Essay im Rahmen des CAS Musikjournalismus der Hochschule für Musik/FHNW 

Stille am Klavier

Laura Konjetzky, 04.12.2014

Die Pianistin und Komponistin Laura Konjetzky sitzt am Flügel ohne zu spielen. Aus Fragen und Assoziationen entwickelt sich ein Gedankenspie um Charakter, Aussage und Grenzen musikalischer Stille.

Ein Konzertflügel. Er steht auf der Bühne für das bevorstehende Solorezital. Ich, die Pianistin des Abends, trete auf, gehe zum Instrument, setze mich hin, lege die Hände auf die Tasten, ohne sie hinunterzudrücken, und spiele ein Werk, das aus Stille besteht.

Dieses Szenario stelle ich mir vor, während ich in meinem Arbeitszimmer am Flügel sitze und mir die Frage stelle: Was bedeutet Stille am Klavier?

Stille ist eine extreme Form der musikalischen Äusserung. Bei Stille ist entscheidend, was vorangegangen ist und was danach kommt.Wie bei einer Pause, in vergrösserter Form. Was aber, wenn der Rahmen der Stille ausserhalb der Komposition liegt, weil das ganze Stück nur aus Stille besteht?

Ist ein solches Werk Ausdruck von musikalischer Sprachlosigkeit? Wird der Zuhörer zu eigenen inneren Klängen hingeführt? Reinigt eine solche Komposition die Ohren? Wird hier eine tiefere musikalische Schicht freigelegt?

Ich fange mal mit der Besetzung an. Wenn ich mich als Komponistin für die Stille am Klavier entscheide, dann spielt dieses Instrument, ohne dass ein einziger Ton erklingt, eine zentrale Rolle. Die Stille kann den Fokus des Publikums auf die optische Erscheinungsform des Flügels lenken. Die Stille kann die Erinnerung an den Klavierklang stimulieren, kann die Sehnsucht nach Klaviermusik wecken. Die Stille am Klavier kann wie Musik sein.

Für die Aussage einer solchen Komposition sind die Vortragsanweisungen wesentlich. Schreiben sie vor, dass der Pianist die Hände auf die Tasten legt, ohne eine Taste zu drücken, entsteht eine andere Stille, als wenn der Pianist vor seinem Instrument sitzt und die Hände im Schoss gefaltet hat. Es ist von Bedeutung, ob der Pianist seinen Blick auf den Flügel gerichtet oder gesenkt hat, ob er nach aussen oder nach innen schaut.

Die Lage der Hände auf den Tasten spielt eine wichtige Rolle. Legt der Pianist die linke Hand in eine extrem tiefe Basslage und die rechte Hand in eine extrem hohe Diskantlage, dann ist die Erscheinungsform der Stille anders, als wenn der Pianist die Hände um das Schlüssel-C herum platziert.

Für diese Entscheidungen ist die gewünschte Grundaussage der Komposition zentral: Geht es um das Nicht-Erklingen eines Klavierstücks, bei dem die Handpositionen zeigen, was nicht erklingt? Geht es um eine den Pianisten blockierende Stille, die ihn daran hindert zu spielen? Geht es um das Aufzeigen, dass es doch gar keine Stille gibt, sondern jedes kleinste Rascheln auch Teil der Musik ist, oder geht es darum, in eine Art meditative Stille zu gelangen, die eine Tür zu inneren Höreindrücken sein kann? Da bei der Komposition der Stille die akustische Identität des Instruments wegfällt, spielt die Optik eine umso grössere Rolle. Es findet eine Verschiebung der Schwerpunkte statt.

Interessant ist auch die Struktur, die der Komponist für die Stille gewählt hat. Die auskomponierte Stille kann zum Beispiel aus einer einzigen Pause bestehen. Die auskomponierte Stille kann sich aus lauter kleinen Pausenwerten zusammensetzen. Wenn die Pausenwerte im Verlauf des Stücks immer kleiner werden, ist das ein Accelerando der Stille?

Kompositorisch richtungsweisend ist der Beginn des Stücks. Wenn ich als Komponistin dem Zuhörer deutlich zeige, wann das stille Werk beginnt, ist die Wirkung eine andere, als wenn ich den Zuhörer allmählich entdecken lassen, dass das Stück bereits begonnen hat. Der Flügel steht im Regelfall schon während des Einlasses still auf der Bühne. Ist das bereits die Aufführung einer Komposition der Stille ohne Pianisten? Braucht es dann überhaupt einen Interpreten für ein solches Werk?

Anfang und Ende der Stille bilden einen notwendigen Rahmen, der die Stille definiert und ihre Identität gestaltet. Dabei spielt der Pianist eine zentrale Rolle. Stille setzt sich über die Erwartung hinweg, dass auf dem Instrument etwas erklingt. Auch dafür braucht es den Pianisten. Mit dem Auftritt des Pianisten und dem Beginn der definierten Stille entsteht eine konzentrierte Stille, eine geführte Stille. Da Stille immer in Relation zu etwas steht, ist auch die Dynamikpalette des Flügels eine wichtige Referenz. Der Flügel ist ein grosses, starkes Instrument und die Stille am Klavier orientiert sich daran. Stille am Klavier kann dem Pianisten erst einmal das wegnehmen, was ihm auf der Bühne am vertrautesten ist: das Klavierspiel. Stille am Klavier erfordert neue Fähigkeiten vom Pianisten, die ihren Ursprung in der Choreografie oder darstellenden Kunst haben.

Stille als musikalische Erscheinungsform ist keine Randerscheinung, sondern ein Elementarbaustein der Musik. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema führt Komponist, Interpret und Zuhörer direkt zu grundlegenden musikalischen, kompositorischen, interpretatorischen und philosophischen Fragestellungen.

Ich kann die gedankliche Reise zur Stille an einem ausgewählten Instrument nur empfehlen. Stille wirkt wie ein Vergrösserungsglas und bringt sofort zentrale Thematiken des jeweiligen Instruments ins Spiel.

Nun sitze ich schon eine ganze Weile in meinem Arbeitszimmer still vor meinem Flügel. Nach dieser Gedankenreise ist mein Bedürfnis gross, das Instrument zum Klingen zu bringen. Ich bin gespannt, wie ich jetzt seinen Klang wahrnehme.
 


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