Musik als geistige Übung in Tönen 
Shakuhachi – die Bambusflöte aus Japan

Shakuhachi – die Bambusflöte aus Japan

Wolfgang Hessler, 30.04.2014

Vor mehr als dreissig Jahren hat Andreas Gutzwiller als erster die Bambusflöte Shakuhachi und ihre Tradition von Japan nach Europa gebracht. Seit acht Jahren macht der Verein Chikuyusha.ch diese Musik in der Schweiz bekannt.

Die Wurzeln der Shakuhachi sind unbekannt Das Instrument stammt aus China und gelangte, Legenden zufolge, im 13. oder 14. Jahrhundert nach Japan, wo es zunächst von lose organisierten Bettelmönchen gespielt wurde. Nach den Wirren der Bürgerkriege Ende des 16. Jahrhunderts formierten sich diese Mönche zu einem Orden, der seinen Ursprung auf den chinesischen Zenmeister Fuke zurückführt und dessen Wahrzeichen die Shakuhachi wird. In der Folge tritt jedoch eine singuläre Entwicklung ein insofern, als sich die Fuke-Mönche intensiv um das Instrument bemühen und eine einzigartige Form meditativer Praxis schaffen, in deren Zentrum Atem und Ton stehen. Da der Atem bei Meditationsübungen von zentraler Bedeutung ist, dient das Spielen der Shakuhachi dazu, den Atem zu lenken und zu kontrollieren. In diesem Geist wird die Musik gespielt. Durch diese Praxis entstand eine sehr komplexe Musik, die jedoch als «geistige Übung in Tönen» galt. Deshalb wurde sie auch nicht in Konzerten gespielt und Aussenstehende dürften die Stücke («Honkyoku» – die «eigentliche Musik») nie zu Gehör bekommen haben. Was so in der Abgeschlossenheit von der Gesellschaft entstand, war eine ganz eigentümliche Musik, der zwar japanische Skalen, Rhythmen und Formen zugrunde lagen, die aber seltsam umgewandelt und ins Extrem gesteigert erschien: eine Musik, die nur dem Atem und den reichen klanglichen Möglichkeiten des Instrumentes verpflichtet war und die keinerlei Rücksichten auf den Geschmack eines ohnehin nicht vorhandenen Publikums zu nehmen hatte – in anderen Worten eine wahrhaft absolute Musik.

Immer wieder werden die Unterschiede zwischen den Ländern Asiens und dem Westen hervorgehoben, und sie manifestieren sich natürlich auch in der Musik. Aber so verschieden die Voraussetzungen, unter welchen Musik entsteht, auch sein mögen, und so anders und fremdartig die Kompositionen dann ausfallen – Honkyoku können für sich selbst stehen, und es kann für jeden Musiker, der sein Metier ernsthaft betreibt, nur eine Bereicherung sein, die ausgespurten Wege zu verlassen und sich auf neues Terrain zu wagen. Wenn er dann zurückschaut, wird sein Blick neu und frisch sein.

Vor mehr als dreissig Jahren hat Andreas Gutzwiller als erster die Tradition der Bambusflöte Shakuhachi von Japan nach Europa gebracht und begonnen, am Institut für aussereuropäische Musik an der Musikakademie Basel zu unterrichten. Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass inzwischen fünf seiner Schüler in Basel, Zürich und Luzern diese Arbeit weiterführen. Dazu wurde vor acht Jahren der Verein Chikuyusha.ch Shakuhachi Gesellschaft Schweiz (www.chikuyusha.ch) gegründet, um die verschiedenen Traditionen im Spielen dieses Instrumentes zusammenzufassen (Genf ist als Unterrichtsort dazugekommen), die Kontakte der Spieler untereinander zu beleben und Kurse anzubieten, die den Instrumentalunterricht ergänzen und das Zusammenspiel mit den Saiteninstrumenten Shamisen und Koto zu fördern. Somit bietet sich eine konkrete Möglichkeit, über die Musik Japans nicht nur zu lesen und sie allenfalls zu hören, sondern selbst zum Instrument zu greifen und kennenzulernen.


 

www.chikuyusha.ch
Die Website des Vereins Shakuhachi Gesellschaft Schweiz – chikuyusha.ch vermittelt grundlegendes Wissen über das Instrument, über seine Geschichte und Musik, informiert über die Lehrerinnen und Lehrer, über Veranstaltungen wie Konzerte und Workshops und gibt einen Abriss der Geschichte der Shakuhachi in der Schweiz; Links zur International Shakuhachi Society und zur European Shakuhachi Society sowie zum Stammhaus unserer Tradition in Tokyo ergänzen den Einblick.


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