Kathartische Klänge

Kathartische Klänge

Die Basler Madrigalisten und das ­Ensemble Phoenix Basel gastierten im Zürcher Kunsthaus mit der «Missa Nova» von Lukas Langlotz.
Torsten Möller

Hochkonjunktur hat Goethes Gretchenfrage keinesfalls. Zu geschwächt ist der Glauben, zu wenig Antworten hat die Kirche auf die drängenden Fragen heutiger Zeit. Dem enthemmten «Heu­schrecken»-Kapitalismus hat sie ebenso wenig entgegenzusetzen wie der nach wie vor eklatanten Aids-Ausbreitung in Afrika, der durch ein Kondomverbot wohl nicht beizukommen ist. Dass die unsäglichen Skandale um Kindesmissbrauch einen weiteren Vertrauensverlust bedeuten, steht fest. Glauben kann man heute kaum noch, zumindest nicht an die Kirche.
Der 1971 in Basel geborene Lukas Langlotz weiss das. Ihn interessieren nicht «Religion im institutionellen Sinne, sondern Erfahrungen, die man als religiös oder transzendent bezeichnen könnte.» In Kamerun hat er erlebt, wie ein Pfarrer dem hebräischen Buch Kohelet geradezu anarchistisch-revolutionäre Seiten abgewann. Vieldeutigkeit und Gegensätze erblickt Langlotz auch in dem seiner Missa Nova zu Grunde liegenden Ordinarium Missae. Ihm geht es um grosse Themen, um das im Text angesprochene «Dogma gegenüber dem sich wandelnden menschlichen Bewusstsein» oder um «Glauben als Ausdruck eines Urvertrauens gegenüber einem Glauben, der sich aus der Angst heraus nährt.»

Keine Dekonstruktion
Lukas Langlotz belässt die Messtexte so, wie sie sind. Nicht anders als Giovanni Pierluigi da Palestrina, Guillaume de Machaut oder Ludwig van Beethoven folgt er dem Ordinarium mit einem Credo im Zentrum. Langlotz ist kein verbissener Avantgardist, der Sätze oder Wörter asemantisch oder im Sinne ­einer inhaltsbefreiten Lautpoesie verwendet, selbst wenn er im abschliessenden Agnus Dei Begriffe isoliert und von einzelnen Gruppen der Basler Madrigalisten intonieren lässt. – Verständlichkeit steht im Vordergrund, unterstützt durch die feine und wohl einstudierte Interpretation des erfahrenen Gesangs­ensembles, dem die Missa Nova auf den Leib geschrieben scheint.
Klarheit, Transparenz, ja Transzendenz äussert sich auch in der Musik. Von den Doktrinen der Neuen Musik, vom Komplexitätszwang, von der Geräuschkomposition und dem Tonalitätsverbot, hat Lukas Langlotz sich schon vor mehr als zehn Jahren verabschiedet. Seine Rhythmik ist gerade heraus. Im 4/4-Takt notiert er seinen eröffnenden Introitus sowie das Credo. Unnötig geschwärzt ist die Partitur an keiner Stelle. Zierrat, Ornamentik, das scheut Langlotz wie der Teufel das Weihwasser.
Sehr geschlossen kommt die Musik daher, in engem Ambitus verklammert er die von Jürg Henneberger bedachtsam geleiteten Interpreten des Ensemble Phoenix Basel mit den Basler Madrigalisten. Ein geistlicher Charakter ist unüberhörbar. Grüblerisch klingt es oft, gravitätisch tiefenlastig, mystisch, vielleicht eine Spur zu introvertiert (lediglich in einer rein instrumentalen Meditatio Secunda wird es dynamisch-expressiv). Langlotz bevorzugt flächige Klänge und beweist ausserordentliches Geschick in seinen Instrumentationen: Fahle Flageoletts der Streicher kombiniert er mit tiefen Liegetönen des Akkordeons, dann wieder schmiegen sich die Sänger eng an Cello und Bratsche an. Mikrotonale Verschleierungen geben der Musik stets etwas Irritierendes. Das, was zuerst deutlich wirkt, erweist sich im Innern als fein abgestuft, lebendig.

Zeiterfüllung
«Im Zeitlichen liegt der Hund begraben», äusserte Langlotz einmal. Leicht ist das gesagt, zumindest leichter als die gelungene Zeiterfüllung in einer Komposition erreicht wird. Aber gerade hier beweist der beim – gemeinhin weit unterschätzten Basler Komponisten – Rudolf Kelterborn Unterrichtete enormes Feingefühl. Wenn im Kyrie die Madrigalisten immer wieder eine abfallende Figur intonieren, so sind das keine vergeblichen Mühen, sondern sicher gesetzte Wiederholungen fernab jeglicher Aufdringlichkeit. Und wenn einzelne musikalische Gedanken in durchaus traditioneller, motivisch-thematischer Manier durch das Instrumental- und Vokalensemble wandern, so weiss Langlotz genau, wann etwas ausgepresst ist, wann sich also etwas erschöpft hat und Neuem Platz machen muss.
Handwerk ist nicht alles. Es bleibt die Frage nach der Aussage seiner Missa Nova. Verstört ist man von ihr nicht, es gibt keine musikalischen Widersprüche, keine überraschenden Rätsel. Aber vielleicht ist fernab einer zu oft verspannt-sophistischen Sinnsuche in Neuer Musik etwas ungleich höher zu Schätzendes gelungen: eine Stunde introvertierter musikalischer Meditation über ein Sujet, das im Laufe der Geschichte einigen Ballast anlegte. Langlotz erleichtert den Text und zugleich die – leider schon traditionell wenigen – Hörer im Vortragssaal des Kunsthauses, die sich mehr als eine Stunde hineinbegeben konnten in geradezu kathartisch reinigende Klänge.