Das Sinfonieorchester von São Paulo 
«Ein wahrgewordener Traum für Brasilien»

«Ein wahrgewordener Traum für Brasilien»

Rebekka Meyer, 03.09.2013

Das Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo, kurz OSESP, hat Grosses vor: Gehört es heute zu den führenden Orchestern Lateinamerikas, möchte es sich unter die Besten der Welt spielen. Mit der seit 2012 amtierenden amerikanischen Chefdirigentin Marin Alsop könnte dies gelingen. Ein Besuch bei einem Orchester mit Visionen.

São Paulo kann man nicht entrinnen. Es ist eine heftige Stadt, Wolkenkratzer ragen mächtig in den Himmel, überall und ständig herrscht Gedränge und Stau. Und in São Paulo ist es niemals still. Vor den Rotlichtern heulen die Motoren auf, die Motorräder überholen hupend und in rasendem Tempo, auf der Rua 25 de Março preisen schreiende Händler ihre Waren an. Und dann ist da noch die Musik. Viel Musik. Auf der Praça da Sé tanzen Obdachlose zu Popmusik in schlechter Qualität, in einem geschäftigen Gässchen gibt ein Mann mit der Gitarre brasilianische Popsongs zum Besten. Doch gibt es auch noch ganz andere Klänge. Wie zum Beispiel die des Sinfonieorchesters.

Image
Foyer des Konzerthauses

Ein Bahnhof als Konzerthaus

Mitten im Gewühl, in einem schönen, alten Bahnhofsgebäude an der Praça Julio Prestes, liegt das Konzerthaus des OSESP. Es ist ein Ruhepol in «Zombieland», wie die Umgebung der Halle von den Einwohnern São Paulos, den Paulistas, genannt wird – dies wegen der vielen Drogensüchtigen, die in der Nähe des Gebäudes lungern. Dazwischen hasten Leute nach Hause, Autos hupen und ein ausgemergelter Mann schiebt einen Einkaufswagen gefüllt mit Ananas und riesigen Wassermelonen vorbei. Verweilen, das tut hier niemand. Im Innern jedoch ist die Stimmung ganz anders, hier hat man Platz und Ruhe zum Atmen. Und zum Musizieren. Im Wintergarten des einstigen Bahnhofes wurde eine Konzerthalle mit hervorragender Akustik gestaltet – dies dank einer zu hundert Prozent beweglichen Decke. Publikum, Orchester und die Chefdirigentin Alsop sind begeistert vom Konzertsaal, der 1999 als «Sala São Paulo» eröffnet wurde und dem Orchester eine Heimat gab.
 

Image
Marin Alsop

Hohe Ziele für ein junges Orchester

Dieses gab es damals schon länger. 1954 gegründet, erfuhr es in den letzten Jahren grundlegende Veränderungen. Der langjährige, angeblich tyrannische, doch für das Orchester auch sehr wertvolle Chefdirigent John Neschling wurde entlassen und einiges umstrukturiert. Nach einer Übergangsphase konnte schliesslich die Amerikanerin Marin Alsop für das OSESP gewonnen werden, die gleichzeitig als Chefdirigentin beim Baltimore Symphony Orchestra fungiert. Den Umbruch in eine neue Richtung verdankt das Orchester neben Alsop vor allem zwei Herren: dem künstlerischen Leiter Arthur Nestrovski und dem Exekutivdirektor Marcelo Lopes. Mit viel brasilianischem Herzblut und innovativer Energie sind die beiden ursprünglich als Musiker ausgebildeten Direktoren am Werk. Und sie haben Grosses vor: «Ich denke, die Hoffnung ist nicht unangemessen, dass das Sinfonieorchester von São Paulo irgendwann jedem einfallen wird, der an die führenden und aufregendsten Orchester der Welt denkt.» Dass dies nicht völlig grössenwahnsinnig erscheint, liegt auch an Arthur Nestrovskis eloquenter und bescheidener Art. Er ist sich durchaus bewusst, dass bis zu dem Tag viel Zeit und Energie notwendig sein werden, doch sieht er die Grundvoraussetzungen als gegeben: «Das Orchester spielt durchwegs – und durchwegs ist hier das wichtigste Wort – auf einem sehr hohen Niveau.» 

