Übersetzung des Editorials aus der Printausgabe 10/2013 

Die schweigende Welt?

Jean-Damien Humair, 02.10.2013

Übersetzung Pia Schwab

Von den vier Elementen nährt das Wasser unsere Vorstellungskraft zweifellos am stärksten. In allen Religionen spielt es eine Rolle, unzählige Legenden und symbolische Vorstellungen kreisen darum. Wasser ist lebensnotwendig, nach dem Islam sogar dessen Quelle. Es reinigt, wie in der christlichen Taufe, der jüdischen Mikwe oder dem hinduistischen Bad im Ganges. Man schreibt ihm auch heilende Kraft zu: das Wasser aus Lourdes, der legendäre Jungbrunnen oder der Brunnen des Mimir in den germanischen Mythen.

Wasser schützt, löscht Feuer, lindert Schmerzen, erinnert an die Geborgenheit des Mutterleibs. Im Französischen haben mer (Meer) und mère (Mutter) denselben Klang, was wohl sprachgeschichtlich ein Zufall ist. Dichter und Schriftsteller werden aber nicht müde, mit diesem Einklang von Wasserwelt und Welt des Ungeborenen zu spielen. Lange Zeit entstanden die Zivilisationen am Ufer von Meeren, Seen und Flüssen. Und noch heute markieren letztere oft Landesgrenzen: Wasser schützt vor Invasionen. Aber es bringt auch Katastrophen mit sich, sei es durch Überfülle – Überschwemmungen, Tsunamis, Ertrinken –, sei es durch Mangel – Dürre und Unfruchtbarkeit.

Wasser birgt und verbirgt eine andere Welt auf unserem Planeten: die Unterwasserwelt, zu der wir Menschen nur sehr beschränkten Zugang haben. Darin soll es Monster aller Arten geben, von riesigen Kraken bis zu Sirenen, die Seeleute durch ihren Gesang in den Bann ziehen. Mit dem Wasser verbunden ist eine breit gefächerte klangliche und musikalische Vorstellungswelt.

Es ist fast ein wenig sonderbar, dass Jacques-Yves Cousteau seinen berühmten Unterwasser-Dokumentarfilm Die schweigende Welt genannt hat. Schon physikalisch breitet sich der Schall unter Wasser schneller und weiter aus als in der Luft. Walgesänge sind über mehr als 3000 Kilometer zu hören. Und seit Jahrhunderten inspiriert das Wasser die Musiker: La mer von Claude Debussy oder Charles Trenet, An der schönen blauen Donau von Johann Strauss, Les jeux d’eau von Maurice Ravel. Vom Ozean bis zum Regentropfen wurden alle wässrigen Erscheinungsformen in Musik gesetzt.

In dieser Nummer erklärt der Komponist Cyrill Schläpfer sehr treffend, dass man Wassergeräuschen, Wellenrauschen zum Beispiel, lange Zeit lauschen muss, um ihren Gehalt zu ermessen. Es braucht Zeit, um von der Luft- in die Wasserwelt zu gelangen, um – bildlich gesprochen – in diese andere Welt einzutauchen (aus der reale Taucher ja auch nur stufenweise wieder aufsteigen dürfen). Lauschen wir also in aller Ruhe der Schweigenden Welt in dieser Nummer.

Herzlich
Ihr

Jean-Damien Humair
 


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