Die beinahe vergessene Sopran-Pionierin aus dem Thurgau
Emilie Herzog aus Ermatingen sang 21 Jahre an der Berliner Hofoper. Nach über hundert Jahren ist ihr Nachlass wieder aufgetaucht — und mit ihm eine Quelle, wie es sie für Sängerinnen ihrer Generation kaum gibt.

Man kann sie hören. Das ist das Erste, was man wissen muss.
Auf einer Schellackplatte, aufgenommen in Berlin, steigt eine Stimme in die Gnadenarie aus Meyerbeers Robert der Teufel, und was durch das Rauschen dringt, ist keine museale Kuriosität, sondern ein Sopran von einer Beweglichkeit, die man nicht erwartet hat. Höhen und Koloraturen ohne Anstrengung. Die Frau, die da singt, war königlich-preussische Kammersängerin und gehörte 21 Jahre zum Ensemble der Berliner Hofoper. Geboren wurde sie als Emilie Herzog; nach ihrer Heirat mit dem Musikwissenschaftler Heinrich Welti 1890 hiess sie bürgerlich Welti-Herzog. Auf dem Theaterzettel und auf dem Plattenetikett aber blieb sie bis zuletzt Emilie Herzog. Bis vor wenigen Jahren erinnerte sich selbst an ihrem Geburtsort kaum jemand an sie.
Sie kam am 17. Dezember 1859 im Schulhaus von Ermatingen am Untersee zur Welt; ihr Vater war dort Lehrer und leitete den Männerchor. Zwei Jahre später zog die Familie nach Diessenhofen, wo er eine bessere Stelle bekam. Das Städtchen am Rhein blieb ihr Zeit ihres Lebens gegenwärtig: «Meine lieben und heimeligen Erinnerungen aus meinen Kinder- und Schulmädchentagen haften an dem Bilde des stillen, noch mauerumfriedeten und turmbewehrten alten Grenzstädtchens am Rhein», hat sie später geschrieben. Mit vierzehn begleitete sie dort den sonntäglichen Gottesdienst an der Orgel. Sie hatte das absolute Gehör.
Der Fachmann befand: Ihre Stimme trägt nicht für die Bühne
Was dann folgte, ist die unwahrscheinlichste Passage dieser Biografie. Emilie Herzog lernte Putzmacherin, Modistin, ein anständiger Beruf für eine Lehrerstochter. Erst mit siebzehn überzeugte sie ihre Eltern, eine Gesangsausbildung zu beginnen. Sie sang am Konservatorium Zürich vor, und der Fachmann urteilte: eine hübsche hohe, aber sehr kleine Stimme. Vielleicht genug, um zu unterrichten. Für die Bühne trage sie nicht.
Es kam anders. Nach dem Studium in Zürich und München bei Adolf Schimon debütierte sie am 10. September 1880 am Königlichen Hof- und Nationaltheater München, als Page Urbain in Meyerbeers Hugenotten. Neun Spielzeiten blieb sie dort, rund 650 Theaterabende in über fünfzig Rollen. 1889 wechselte sie an die Berliner Hofoper, das Königliche Opernhaus Unter den Linden – und blieb bis 1910.
Ihre Paraderolle war die Königin der Nacht, ihr Repertoire reichte von Rosina über Gilda und Micaëla bis zur Regimentstochter. 1900 wurde sie zur königlich-preussischen Kammersängerin ernannt. Sie sang in Paris, Wien, London, Brüssel, Dresden, Moskau und St. Petersburg; im Mai 1896 wirkte sie bei den Krönungsfeierlichkeiten für Zar Nikolaus II. mit. Die Ordensdiplome stapelten sich: Mecklenburg-Schwerin 1895, Bayern 1902, Anhalt 1904, Sachsen-Coburg und Gotha 1905, dazu Anfang 1906 das silberne Frauenverdienstkreuz der Kaiserin Auguste Victoria.
Mit der Heimat blieb sie verbunden. Mehrmals im Jahr gastierte sie in Zürich, Basel und St. Gallen, sang an Eidgenössischen Sängerfesten und 1898 zur Thurgauer Centenarfeier.
Der Ehemann, der Buch führte
1890 heiratete sie Dr. Heinrich Welti, Musikhistoriker und Musikkritiker aus dem Aargau. Ungewöhnlich für die Zeit ist nicht, dass diese Ehe glücklich war, sondern wie sie eingerichtet war. Emilie Herzog verdiente das Geld. Heinrich Welti organisierte ihre Konzertabende in Deutschland und der Schweiz, entwickelte mit ihr das Format der «historischen Liederabende» und übernahm die Erziehung der gemeinsamen Tochter Eva, die später selbst Konzertsopranistin und Gesangspädagogin wurde.
Vor allem aber führte er Buch. In ledergebundenen Münchener Kalendern hielt er jeden einzelnen Auftritt seiner Frau fest: Datum, Ort, Werk, Rolle. Drei Bände, 1880 bis 1910, lückenlos. Für die Musikgeschichte ist das ein Glücksfall: Man kann die Karriere dieser Sängerin Abend für Abend rekonstruieren. Nach Auswertung der Agenden kommt der Kurator Reto Knöpfel auf über 4000 Opernabende und Konzerte, davon 188 im Kanton Thurgau. In manchen Wochen trat sie an bis zu vier weit auseinanderliegenden Orten auf.