Enthusiasmus und Optimismus

Das Potenzial zum Wachsen ist also da, doch gibt es noch viel zu tun – die Hoffnungen, die auf Marin Alsop liegen, sind dementsprechend hoch. Gut, dass auch sie selbst vom Orchester begeistert ist: «Das Orchester wächst musikalisch und ist so enthusiastisch. Ich empfinde es als Orchester mit echter Tiefe und Temperament und darauf versuche ich aufzubauen.» Dieser Enthusiasmus seitens der Orchestermusiker, die Lust zu spielen und sich zu verbessern, waren denn auch die Hauptgründe für Alsop, nach São Paulo zu kommen. Sowieso mag sie die brasilianische Mentalität, die sich auch in der Arbeit mit dem Orchester niederschlägt: «Es geht hier um die Zukunft, um Möglichkeiten. Die Mentalität ist sehr optimistisch und warm.» Das spürt man bei den Proben und im Konzert zweifellos. Vor allem mit dem Stück Der gerettete Alberich für Solo-Perkussion und Orchester von Christopher Rouse beweisen alle Beteiligten ihr Können: Alsop mit ihrem gestisch weiten, doch pointierten Dirigierstil, der Solist Colin Currie mit vollem Körpereinsatz und einem rhythmisch präzisen perkussionistischen Feuerwerk und das Orchester mit seinem Wechselspiel von romantisch-üppiger Hingabe und zurückhaltend-magischer Begleitung.

Verwurzelung in der Gesellschaft

Image
120 000 Kinder besuchen jährlich die Vermittlungsprogramme

Europa als Chance, Brasilien im Rücken
Im Herbst wird das OSESP seinen Enthusiasmus auch in Europa zeigen können – ein wichtiger Schritt, um sich international zu profilieren. Der Exekutivdirektor Lopes sieht die fünfte Europatournee des OSESP gar als «Wendepunkt, ja Meilenstein, was die internationale Ausstrahlung angeht.» Mit der Salle Pleyel in Paris, dem Wiener Konzerthaus und der Berliner Philharmonie stehen prestigeträchtige Häuser auf dem Programm, Häuser, in denen vorher noch nie ein professionelles lateinamerikanisches Orchester zu Gast war. Was heute für das Orchester möglich ist, wäre vor 10 Jahren noch undenkbar gewesen: «Wir sind ein Traum, der für das Land wahr geworden ist», sagt Lopes. Gerade deswegen ist es beiden Direktoren auch ein Anliegen, für kulturelle Institutionen in Brasilien sowohl Vorbild als auch Motivator zu sein. Um aufzuzeigen, was in diesem Land eigentlich alles möglich ist.
Denn vor der internationalen Anerkennung kommt erst einmal die nationale. Das allernächste Ziel ist, das Orchester in ganz Brasilien bekannt zu machen: «Wir möchten ein Teil von dem sein, was Brasilien ist.» Diese Verwurzelung in der Gesellschaft sei deshalb so wichtig, weil man sich erst dann um die internationale Ebene kümmern könne, wenn die gesellschaftliche Relevanz im eigenen Land gegeben sei, wie Marcelo Lopes sagt: «Ein kulturelles Projekt muss für die Gesellschaft relevant sein.»
 

