
Vor 50 Jahren erschien eine Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach, gespielt auf Originalinstrumenten vom Concentus Musicus Wien mit Nikolaus Harnoncourt. Diese Veröffentlichung darf als Geburtsstunde einer breiten Wahrnehmung der historisch informierten Aufführungspraxis (HIP) gelten, die seither eine beispiellose Erfolgsgeschichte vorzuweisen hat: Die auf dem Studium von Quellen basierenden Erkenntnisse und deren praktische Umsetzung haben stilbildend Einfluss auf die heutige Interpretationspraxis historischer Musik genommen und sind aus dem kulturellen Leben nicht mehr wegzudenken.
Parallel dazu hat sich in den letzten 20 Jahren eine weitere Forschungsrichtung entwickelt: Unterstützt durch eine rege Editionstätigkeit einiger Plattenfirmen (z.B. Naxos Historical) ist die Erkenntnis gewachsen, dass uns historische Aufnahmen viel über die Musizierpraxis der letzten 100 Jahre erzählen können und uns sogar einen Blick zurück ins akustisch nicht greifbare 19. Jahrhundert verschaffen.
Da sich unterdessen einige Dirigenten der HIP-Szene mit Musik des frühen 20. Jahrhunderts befassen, ergibt sich ein reizvolles Spannungsfeld zwischen den beiden Forschungsrichtungen. Wir konfrontieren hier deshalb zwei dieser Dirigenten mittels eines Hörvergleiches mit ihren Vorbildern, nämlich dirigierenden Komponisten: Roger Norrington mit Edward Elgar (Streicherserenade op. 20), sowie Jos van Immerseel mit Maurice Ravel (Boléro). Wir möchten dabei herausfinden, wie sich die Kenntnis der alten Aufnahmen in ihren Interpretationen manifestiert.
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Elgar: Legatokultur und Portamento
Edward Elgar hat mit verschiedenen Orchestern seine wichtigsten Werke auf Schallplatte eingespielt. Unter den letzten Aufnahmen aus seinem Todesjahr 1933 findet sich auch die Streicherserenade e-Moll op. 20, gespielt vom London Philharmonic Orchestra.
1. Satz: Allegro piacevole
Elgar geht den ersten Satz mit viel Schwung an, obwohl das Tempo (Durchschnitt des ganzen Satzes: 80) deutlich unter den in der Partitur angegebenen 96 liegt. Das Orchester scheint nicht allzu gross besetzt und spielt mit einem stets präsenten Vibrato. Die Melodik wird mit einem ausgeprägten Legato und mit vielen, teilweise deutlichen Portamenti gestaltet. Leere Saiten werden praktisch durchwegs vermieden. Das Dirigat des Komponisten sorgt für eine feine Agogik und die Aufnahme strahlt einen unbeschwerten und spontanen Charme aus.
Bei Roger Norrington geht es ganz anders zu und her: Das Tempo der Aufnahme mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart liegt deutlich unter demjenigen von Elgar (Durchschnitt des ganzen Satzes: 74) und ist strikter durchgehalten, was der Interpretation einen statischen und etwas freudlosen Charakter verleiht. Es wird konsequent senza vibrato gespielt; leere Saiten werden auch in Melodien eingesetzt, was einen aussergewöhnlich hellen und scharfen Klang zur Folge hat. Der grösste Unterschied zur Aufnahme des Komponisten bildet jedoch das Non-Sostenuto-Spiel: Legatobögen werden nicht durchgezogen, sondern stets leicht artikuliert, wodurch auch Portamenti wegfallen. Lange Noten werden entlastet und es entstehen nicht notierte Zäsurpausen zwischen den Bindebögen. Solche Mittel waren zur Zeit des Barock und der Klassik stilistisch wohl richtig. Aber sind sie auch für die Musik von Elgar adäquat? Ich wage es zu bezweifeln, wenn ich mir dessen eigene Aufnahme anhöre.

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