Maria Portens «Hexen»-Konzert  
Hexen, Nymphen und die ewige Loreley

Hexen, Nymphen und die ewige Loreley

Verena Naegele und Sibylle Ehrismann, 06.03.2014

Jungen Musikerinnen eine Auftrittsmöglichkeit zu geben ist verdienstvoll, dies mit einem geschickt zusammengestellten Programm zu tun, noch mehr. Ein «Hexen»-Konzert in Zürich, Schaffhausen und Wetzikon machte es vor.

Seit Menschengedenken haben Frauen für die männliche Welt eine bedrohliche Seite: unheimlich, verführerisch, vergiftend und des Teufels. Hexen wurden in der Schweiz bis 1782 verbrannt. Die verführerisch-verhängnisvolle Frau, die Femme fatale, inspirierte zahllose Maler, Dichter oder Komponisten; Nixen und Nymphen waren besonders im Fin de Siècle der Renner in Literatur und Kunst. Tempi passati?

Nicht ganz, denn auch in jüngster Zeit gibt es in Afrika und Asien wieder Beispiele von Hexenverbrennungen: Die Komponistin Maria Porten hat dies zum Anlass genommen, das Konzert Hexen zu realisieren, in welchem sie nach eigenen Angaben «verschiedene Aspekte der Zauberei und des Verzaubertseins» darstellen wollte. Der Abend reichte vom romantischen Strophenlied bis zur Uraufführung des Hexenprozesses von Porten, die alle von den jungen Musikerinnen hervorragend interpretiert wurden.

Der Loreley, die mit ihrem Gesang die Männer anzieht und ins Unglück stürzt, waren die ersten Lieder gewidmet. Es ist schon harmlos, wie Friedrich Silcher in seiner berühmten Vertonung des ebenso berühmten Heine-Gedichtes diese Geschichte vertont; als ob das Elfenwesen kein Wässerchen trüben könnte. Eine Demonstration romantischen Schöngeistes, von Anna Herbst mit betörender Kantilene gesungen. Da war Franz Liszts Vertonung schon abgründiger; er deutet den Text, dramatisiert und stellt das Unglück der Schiffer heraus.

Ein Bild weiblicher Sehnsucht verkörpert Rusalka. Die berühmte Arie aus Dvořáks gleichnamiger Märchenoper sang Anna Herbst in Originalsprache mit Schmelz, einfühlsam begleitet von Sarah Tabitha Staehli am Klavier. Max von Schillings 1903 komponiertes Melodram Das Hexenlied trug Werner Bärtschi als Sprecher und Pianist in Personalunion vor. Gefangen in der Atmosphäre des Fin de Siècle, handelt es von einem verliebten Mönch, der die Melodie, welche die geliebte Hexe auf dem Scheiterhaufen sang, nicht vergessen kann. Eine suggestive, leitmotivische Musik mit einer Anziehungskraft, wie sie den Sirenen eigen ist. Bärtschi gestaltete das zeitgebundene Drama eindringlich.

Diesen Projektionen der Männerwelt des 19. Jahrhunderts stellte Maria Porten ihre Sicht der Hexen gegenüber – witzig, verspielt, elfenhaft, also durchaus positiv. Ihre gestische Musik hat etwas Einheitliches in allen Werken. Zuerst erklang ihre Vertonung von Brentanos Ballade Zu Bacharach am Rheine für Sprechstimme und Cello, dann der kleine Zyklus Beim Hut des Hermes für Sopran, Cello und Harfe auf Texte von Ariane Braml. Porten spielt mit allerlei Klängen und Zutaten. Dramaturgisch geschickt aufgebaut jeweils das Zwiegespräch zwischen Cello – dramatisch und virtuos gespielt von Ioanna Seira – und Singstimme (Anna Herbst). Witzig das titelgebende Stück mit Tanzrhythmen, Schlagen auf den Harfenkörper oder Einsatz einer Pfeife; klangsinnlich evozierte die Harfe im letzten Lied das Wabernde des Dichten Nebels (Corinne Kappeler).

Zum Schluss folgte als Uraufführung der kurze Hexenprozess, ein Stück für Sopran, Harfe, Cello und Klavier. Dem laut Porten «schockierenden Blick auf die Hinrichtung eines unschuldigen Naturwesens» fehlte musikalisch allerdings der Biss, auch wenn am Ende mit kräftigen Cello-Strichen und Klavierclustern ein kleiner Ausbruch gewagt ist. Ein Konzert, das weniger die Schrecknisse und männlichen Sichtweisen der Femme fatale thematisierte, als abwechslungsreiche und atmosphärisch dichte Momente bot.
Die Konzerte fanden in Zürich, Wetzikon und Schaffhausen vom 24. bis 26. Januar stat
 


Uraufführung von Mischa Käsers «Verhext»

«Ein musiktheatralisches Minenfeld» nennt der Komponist, Choreograf und Regisseur seine neuste Produktion, die am 23. Januar im Tanzhaus Zürich vor vollem Haus ihre Uraufführung erlebte.

Sibylle Ehrismann — Was auch immer auf der Bühne erklingt und geschieht, Mischa Käser hat alles im Griff. Schon wenn er die Musik konzipiert, ist sie immer mit Bewegungs- und Handlungsideen verknüpft, die er dann auch auf der Bühne umsetzt. Ausgangspunkt und Inspiration dieser Aufführung ist Rico Czerwinskis Reportage Verhext, die von einem emotionalen Minenfeld erzählt: Tochter, Vater, Mutter.

Als «Leitfaden» dienen die Aktionen der Tochter Tanja (Jelena Dojćinović). Sie «choreografiert» die Tänzer wie surreale Erinnerungsbilder und lässt sie so auf ihre unglaubliche Familiengeschichte los. Es entstehen rätselhafte Bildfolgen, die stets auf gescheiterte Beziehungen verweisen.

Lisa Beese, Kilian Haselbeck, Sonja Rocha und Nicolas Turicchia tanzten diese extremen Choreografien mit ausdrucksstarker Heftigkeit und überzeugender Sinnhaftigkeit. Dazu spielte und improvisierte der Kontrabassist Daniel Studer gestisch virtuos und beredt. Studer stand links von der Bühne, rechts davon war ein Streichquartett des Collegium Novum Zürich positioniert, alles hervorragende Musikerinnen und Musiker. Käsers skurrile choreografische Einfälle und seine poetisch suggestive Musik ergänzten sich so immer wieder zu grandiosen «Albtraumbildern».
 


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