Image

Beliebter als Fussball?
Für Brasilien relevant zu sein heisst, für die Bevölkerung da zu sein, denn 52% des Budgets wird von öffentlicher Hand getragen, vom Bundesstaat São Paulo. «Wir müssen auf dem höchstmöglichen Level arbeiten und dürfen gleichzeitig den Kontakt mit der Gesellschaft, aus der wir kommen, nicht verlieren», lautet Nestrovskis Credo. Damit verschwinde nach und nach der elitäre Charakter, der der klassischen Musik vor 20 Jahren noch anhaftete. Auch die Zuhörerschaft hat sich in diesen 20 Jahren geändert, sowohl was das Alter als auch was die Schicht betrifft – und in diesen Wandel soll weiter investiert werden. Die Kapazitäten der digitalen Konzertübertragung werden gerade ausgebaut, jeden Sonntag finden Gratiskonzerte statt, und das Orchester geht immer wieder zu den Leuten hin. So spielte es etwa am Strand von Santos in der Nähe von São Paulo ein Konzert vor 10 000 Zuhörern: «Es ist eine andere Art der Einbindung der Gesellschaft», sagt Nestrovski. Dazu gehören auch die Vermittlungsprogramme: Mehr als 120 000 Kinder und Teenager, vor allem aus den in Brasilien verpönten öffentlichen Schulen, besuchen das Konzerthaus jedes Jahr. Dann füllt sich die so stoisch anmutende Halle mit viel Lärm, fröhlichem Gelächter und leuchtenden Gesichtern. Lopes vermutet, dass das Orchester aus diesen Gründen nie den Protesten der Bevölkerung ausgesetzt war, wie sie in letzter Zeit zum Beispiel die Fussball-WM trafen.

Image
Clarice Assad

Clarice Assad – schon mal gehört?

Das mag erstaunen, scheint der Fussball in Brasilien doch fast heilig zu sein. Offenbar lieben die Brasilianerinnen und Brasilianer das Orchester wirklich. Und sie sind an zeitgenössischer Musik interessiert: «Wir haben den Vorteil und den Nachteil, dass wir keine so grosse Tradition haben wie die europäischen Länder. So sind die Leute offener für Klänge, an die sie nicht gewohnt sind.» Blättert man im Saisonprogramm des OSESP, findet man denn auch viele zeitgenössische brasilianische Komponisten, die in Europa oder Nordamerika häufig völlig unbekannt sind – die klassische Musik des eigenen Landes wird intensiv gefördert. Pro Saison vergibt das Orchester mindestens sechs Kompositionsaufträge an brasilianische Komponisten. Nestrovski sagt: «Wenn wir verbunden sein wollen mit der Welt, in der wir leben, mit der Gesellschaft, mit Brasilien, müssen wir eine Verbindung haben mit der Musik, die hier geschrieben wird. Wir sind nicht bloss ein Museum.» Und ganz pragmatisch fügt er an: «Wenn wir es nicht spielen, wer wird es dann spielen?» Durch den hauseigenen Verlag werden diese sechs Auftragswerke, aber auch ältere brasilianische Musik oder Neuausgaben von Villa-Lobos‘ Kompositionen ausserdem verlegt – mit dem Ziel, dass klassische brasilianische Musik allen Orchestern der Welt zugänglich ist und damit auch gespielt wird. Eine schöne Utopie oder ein realistisches Ziel? Chefdirigentin Marin Alsop ist jedenfalls bezaubert – die auch für sie zumeist unbekannte brasilianische Musik dirigiert sie liebend gerne: «Es macht wirklich Spass, eine ganz neue musikalische Welt zu entdecken.» Einen Höreindruck wird das europäische Publikum im Herbst bekommen, wenn neben Beethoven und Mahler ein Stück der jungen brasilianischen Komponistin Clarice Assad auf dem Programm steht. Ob sie die Herzen der Schweizerinnen und Schweizer auch im Sturm erobern wird? Fortsetzung folgt!
 


Rebekka Meyer weilte auf Einladung des Orchesters Ende August in São Paulo. In der Schweiz wird das OSESP unter der Leitung von Marin Alsop und mit dem Pianisten Nelson Freire am 12. Oktober 2013 in der Victoria Hall in Genf und am 13. Oktober 2013 in der Zürcher Tonhalle zu hören sein.


