Das hornroh alphorn modern quartet mit «Gletsc» 
Glaziale Alphornablagerungen

Glaziale Alphornablagerungen

Brigitte Bachmann-Geiser, 18.10.2016

Mit meditativen Alphornweisen ruhig werden und dann die schmerzlichen Klänge der schmelzenden Gletscher auf sich wirken lassen.

Das Hornroh modern alphorn quartet ist in den ersten 30 von 38 Tracks der Doppel-CD Gletsc mit traditionellen Stücken und Neukompositionen zu Stille und Andacht unterwegs. Die beiden letzten Stücke des ersten Teils Choral des Alpes von Robert Scotton und Anton Wickys Alphorn-Arrangement nach Schuberts Heilig ist der Herr verraten diese Absicht unmissverständlich. Cécile Ohlshausen empfiehlt im Booklet-Text unter dem Titel «Slow listening» denn auch, man möge sich für diese Neuerscheinung Zeit lassen.

Das langsame Erkunden der naturgegeben tonarmen Alphornweisen und Büchelrufe, manchmal aus ferner Vergangenheit geholt, dann wieder von Hornroh modern heutigen Hörgewohnheiten angepasst, eignet sich für eine Meditation, für eine persönliche Achtsamkeits-Übung. Und wenn man bei diesem geduldigen Lauschen ruhig geworden ist, ist man für Misch Käsers glaziale Ablagerungen für je ein Alphorn in A, G, E, Es vorbereitet. Dieses Werk, 2009 als Auftrag des Lucerne Festivals für den 1959 geborenen Schweizer Komponisten entstanden, trägt den seltsamen Titel Gletsc und versteht sich als «Gletscher», dem symbolisch schon die drei letzten Buchstaben weggeschmolzen sind. Durch die unterschiedliche Grundstimmung der vier Alphörner klingt es von vornherein «falsch» – anders als ein Alphorn-Quartett mit gleich gestimmten Instrumenten. Die sechs, mit Begriffen aus der Glaziologie betitelten Sätze haben ihre schmerzhafte Aktualität seit der Uraufführung nicht eingebüsst und wirken so unheimlich wie das Cover von Pierre-Yves Borgeaud aus dem Video-Tryptichon that land. Die perkussiven Interludien stammen vom Aargauer Schlagwerker Pit Gutmann.

Unter den 30 Stücken des Vorspiels zu Gletsc haben sieben traditionelle Büchelrufe aus dem Kanton Schwyz dokumentarische Bedeutung. Balthasar Streiff hat sie aus Tonträgern und Musikalien zusammen getragen und für Hornroh eingerichtet. Auf Urschweizer Musik nimmt auch der deutsche Komponist Georg Haider mit den zehn eingestreuten Marginalien Bezug. Die Miniaturen für zwei bis drei Alphörner sind während eines Ferienmonats im Prättigau entstanden und teilweise mit einem lokalen Alphorn-Trio uraufgeführt worden.

Die beachtenswerte Einspielung, die die Vielfalt von Hornroh modern und der Alphorn-Tradition auffächert, klingt mit Georg Haiders Wiegenlied im Overdubverfahren mit drei einzeln eingespielten und übereinandergelegte Stimmen aus.

Gruss aus Adelboden
Marginalie Nr. 5 – für Susanna – Pastorale ohne Schäferin
Schluff (aus: Gletsc)
Toteis (aus: Gletsc)
Image

hornroh modern alphorn quartet: Gletsc.
Musiques Suisses MGB NV 31


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