Musik und Markt

Die dieser Ausgabe beige- legte Publikation der KMHS (Konferenz Musikhoch-schulen Schweiz) beschäftigt sich mit dem Thema «Musik und Markt». Ein paar grund-legende Überlegungen zum Thema des Musikmarkts sowie die Perspektive einer Musikhochschule sollen Lust auf die Lektüre des Jahres-magazins machen.

MvO — Besonders im 18. Jahrhundert entwickelte sich die Musik zu einem regelrechten Wachstumsmarkt. In London entstanden die so genannten Musikgärten (beispielsweise jener von Vauxhall, der einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich war), welche einzelne Musiker oder ganze Orchester engagierten. Während diese spielten konnten die Gäste promenieren. Für den Konzertbetrieb waren eigene Konzertreihen, wie sie etwa Johann Christian Bach oder Carl Friedrich Abel seit den 1760er Jahren in London organisierten, besonders wichtig und vor allem sehr lukrativ. Gleichzeitig kämpften verschiedene Konzertunternehmer um die Gunst von Künstlern und Publikum, ein bekanntes Beispiel war seit den 1790er Jahren der Musikverleger und Impresario Johann Peter Salomon, der Joseph Haydn und dessen Musik nach London holte. Im Vergleich zu England fand die Kommerzialisierung der Musik in Deutschland auf einem niedrigeren Niveau statt. Den wichtigsten Markt bildeten dort gedruckte Musikalien und weitere musikrelevante Publikationen. Daneben etablierten sich profitable Konzertgesellschaften wie etwa die Gewandhauskonzerte in Leipzig, welche ihren Anfang im November 1781 hatten. Mit dieser Markteroberung einher ging auch ein vermehrter Diskurs über die Musik. Das Rezensionswesen gewann immer mehr an Bedeutung, sei es in wissenschaftlichen Zeitschriften oder dann in spezialisierten Musikzeitschriften.

Pariser Weltausstellung

Als Beginn der Musikindustrie kann die Pariser Weltausstellung von 1889 betrachtet werden, in deren Folge die ersten industriellen Grammophone hergestellt und zeitgleich die ersten industriellen Musikaufnahmen gemacht wurden, welche in den neu erfundenen Jukeboxen abgespielt werden konnten. Die Gründung des Unternehmens Deutsche Grammophon im Jahr 1898 ist diesbezüglich von besonderer Bedeutung, da sie den Beginn der Massenproduktion von Tonträgern manifestiert. Mit der ersten Schallplattenaufnahme von Enrico Caruso im Jahr 1902 trat die neue Technologie den weltweiten Siegeszug an, und diese wurde in den Folgejahren technologisch immer weiter verbessert und perfektioniert. Die Entwicklung mündete in die CD-Technik, welche der Musikindustrie in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts goldene Zeiten bescherte – im Jahr 1997 erreichte die CD ihren Höchstumsatz.

Musikmarkt heute

Dieser Musikmarkt, der über Jahrzehnte florierte, sieht sich heute gänzlich anderen Voraussetzungen ausgesetzt. Exemplarisch dafür sind etwa die zahlreichen Schliessungen von traditionsreichen Musikhäusern auch in der Schweiz. Die Musikbranche spürt den beinahe vollständigen Wegfall des stationären Tonträgergeschäfts aber auch den einschneidenden Rückgang bei der Nachfrage nach physischen Noten oder Musikinstrumenten. Das CD-Geschäft ist in der Zwischenzeit vollständig vom Musik-Streaming überholt worden. Erhebungen aus Deutschland zeigen, dass der Marktanteil der Streaming-Dienste im ersten Halbjahr 2018 bei rund 48 Prozent lag, das CD-Geschäft dagegen macht gerade noch einen Anteil von 34 Prozent aus. Aufgrund dieser Erkenntnisse wird auch ein anderes Problem relevant: Wie kann sich die Branche in diesem Umfeld überhaupt noch behaupten, wie bleiben die Lizenzzahlungen an die einzelnen Künstlerinnen und Künstler auch in Zukunft noch gesichert, wenn der Ertrag pro gestreamtem Titel unter 0.01 Rappen liegt? Wie also sollen sich Künstlerinnen und Künstler in Zukunft im Markt überhaupt noch behaupten können?

PR, Marketing oder Audience Development sind inzwischen auch in der Klassikbranche zu wichtigen Instrumenten geworden (zahlreiche Publikationen zu dieser Wechselwirkung belegen dies), das Talent alleine genügt nicht mehr, der Markt will bearbeitet werden. Arrivierte Künstlerinnen und Künstler, und die Talente von morgen erst Recht, müssen erkennen, dass sich mit dem Verkauf von Tonträgern kaum mehr Geld verdienen lässt. Dies ist auch im Pop-Sektor nicht anders, wo primär mit Konzerten Profit gemacht werden kann. Gerade für junge, noch unbekannte Künstler stellt sich die Frage, ob man bei den minimalen Einkünften die Debüt-CD nicht gleich verschenken soll. Einnahmen sind kaum zu erwarten, doch die dank einer professionellen Aufnahme geschaffene Aufmerksamkeit ist nach wie vor eminent, wie auch die Tatsache, mit einer Aufnahme Tonmaterial zu haben, welches man Konzertveranstaltern oder Agenten vorlegen kann.