Kommentare

* Pflichtfelder

Neuer Kommentar
Ihr Beitrag wird nach redaktioneller Prüfung veröffentlicht.
  • Rezende/Glaucio am 18.09.13 - 17:17

    OSESP

    Ich bin Brasilianer, wohne in São Paulo und besuche oft die Konzerte des OSESP. Leider muss ich sagen, dass die Karten nicht so billig sind, wie es hier veröffentlicht wurde und die kostenlosen Konzerte am Sonntag sind sehr selten und nicht im Konzertsaal, sondern auf einem Stadtpark. Ich habe den Eindruck, die ausländische Presse tendiert dazu, ein romantisches Bild von solchen Themen in Brasilien zu bilden. Leider besuchen das Orchester immer noch eine kleine Elite von Sao Paulo, weil die Kartenpreise noch sehr hoch für die meisten sind.

Archiv

Hier finden Sie alle Artikel, die in der Schweizer Musikzeitung seit der ersten Ausgabe im Januar 1998 erschienen sind: Printarchiv

Artikel, die in der Schweizerischen Musikzeitung (bis 1983) erschienen sind, finden Sie in Bibliotheken (z.B. Zentralbibliothek Zürich, Schweizerische Nationalbibliothek).

Inserieren in der SMZ

Die Schweizer Musikzeitung bietet ein vielfältiges Umfeld für Ihre Inserate. Weitere Details finden Sie hier: Inserieren

Abonnieren Sie die SMZ

Die Printausgabe der Schweizer Musikzeitung erscheint 9 mal jährlich (Doppelnummern Januar/Februar, Juli/August und September/Oktober). Hier können Sie ein Abonnement bestellen: Abonnieren

Aktuelle Anzeigen

Stellenanzeigen

Hier werden Sie zu den aktuellen Stellenangeboten weitergeleitet. Weitere Inserate finden Sie in der Printausgabe.

Kauf/Verkauf

Hier werden Sie zu den aktuellen Angeboten weitergeleitet. Weitere Inserate finden Sie in der Printausgabe.

Kurse und Veranstaltungen

Hier werden Sie zu den aktuellen Angeboten weitergeleitet. Weitere Anzeigen finden Sie in der Printausgabe oder im Kurskalender.

Konzertagenda

Hier werden Sie zu den aktuellen Veranstaltungen weitergeleitet.

Zur Geschichte der Schweizer Musikzeitung

1998 fusionierten sechs Verbandsorgane zur Schweizer Musikzeitung

Musikzeitschriften gibt es in der Schweiz seit dem 19. Jahrhundert; sie stehen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Chorgesang. Nach einer Periode der Zersplitterung entstand 1998 aus der Fusion von sechs Verbandsorganen die Schweizer Musikzeitung.

2008 feierte die Schweizer Musikzeitung ihr 10-jähriges Bestehen. Dies war der Anlass, einen Blick auf ihre lange Vorgeschichte zu werfen. Siehe Artikel Vom Sängerblatt zur SMZ in: SMZ 1/2008, S. 5 ff.

Im Januar 2013 wurde die Schweizer Musikzeitung neu gestaltet und inhaltlich erweitert. Relaunch

Wir danken der Fondation Suisa, der Schweizerischen Interpretenstiftung, der Stiftung Phonoproduzierende und der Pro Helvetia für die Unterstützung dieses Neuauftritts.

Am 28. November 2014 beschloss die ausserordentliche Delegiertenversammlung des Vereins Schweizer Musikzeitung, die NZZ Fachmedien AG ab 1. Januar 2015 als Verlegerin und Herausgeberin der Schweizer Musikzeitung einzusetzen und den Verein Schweizer Musikzeitung zu liquidieren. Siehe Nachricht.