Nachtmusik in den Zeiten digitaler Technik 
Das Universum der Discjockeys

Das Universum der Discjockeys

Nadine Mayoraz, Zusammenfassung Pia Schwab, 06.11.2013

In den letzten zwanzig Jahren sind Tanzanlässe mit DJs zu einem Hauptphänomen des Nachtlebens geworden. Mit Hilfe der neuen Technologien und Medien bewegen sie die Massen.

Zum Teil gilt der DJ zwar noch als blosser «Plattenaufleger», aber immer öfter wird seine Tätigkeit als eigenständige Kunst begriffen. Er hat so viele Möglichkeiten, seinen «Mix» zu gestalten, wie es Musikstile gibt. Reiht er Musikstücke aneinander, so geht es darum, einen Rhythmus oder eine Melodie in die folgende übergehen zu lassen, um die Zuhörer, ohne dass sie es richtig wahrnehmen, von einer Stimmung in die nächste zu führen. Internationalen Erfolg erringen vor allem DJs, die auch als Produzenten tätig sind. Sie arrangieren bestehende Tonspuren, montieren musikalische Ausschnitte, sogenannte samples, aus allen möglichen Stücken, mischen, fügen Effekte und selbst aufgenommene Geräusche oder Klänge bei und schaffen so ihre eigenen Titel. Ihre Arbeit entspricht der eines Komponisten. Meist bereiten sie ihre Stücke vor und spielen sie dann an den Anlässen ab, aber es gibt auch DJs, die improvisieren. Vor allem an Electro-Festivals werden solche, live gemischten, im Konzert entstehenden sets geboten.

Puristen arbeiten mit Plattenspielern, die es wieder in fast allen Clubs gibt und die ein physisches Manipulieren an den Klangträgern ermöglichen. Laptops und USB-Sticks mit umfangreichen Klangdatenbanken gehören ebenso zum Handwerkszeug wie Mischpult und Kopfhörer. Für die produzierenden DJs sind auch digitale Kompositionsprogramme und virtuelle Instrumentalklänge wichtige Hilfsmittel. Wer all diese Elemente beherrscht, ist aber nicht automatisch ein guter DJ. Denn dieser passt seine Darbietung dem Anlass, dem Ort, dem Publikum an. Und nicht nur das: Vor allem anderen ist der DJ ein showman. Er braucht Bühnenpräsenz, Kommunikationstalent, muss von sich reden machen und sich ein Stammpublikum aufbauen. Er muss auf sein Publikum eingehen und zugleich stets am Puls der Zeit sein, neue und unverwechselbare Klänge in seine sets einbauen. Kreativität, Anpassungsfähigkeit und Persönlichkeit sind wie in jeder künstlerischen Disziplin die Grundvoraussetzungen für den Erfolg.

Stilistische Explosion
Einer der Ursprünge der DJ-Bewegung ist die Ölkrise. Als in den Automobilhochburgen Detroit und Chicago in den Siebzigerjahren die Arbeitslosigkeit stark zunahm, wuchs parallel dazu das Interesse für Soul und Disco-Musik, die «natürlichen Eltern» der house music. Nach und nach traten Synthesizer und Rhythmusboxen in dieser Musik immer stärker in den Vordergrund, bis sie zum eigentlichen Kern eines Stücks wurden. Parallel dazu trieb in Europa etwa die Gruppe Kraftwerk ähnliche Experimente ins Extrem, was den Weg ebnete für verschiedenste mit dem house verwandte Stile: alles, was sich unter dem Sammelbegriff electro zusammenfassen lässt. Vorreiter waren die DJs in Berlin, in Schweden und Holland, die auch jetzt noch an der Spitze vieler Entwicklungen stehen.

Heute lässt sich eine regelrechte stilistische Explosion feststellen, die alle Genregrenzen niederreisst. Viele DJs legen ihrer Musik nicht nur Electroklänge zugrunde, sondern schöpfen aus allen möglichen, oft auch entlegenen Stilen. Damit entziehen sich die Ergebnisse jeder Etikettierung und «verdauen» gewissermasen, was es an aktuellen Klangphänomenen gibt. Alles ist möglich – solange das Publikum mitgeht. Bei den meisten Anlässen ist immer noch am wichtigsten, dass der DJ zum Tanzen animiert. Daher muss er sich, so frei er auch sonst gestalten kann, an recht eng reglementierte Tempi halten: 140 BPM für Dubstep, 175 BPM für Drum’n Bass usw.

Nachhinkende Ausbildung
Angesichts der raschen Entwicklung und Veränderung der Szenen und Stile hinkt die Ausbildung hinterher. Es gibt Kursangebote für computergestützte Musik, daneben die «klassischen» Ausbildungen zum Komponisten oder Toningenieur. In der Westschweiz ist die Swiss DJ School von Djerem in Lausanne im Moment die einzige, die konkret auf die DJ-Tätigkeit vorbereitet. In der Deutschschweiz bieten mehrere private Veranstalter Workshops, Gruppen- und Einzelunterricht an. In Basel existiert eine Schule speziell für DJanes. Stilwahl, Repertoireaufbau, Kommunikation und Netzwerkaufbau werden behandelt. An der Hochschule der Künste Bern, Abteilung Pop & Rock, ist die DJ-Kultur Teil des CAS-Moduls Performance, Produktion & Publishing.

Mit oder ohne Ausbildung gibt es eine ganze Menge professionelle oder halbprofessionelle DJs, aber nur wenige schaffen es auf internationale Bühnen. Viele kommen nur mit Neben- oder anderen Hauptbeschäftigungen über die Runden.

Prekäre Rechtslage
Wer ein Stück remixen oder Teile eines bestehenden Stückes verwenden will, braucht die Zustimmung der Rechteinhaber. Hat er sie erhalten, kann er an den Erträgen des neu entstandenen Stücks als Arrangeur oder auch als Produzent teilhaben. Nicolas Pont, Jurist bei der Suisa, gibt jedoch zu bedenken, dass nur wenige DJs eine Liste der verwendeten Stücke einreichten und dass es grundsätzlich schwierig sei, ein Kontrollsystem einzurichten. Vor kurzem hat die Suisa aber an sechzig Veranstaltungsorten «Hitboxen» mit einem Erkennungssystem für die erklingenden Stücke installiert.
 


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