Vorteile für die Konsumenten

Es überrascht nicht, dass auch die Veranstalter ihrerseits erfinderisch sein müssen, wenn sie etwa den Künstlern eine tiefe Fix-Gage bezahlen, diese im Gegenzug an den Konzerteinnahmen beteiligen. Damit überträgt der Veranstalter das Risiko auf die Künstler – diese müssen dann für sich entscheiden, bis zu welchem Punkt es sich für sie noch lohnt und auszahlt. Der Beruf des Musikers, der Musikerin ist aufreibend, und gerade der Anfang der Karriere verlangt sehr viel ab. Ob es heute schwieriger ist als noch vor ein paar Jahrzehnten kann sicherlich nicht abschliessend beantwortet werden, weil die meisten Musikerinnen und Musiker diesen Weg aus Überzeugung gewählt haben. Man kann den goldenen Zeiten des CD-Marktes nachtrauern, gleichzeitig birgt die Digitalisierung auch für die Musikbranche ein riesiges Potential, welches ausgeschöpft werden will und den Musikmarkt positiv beeinflussen kann.

Handwerk hat einen Preis

Michael Kaufmann — Handwerksleute wie Schreiner, Uhrmacher, Schlosser oder Maurer lernen ein Handwerk. Sie verstehen ihre Arbeit zu Recht als Kunst. Sie sind schaffen Neues und geben die Präzision der Tradition mit Leidenschaft für Qualität weiter. Trotzdem müssen sie auf den Märkten bestehen, ihre Arbeit “verkaufen“. Sie müssen im Alltag bestehen. Bei den Musikerinnen und Musikern ist das auch so. Wenn auch sie sich in der Ausbildung und im Berufsleben mehrheitlich mit Handwerk, Kunstfertigkeit, Interpretationskultur, Harmonielehre, Rhythmik, musikwissenschaftlichen Fragen, Komposition und Bühnenpräsenz auseinandersetzen, gibt es im Musikleben auch Märkte, die man schlicht und einfach bedienen muss um zu überleben.

Was Musik eigentlich soll

An den Hochschulen geht es um das Erlernen von Musikinstrumenten auf höchstem Niveau, es geht um Ausbildung zur künstlerischen Persönlichkeit. Wichtig sind die Diskurse um Interpretation, musikalisches Material, historische Bezüge und über die Frage, was Musik eigentlich soll.

Kreative Menschen sollen das Resultat sein, die ihr Handwerk beherrschen und die zeitgemässe Aussagen zu unserer Zeit machen. Sie sollen gleichzeitig in der Lage sein, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten weiterzugeben an junge Menschen, die an Schulen zum Glück immer noch etwas mitbekommen vom Wesen der Musik und von dessen eminenter Bedeutung bei der Bildung lebensfähiger Menschen.

Link zum Markt

Die Musikhochschulen dürfen bei dieser hehren Aufgabe nicht im Elfenbeinturm verharren und den Blick nur auf rein musikalische Fragen richten. Es ist eine zentrale – und immer wichtigere – Aufgabe der Hochschulen, frühzeitig im Studium den Link zum Markt und zur alltäglichen Praxis herzustellen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil nur ein kleiner Teil der professionellen Musikpersonen «einfach so» eine musikalische Karriere macht. Die meisten Musikprofis bewegen sich im realen Leben mehrdimensional in verschiedenen Welten: im Konzert, als Musiker im Theater oder Film, im Schulalltag, an einer Musikschule, im Kulturmanagement, usw. Praxisorientierte Lehrmodule zum Alltag, zur Praxis auf der Bühne, zum Musikmarkt, zur digitalen Welt, zur pädagogischen Praxis, zu Multimedia, zu Kommunikation, zu Musikvermittlung, usw. sind an einer zeitgemässen Musikhochschule ein «must». Ebenso Weiterbildungsangebote für alle jene, die sich in der Berufswelt solche Fertigkeiten zulegen wollen. Alles kann man sich im Studium nicht aneignen und je nach Entwicklung der Märkte muss man lebenslang flexibel bleiben.

Das Berufsprofil der Musikprofis ändert sich laufend und das Bewusstsein steigt hoffentlich auch Dank den Hochschulen, dass man sich frühzeitig auf die Marktentwicklungen ausrichtet. Dass Musik ihren Preis hat, weil deren gesellschaftlicher Wert gigantisch ist, dürften künftige Musikerinnen und Musiker ebenfalls und zunehmend im Bewusstsein tragen. Ebenso wie das die eingangs erwähnten traditionellen Handwerker durchaus tun.

 

Michael Kaufmann
… ist Direktor der Hochschule Luzern – Musik

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