Volkalmusik des italienischen Mittelalters 
Menschliche und tierische Stimmen

Menschliche und tierische Stimmen

Claudio Bacciagaluppi , 09.11.2017

Das Ensemble Perlaro bringt durch Klarheit und Subtilität des musikalischen Vortrags die Texte von Zeitgenossen Dantes und Petrarcas zum Leuchten.

«Durch ein grünes Wäldchen folgte ich der Spur eines freundlichen Jagdhündchens. Mit beinahe menschlicher Stimme bellend schien es zu sagen: Folge mir!» Mit dieser höchst stilisierten Jagdszene fängt eine Ballata von Bartolino da Padova an. Davon leitet sich der Titel der zweiten CD ab, die das Ensemble Perlaro unter der Leitung von Lorenza Donadini eingespielt hat: Con voce quasi humana – Vokalmusik des Trecento. In der Tat, waren auf der Debut-CD des Ensembles, aufgenommen 2010, auch Instrumente zu hören (Sotto l’imperio del possente prince, Pan Classics PC 10221), steht hier die Stimme im Zentrum. Wie Mikhail Lopatin im Booklet-Text unterstreicht, wird auf dieser Aufnahme der Begriff «Stimme» gleichsam mehrfach ausgelegt: in seiner Bedeutung als Gesangsstimme (in der reinen Vokalbesetzung), als menschliche und tierische Stimme (in den gesungenen Texten) und als Bezeichnung für unterschiedliche Stile und Gattungen (auf der Ebene der musikalischen Komposition).

Die Interpretationen des Ensembles Perlaro zeichnen sich aus durch die Klarheit der Stimmen und die subtile Art, die Texte der meist anonymen Zeitgenossen Dantes und Petrarcas im musikalischen Vortrag zu spiegeln. Unvergesslich ist die kontrapunktische Imitation der Stimmen in Lorenzo da Firenzes dreistimmiger Caccia A poste messe veltri e gran mastini. Die realistische Nachahmung der Jagdrufe und Trommelgeräusche («Ciof, ciof», «tatim, tatim») verbinden wir heutzutage nicht sogleich mit der Musik des italienischen Mittelalters. Ebenso realistisch, auf emotionaler Ebene, ist der Ausdruck der konsonantischen Lautverbindungen in den Worten «or sono in biscia orribil tramutata» («Jetzt habe ich mich in eine schreckliche Schlange verwandelt») aus dem Madrigal Donna già fu leggiadr’annamorata, von Giovanni da Firenze, auch Giovanni da Cascia genannt.

Die sechs Mitglieder des Ensembles verfügen über klanglich individuell ausgeprägte Stimmen (Lorenza Donadini und Giovanni Cantarini kommen in den zwei einstimmigen Ballate auch einzeln zum Zug). In den mehrstimmigen Stücken verschmelzen sie dennoch zu einer vollkommenen Einheit, was im zauberhaften Einklang mancher Schlusstöne gipfelt. Die Tontechnik unterstreicht die Transparenz der Stimmen und lässt nur einen ganz diskreten Nachhall zu.

A poste messe veltri e gran mastini
Donna già fu' leggiadr'annamorata
Per un verde boschetto
Nessun ponga speranza
Image

Con voce quasi humana – Vokalmusik des Trecento. Ensemble Perlaro; Lorenza Donadini. Raumklang RK 3501


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