Rezept für guten Musikunterricht
Während es im 1. Teil des Rezepts darum ging, welche Qualitäten eine ideale Musiklehrperson haben muss, befasst sich Teil 2 damit, was Schüler*innen und ihre Eltern zu gutem Musikunterricht beitragen können.
Herzlichen Dank an die Kolleg*innen, die sich auf meine erste Umfrage Anfang November und auf die zweite Anfang Januar so zahlreich gemeldet haben. Das grosse Interesse am „Rezept für guten Musikunterricht“ und die Qualität der Antworten zeigen, welch grosses Potential im SMPV vorhanden ist, und dass Musiklehrpersonen nicht nur so vor sich herunterrichten, wie sich das der Laie vielleicht vorstellt, sondern dass sie ihre musikpädagogische Arbeit sorgfältig planen, mit Herzblut ausführen und ihre Haltung dazu und die der anderen Beteiligten regelmässig reflektieren.
Zitiere ich ein SMPV-Mitglied, erscheint sein Name in Klammern.
Die Schüler*innen
Der idealen Musiklehrperson gebe man zwei bis drei Handvoll verschiedene Schüler*innen unterschiedlichen Alters bei. Idealerweise sind sie alle neugierig auf die Musik und auf das Instrument, und sie haben dieses bewusst gewählt und nicht nur, weil die Eltern das wollten. Sie bringen Offenheit mit, gehen darauf ein, was die Lehrperson ihnen vermittelt, aber sie vertrauen ihr auch nicht blind, sondern sind fähig zu spüren, was für sie stimmt und was nicht. Vor allem erwachsene Schüler*innen sollen ihre Lehrpersonen zwar respektieren aber nicht „guruisieren“. „Sie sind ehrlich gegenüber der Lehrperson und sagen ihr, ob sie geübt haben oder nicht. Dann kann sich die Lehrperson der Situation anpassen.“ (Nadia Minder)
Von Vorteil ist es, wenn sie talentiert und musikalisch sind. Dabei ist es egal, ob ihnen dieses Talent quasi in die Wiege gelegt wurde, oder ob sie durchs Hören verschiedenster Musik in unterschiedlichsten Stilrichtungen und durch die Arbeit mit der Musiklehrperson den Sinn für schwere und leichte Töne, für Phrasierungen und die für einen bestimmten Stil angepasste Agogik und Dynamik entwickeln.
Sie haben musikalische Wünsche und Ziele und einen gewissen Ehrgeiz, diese Ziele auch zu erreichen und dadurch auch die Motivation zu üben, ohne dabei eine ungesunde Verbissenheit zu entwickeln. Dem Alter angepasst lernen sie, selbständig zu arbeiten und die Lehrperson gezielt um Hilfe zu bitten, wenn sie an ihre Grenzen stossen. „Die Schüler*innen tragen durch ihr aktives Engagement, ihre Fähigkeit zum selbstständigen Arbeiten und ihre Bereitschaft, sich auf einen anspruchsvollen, manchmal unbequemen Prozess einzulassen, zur Qualität des Unterrichts bei.“ (Hekmat Homsi)
Sie haben den Mut, verschiedene Dinge auszuprobieren, zu improvisieren und einzelne Stellen immer etwas anders zu interpretieren, um zu erfahren, welche Interpretation sich wann am stimmigsten anfühlt – alles im Rahmen ihrer momentanen technischen Möglichkeiten. Sie verstehen, dass die technischen Fähigkeiten ohne eine gesunde Portion Fleiss nicht mehr werden, dass sie, wenn sie sie aber erweitern, viel mehr Mittel in der Hand haben, damit die gewünschten Farben und Klänge zu erzeugen.
Sie musizieren gerne – alleine aber auch im Zusammenspiel mit anderen, sei es in Orchestern und Chören oder auch in kleineren Formationen. Idealerweise haben oder entwickeln sie mehr Freude am Vorsingen oder Vorspielen, als sie Angst davor haben, und sie haben den Mut, sich von den Noten zu lösen und auswendig zu singen und zu spielen.
Sie bringen Geduld auf, wenn etwas nicht gleich klappt und versuchen es immer wieder.
„Ich wünsche mir, dass Eltern und Schüler*innen mehr Verständnis dafür entwickeln, dass Lernen kein Sofort-Download ist wie bei einem ChatGPT-Prompt, sondern ein Prozess, der Geduld, Ausdauer und wiederholtes Üben braucht.“ (Kateryna Timokhina)
Besonders gut gelingt der Musikunterricht, wenn sie spielfreudig, ein bisschen frech, eigenwillig, aber auch sensibel und leidenschaftlich sind und wenn sie nicht nur spielen sondern auch sich und anderen zuhören können.
Die Eltern
Man würze mit Eltern, die ihre Kinder in ihrem musikalischen Tun unterstützen, ohne sie mit unnötig hohen Zielen unter Druck zu setzen.
Allerdings dürfen sie von ihren Kindern eine gewisse Beharrlichkeit beim Üben verlangen.
„Mich hat beeindruckt, was die Velofahrerin Marlen Reusser erzählte: sie wollte unbedingt Geige lernen als Kind. Die Eltern sagten ihr, das dürfe sie, wenn sie zwei Jahre dranbleibe und jeden Tag 20 Minuten übe. Das hat sie dann gemacht, übte noch mehr und kam in die Förderklasse Musik. Später hat sie sich fürs Velofahren entschieden, die Musik bleibt aber Ressource.“ (Ursula Krummen Schönholzer)
Motivierend für die Schüler*innen ist es, wenn die Eltern ihnen auch mal zuhören – zu Hause aber auch bei Vorspielen. Ehrliches Lob tut gut, und geht mal wirklich etwas schief, können auch wohlwollende Kritik und aufmunternde Worte helfen. Förderlich ist es, wenn Musikunterricht und Üben im Wochenplan des Kindes einen festen Platz haben, der nicht angetastet wird und wenn die Eltern dem Kind zeigen, dass sie seine Musiklehrperson respektieren.
Fortsetzung folgt
