«… hier in Zürich machen wir das eben so!»

«… hier in Zürich machen wir das eben so!»

Von 1965 bis 1972 war Rudolf Kempe Chef­dirigent, anschliessend Erster Dirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich, eine künstlerisch hoch stehende, persönlich wechselvolle Zeit. ­Erinnerungen und Betrachtungen eines ­damaligen Orchestermitglieds.
Hans Martin Ulbrich

Am 14. Juni wäre Rudolf Kempe hundert Jahre alt geworden. In den Herzen vieler betagter Musikerinnen und Musiker sowie Musikfreunde aus dem Publikum, lebt er weiter in der eindrücklichen Gestalt eines ungewöhnlichen Orchestervaters, der als früherer Oboist die Seelen seiner Musiker kannte und weltweit über hundert Orchester und zahlreiche Solisten seiner Zeit massgeblich prägte und begeisterte. Heute, ein paar Jahrzehnte nach seinem Tod, wird Kempe von einer neuen Generation Musikinteressierter wahrgenommen, die ihn zwar nicht mehr erlebt hat, aber seine Einspielungen kennt. Drei Werke hat er mit dem Tonhalle-Orchester Zürich aufgenommen: Beethovens Fünfte, Bruckners Achte und Dvořáks Neunte Aus der Neuen Welt.
Kempe bereiste die Schweiz erstmals 1953 anlässlich eines Gastspiels der Münchner Staatsoper mit der Strauss Oper Die Liebe der Danae an den Zürcher Junifestwochen. Noch im gleichen Jahr dirigierte er im Rahmen der Klubhauskonzerte die Bamberger Symphoniker, persönlich begrüsst vom Migrosgründer Gottlieb Duttweiler. Die Reise führte von Genf und Neuchâtel nach Kreuzlingen in den Gasthof Löwen, zur Gesellschaft für Kunst und Literatur.

«… das mir über alle Massen gefällt»
Als Gastdirigent konzertierte Kempe mit dem Tonhalle-Orchester Zürich erstmals 1960. Es folgten Aufführungen von Elektra und Freischütz im früheren Zürcher Stadttheater, und noch heute schwärmen jene darüber, die dabei waren. Auch das Orchestre de la Suisse Romande, das Musikkollegium Winterthur und das Orchester der AMG Basel sowie das Schweizerische Festspielorchester Luzern leitete er als Gast. In Basel passierte 1962 ein Lapsus, den er verärgert zur Kenntnis nahm: Wilhelm Kempe, war versehentlich ins Programm gedruckt worden.
Die Zusammenarbeit mit dem Tonhalle-Orchester Zürich beeindruckte Kempe offensichtlich besonders, sicher auch der prächtige Saal, der ihn ans alte, kriegszerstörte Leipziger Gewandhaus erinnert haben muss (welches wie die Zürcher Tonhalle von den Architekten Fellner und Helmer erbaut wurde). «Das Tonhalle-Orchester, das mir über alle Massen gefällt», schien ihm, zusammen mit dem Royal Philharmonic Orchestra, dem er bereits seit 1961 vorstand, in idealer Weise zu entsprechen.