Johann Melchior Gletle (1626–1683): Tagung und Konzerte zum 400. Geburtstag

In Bremgarten/AG geboren, wirkte Johann Melchior Gletle den grössten Teil seines Lebens als Domkapellmeister in Augsburg. Vom 21. bis 23. August 2026 steht Gletle in Muri/AG im Zentrum einer interdisziplinären Tagung sowie mehrerer Konzerte der Reihe «Musik in der Klosterkirche».

Der französische Musiktheoretiker Sébastien de Brossard (1655–1730), der in seiner Bibliothek Exemplare von Gletles Op. 1, 2 und 6 besass und dessen Werke er teilweise selbst spartierte, äusserte sich ausgesprochen lobend über den Augsburger Domkapellmeister. In dem handschriftlichen Katalog seiner später der «Bibliothèque du Roy» vermachten Musiksammlung charakterisierte er Gletle mit den Worten: «On peut dire que c’est icy le Prince de la coriphée des musiciens modernes surtout d’Allemagne. Sa musique est sage et reguliere et cependant brillante et legere quand il le faut; elle est sçavante, expressive, gracieuse et surtout bien proportionnée aux lieux, aux tems et au vray sens des paroles etca.» Dieses Zeugnis blieb Hans Peter Schanzlin und Adolf Layer, die sich in den späten 1950er-Jahren zuletzt eingehender mit Gletle beschäftigten, noch unbekannt.
Erst die Edition des Op. 5 durch Peter und Silija Reidemeister (2015, Reihe «Editionen der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft») sowie dessen erste Einspielung durch Musica Fiorita unter der Leitung von Daniela Dolci machten deutlich, dass Gletles Œuvre Musik von erheblichem ästhetischem Rang birgt. Gleichwohl lässt sich eine vollständige Überprüfung von Brossards Urteil bis heute nur eingeschränkt vornehmen, da der überwiegende Teil der rund 220 überlieferten Kompositionen weiterhin unediert ist. Vor diesem Hintergrund haben Musikwissenschaftsstudierende der Universität Genf 2025 begonnen, ausgewählte Kompositionen aus dem insgesamt sieben Opera umfassenden Schaffen Gletles zu transkribieren. Der neu erschlossene Notentext dient sowohl als Aufführungsmaterial als auch als Ausgangspunkt für die vertiefte Auseinandersetzung mit Gletles Musiksprache. Ein erster Teil des Op. 6, herausgegeben von Raphael Eccel, Cla Mathieu und Christoph Riedo, wird noch in diesem Jahr erscheinen.

Rezeption und globale Verflechtungen

Auch über den engeren musikästhetischen Zugang hinaus erscheint eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem in der paritätischen Freien Reichsstadt Augsburg tätigen Komponisten überfällig. Seine Bedeutung und Position innerhalb der frühneuzeitlichen Musikzirkulation verdienen dabei eine präzisere historische Einordnung im kultur­historischen Kontext des 17. Jahrhunderts. Anhand historischer Inventare sowie weiterer Quellen wie Rechnungen und Verzeichnisse lässt sich nachweisen, dass Gletles Musik im 17. und frühen 18. Jahrhundert weit über den katholischen Raum hinaus rezipiert wurde und in Mitteldeutschland, Sachsen, dem Elsass, der Schweiz, Österreich, Südtirol, der Slowakei, Tschechien, Polen und Schweden Verbreitung fand.
Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Briefe des in der Jesuitenprovinz Paraguay tätigen Missionars Anton Sepp (1655–1733), die sowohl dessen Wunsch dokumentieren, Gletles katholische Kirchenmusik in die Reduktionen übermittelt zu erhalten, als auch belegen, dass zumindest das Op. 6 tatsächlich dort eintraf. Das Beispiel Gletles, der trotz seiner Tätigkeit in Augsburg zeitlebens Bürger Bremgartens blieb und seiner Heimat verbunden war, zeigt, dass musikalische Kultur im 17. Jahrhundert nur in transregionalen und globalen Zusammenhängen angemessen verstanden werden kann.

Informationen zur Tagung

21.–23. August 2026, Muri/AG, ehem. Benediktinerkloster, Singisen SaalInterdisziplinäre Tagung mit Konzerten

Johann Melchior Gletle (1626–1683): Ein Musiker zwischen den Kulturen. Zum 400. Geburtstag des Komponisten

Die Tagung ist öffentlich.

www.unige.ch/lettres/armus/unites/music/evenements/colloques/johann-melchior-gletle-1626-1683-au-dela-des-frontieres

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