ignaz Moscheles’ Bach-Stückchen wirken trotz aparter Instrumente – einer Biedermeier-Gitarre und eines Hammerflügels aus dem frühen 19. Jahrhundert – eher wie eine abwegige musikhistorische Skurrilität. Ungleich einprägsamer sind da schon die Kanonischen Veränderungen aus den Goldbergvariationen in der behutsamen Bearbeitung von Josef Rheinberger (1839–1901). Im Grunde handelt es sich um eine Instrumentierung, da Rheinberger die originalen Variationen im Wesentlichen auf zwei Klaviere übertrug und nur an manchen Stellen chromatische Füllstimmen einfügte oder Oktavverdopplungen. Max Reger schätzte die von Rheinberger so bezeichnete «pietätvolle Bearbeitung»« er gab die rheinbergersche Sammlung nahezu unverändert neu heraus.

Wenn das ein und andere Werk auch seltsam anmutet – besonderen klanglichen Reiz hat die CD jederzeit. Der wundersam dezente Ton der alten Instrumente, der ausgesprochene Klangsinn und die Souveränität der klugen Interpreten machen Bach - ganz leise zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz nicht weniger Hochglanz-Produktionen, die im übrigen wohl auch nicht ganz im Sinne Bachs sind.

Präludium in B-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier mit einer concertierenden Solostimme versehen von Ignaz Moscheles
Gitarre und Hammerflügel (nach Streicher, 1819)
Zweistimmige Invention in A-Dur mit einer dritten Stimme versehen von Max Reger
Clavichord (nach Grabalos, 1790) und romantische Gitarre (nach Panormo, 1820)
Kanonische Veränderung alla Quinta aus den Goldbergvariationen in der Bearbeitung von Josef Rheinberger
Tafelklavier (Broadwood 1806) und romantische Gitarre
Variation 8 (Finale) über eine Bach-Sarabande von Carl Reinecke (1824-1910)
Hammerflügel und Gitarre
Image

Bach – ganz leise. Stefan Müller, Tasteninstrumente; Martin Pirktl, Gitarren. www.contrapunctus.ch


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