Im Februar 1896 kam Tochter Eva zur Welt; aus den Agenden geht hervor, dass die Mutter hochschwanger bis Januar auftrat. Im Mai sang sie in Moskau.
Komponisten suchten ihre Nähe. Im Nachlass liegen beide Hefte von Richard Strauss’ Sechs Liedern op. 19 mit einer Zueignung an sie, handschriftliche Noten mit den Namen Pfitzner und Humperdinck, Othmar Schoecks Liederalben und Mahlers Des Knaben Wunderhorn mit einer Tintenwidmung des Komponisten: «Für Kammersängerin Herzog, Berlin, Lützowstrasse 20».
Der Abschied und das Verschwinden
Am 6. Februar 1910 verabschiedete sich Emilie Herzog in Zürich vom Schweizer Opernpublikum, als Marie in Donizettis Regimentstochter. Am 1. Juni desselben Jahres stand sie zum letzten Mal in einer Opernvorstellung auf der Bühne. Dann zog sie nach Aarburg, in die Heimat ihres Mannes, und leitete bis 1922 Meisterklassen am Konservatorium Zürich; dort, wo man ihr gut drei Jahrzehnte zuvor gesagt hatte, ihre Stimme trage nicht.
Den Ersten Weltkrieg erlebte sie aus der Schweiz, und er hat ihr zugesetzt. Sie spendete einen grossen Teil ihrer deutschen Pension für Soldaten an der Front und verkaufte den Schmuck aus russischem Hofbesitz zugunsten des Roten Kreuzes. Am 16. September 1923 starb sie in Aarburg, drei Monate vor ihrem 64. Geburtstag.
Danach wurde sie weitgehend vergessen. Es gibt dafür keinen einzelnen Grund, sondern mehrere: der Krieg, der die Welt zerstörte, in der sie berühmt gewesen war; ihre Bindung an ein Deutschland, das in der Schweiz nach 1918 keine gute Presse hatte; und der Umstand, dass sich ihr Name, soweit bekannt, an keine Uraufführung heftete. Vor allem aber sind Sängerinnen ihrer Generation in der Erinnerung fast durchweg schlechter weggekommen als ihre männlichen Kollegen.
Eine Platte im Brockenhaus
Vor gut einem Jahrzehnt las ein junger Sänger aus Salenstein in der Zeitung von einer Opernsängerin aus der Region; Anlass war eine Schellackplatte, die in einem Brockenhaus aufgetaucht war. Reto Knöpfel, ausgebildeter Konzert- und Opernsänger, liess das Thema nicht mehr los. Als ihn 2023 das Museum Vinorama in Ermatingen bat, ehrenamtlich die Kuratur zu übernehmen, wusste er, womit er anfangen würde.
Den Durchbruch für seine Forschungen brachte der Stammbaum. Knöpfel stiess auf eine Urenkelin, Silvia Wiesner-Alder, die den gesamten Nachlass besass: Briefe in Sütterlin, die Agenden, Ordensdiplome, ein Spitzenkleid, die Brosche Kaiser Wilhelms, Alben mit Schellackplatten, eine Europakarte mit rot unterstrichenen Auftrittsorten. Im Sommer 2023 übergab sie das Konvolut.
Bemerkenswert an Knöpfels Arbeit ist nicht nur, was er gefunden hat, sondern auch was er wegwerfen konnte. In fast jedem Nachschlagewerk ist zu lesen, Emilie Herzog sei an der Metropolitan Opera aufgetreten. Es stimmt nicht. In den Archiven der Met kommt sie nicht vor. Wer vorkommt, ist eine Jeannette Herzog, die dort am 24. November 1904 ein einziges Mal sang, als Blumenmädchen im Parsifal. Aus dieser Verwechslung ist über hundert Jahre hinweg eine amerikanische Karriere geworden, abgeschrieben von Lexikon zu Lexikon.
Am Ende bleibt die Stimme. Fünfzehn Matrizen sind dokumentiert, aufgenommen zwischen 1904 und 1907 in Berlin und Wien für G&T und Columbia sowie auf Edison-Walzen; einige davon sind frei zugänglich. Dazu kommt ein Tonbild von 1908, vier Minuten früher Tonfilm, in dem Emilie Herzog mit dem Bariton Baptist Hoffmann das Duett der Nedda aus Leoncavallos Bajazzo gestaltet. Sie gehört damit zu den wenigen Sängerinnen ihrer Generation, die man sehen und hören kann.
Der Nachlass von Emilie Herzog war im Museum Vinorama Ermatingen und im Museum kunst + wissen in Diessenhofen zu sehen. Am 25. Oktober ist im Heimatmuseum Aarburg eine weitere Ausstellung eröffnet worden, die bis 14. März 2027 läuft.
