
230 Personen aus Kunst, Kultur, Kulturvermittlung und Bildung hatten sich angemeldet, um beim nationalen Symposium dabei zu sein, an dem das Manifest Arts & Education den Sprung in die öffentliche Auseinandersetzung tat. Ursula Bachmann, die Vize-Präsidentin der Schweizerischen Unesco-Kommission, schaute zurück. Sie berichtete von der Unesco-Weltkonferenz für kulturelle Bildung in Lissabon 2006, zu der nach anfänglich harzigem Anmeldeverlauf schliesslich 1200 Personen angereist seien, aus allen möglichen Kulturen, die die Konferenz zeitweilig zum Happening gemacht hätten. Dies habe eine Art Schauder verursacht, einen Sprung in der eigenen Wahrnehmung: Wir sind viele! So vielen ist die kulturelle Bildung ein Anliegen, wir kämpfen nicht auf verlorenem Posten und schon gar nicht allein! Auch im Südpol in Luzern kam eine stattliche Teilnehmerzahl zusammen, und nach dem Grund gefragt, warum sie heute hier sei, sagte beispielsweise eine Gestaltungslehrerin von einer Sekundarschule in Neuenburg, der Platz für Kunst und Kultur in der Schule werde immer kleiner, und sie wolle bekunden, dass sie damit nicht einverstanden sei.
Hürden und Hindernisse
Mehrfach wurde die kaum zu bremsende Dominanz der sogenannten Hauptfächer angesprochen, trotz eines zugleich überbordenden Vermittlungsangebots in Kunst und Kultur – und die Schwierigkeit, die Kinder und Jugendlichen aller Schichten zu erreichen. Madeleine Zulauf beschäftigte sich in ihrem Referat mit der regelmässig ins Feld geführten utilitaristischen Einschätzung der künstlerischen Bildung. Es gebe keine schlüssigen Beweise, dass zum Beispiel vermehrt musikalisch geförderte Kinder auch in anderen Fächern bessere Leistungen zeigten. Allerdings auch nicht für das Gegenteil: Kinder die fünf Wochenstunden Musik hätten, grösstenteils zu Lasten von anderen Fächern, wären mit dem Lernstoff keineswegs hintendrein – hätten aber eindeutig musikalischen Vorsprung. Diesen als Bonus an sich zu betrachten, sei es endlich an der Zeit. Sie zitierte Cocteau: «Je sais que la poésie est indispensable, mais je ne sais pas à quoi.» (Ich weiss, dass die Poesie unverzichtbar ist, ich weiss nur nicht wofür.) Das Manifest schielt nicht nach gut zu vermarktenden Synergieeffekten, sondern ist ein Zeichen für ein neues Selbstbewusstsein.
Zum Sprung ansetzen
Den Auftrag der Weltkonferenz in Lissabon setzte die Schweizerische Unesco-Kommission um, indem sie 2008 einen Überblick über aktuelle Angebote im Bereich Kunst und Bildung veröffentlichte sowie ein Argumentarium für die Förderung der Künste in der Bildung. Darauf aufbauend entstand nun das Manifest Arts & Education – für einen qualitativen und quantitativen Sprung in der kulturellen und künstlerischen Bildung im Schweizer Bildungssystem. Es bezieht die Resultate eines Workshops mit 170 Fachleuten im März 2009 in Bern und die weiterführenden Überlegungen von mehreren Arbeitsgruppen ein.
Im Manifest wird festgestellt, dass es bereits eine sehr lebendige künstlerische Bildung und Vermittlungstätigkeit in der Schweiz gibt, dass aber nicht alle Kinder und Jugendliche erreicht werden und die Qualität nicht immer gewährleistet ist. «Damit alle Kinder und Jugendlichen, von der frühen Kindheit bis zum Ende der Sekundarstufe II, in den Genuss einer qualitativ guten Bildung kommen, bedarf es bis 2020 eines quantitativen und qualitativen Sprungs in der kulturellen und künstlerischen Bildung im Schweizer Bildungssystem.» Es wird präzisiert, was unter quantitativem und qualitativem Sprung zu verstehen ist, welche Voraussetzungen dafür nötig sind und mündet in sechs vordringlichen Punkten, zu deren Realisierung Behörden, Einrichtungen und Einzelpersonen aufgerufen sind.
Hüpfer an Ort oder Sprungbrett?
Was ist schon ein Manifest? Ein Forderungskatalog ohne jegliche Verbindlichkeit, könnte man kleinmacherisch einwenden. Er möge Manifeste jedenfalls lieber als Predigten, Sitzungsprotokolle oder Abstimmungsunterlagen, sagte Martin Heller, der aus der Sicht des Kulturunternehmers Stellung bezog. Im «Kummerland Schweiz» sei damit kein öffentliches Geld zu holen, aber es sei doch ein Anstoss, um selber zu springen.
Manifeste sind vermutlich so wirkungsvoll, wie man sie macht. Wenn dieser Forderungskatalog auch kein politisches Instrument ist, so waren doch etliche Exponenten von Hochschulen und Förderorganisationen bei der Erarbeitung beteiligt, die die Inhalte nun auf verschiedensten Ebenen einbringen können. Und vielen grossen oder kleinen Projekten kann das Manifest eine argumentative Grundlage bieten, ein Sprungbrett unter den Füssen: Damit aus vielen Katzensprüngen ein Quantensprung wird.
Manifest, Kuss und Kunstdünger
Das Manifest kann heruntergeladen und durch die eigene Unterschrift mitgetragen werden auf:
www.unesco.ch/themen/kunst-und-bildung/manifest.html
Die Schweizerische Unesco-Kommission hat die Plattform «Kuss» geschaffen für alle, die sich in der Kulturvermittlung für Kinder und Jugendliche engagieren. Ab Ende August ist sie online. Registrierungen sind ab sofort möglich.
Eine Verbindung mit der geplanten Website des Programms Kulturvermittlung von Pro Helvetia wird geprüft.
www.kunstundschule.ch
Die Onlinegalerie Kunstdünger zeigt Bilder von Projekten und bietet Vernetzungsmöglichkeiten:
www.kunst-duenger.ch
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