Freizeitinteressen und Kultur unter der Lupe

Zwei aufschlussreiche Untersuchungen in der Schweiz und in Deutschland, die auch für Kulturinstitutionen wertvolle Informationen liefern, haben die Besuche in Kultureinrichtungen und die Freizeitaktivitäten der Bevölkerung analysiert.

Das schweizerische Bundesamt für Statistik (BFS) und die deutsche Liz Mohn Stiftung haben Ende 2024/Anfang 2025 gross angelegte Umfragen zum Kultur- und Freizeitverhalten durchgeführt. In der Schweiz wurden 14’361 Personen in einer sogenannten Mixed-Mode-Befragung, an der die Mehrheit der Befragten selbstständig online teilnimmt, befragt, während in Deutschland von der Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen forsa im Rahmen des „Relevanzmonitor Kultur 2025“ bundesweit insgesamt 3519 nach einem systematischen Zufallsverfahren ausgewählte Bürger*innen ab 18 Jahren telefonisch befragt wurden.

Auswirkungen der Pandemie noch spürbar

Die im Fünfjahresrhythmus durchgeführte Erhebung zur Sprache, Religion und Kultur des BFS zeigt, dass die Besuche in Kultureinrichtungen – nach einer stabilen Phase zwischen 2014 und 2019 – im Zuge der Pandemie deutlich zurückgingen. Die Anteile der Bevölkerung, die Museen und Ausstellungen oder Tanz- bzw. Ballettaufführungen besuchten, verringerten sich zwischen 2019 und 2024 markant um 6 Prozentpunkte, bei den Konzert- und Kinobesuchen waren es sogar 7 Prozentpunkte. Denkmäler und historische Stätten sowie Bibliotheken konnten ihre Position halten. Ein ähnlicher Trend ist bei den Freizeitaktivitäten ausserhalb des eigenen Zuhauses festzustellen. Treffen mit Freundinnen und Freunden, Wandern und Sporttreiben erfreuen sich trotz eines geringfügigen Rückgangs um einige Prozent weiterhin grosser Beliebtheit (rund 90% der Bevölkerung). Grosse Stadtfeste wurden 2024 dagegen weniger besucht als noch 2019. Die grosse Ausnahme sind Festivals, deren Erfolg auch nach der Pandemie nicht abreisst: Der Anteil der Festivalbesuchenden stieg von 38% im Jahr 2014 auf 47% im Jahr 2019 und erreichte 2024 gar 52%. Den Spitzenplatz belegen Stadtfestivals mit mehreren Kunstformen (30%), gefolgt von Rock- und Popmusikfestivals (28%) sowie Theater- und Tanzfestivals (15%). Seit der Pandemie, die einen gewissen Rückzug ins Private begünstigte, sind individuelle kulturelle und kreative Aktivitäten im Amateurbereich sprunghaft angestiegen. 2024 tanzten zum Beispiel 14% der Bevölkerung. Dieser Wert ist nahezu 75% höher als vor der Pandemie – in der jungen Bevölkerung tanzt gar jede fünfte Person. Rund die Hälfte der Bevölkerung möchte häufiger Museen, Ausstellungen oder Denkmäler besuchen, 56% hätten Lust auf mehr Konzerte, Theater- oder Tanzaufführungen und 62% – bzw. sogar 75% bei den 15- bis 29-Jährigen – würden gern öfter ins Kino gehen. Insgesamt äussern 79% der Bevölkerung den Wunsch nach mehr Kulturbesuchen. Die am häufigsten genannten Hindernisse waren Zeitmangel (50%) und unzureichende finanzielle Mittel (29%). 18% gaben an, keine Lust zu haben, auszugehen, und für 16% ist das Kulturangebot zu weit entfernt.

Differenzierte Analyse in Deutschland

Die deutsche forsa-Umfrage ist wesentlich detaillierter als die schweizerische, die eher die Unterschiede in den verschiedenen Altersgruppen dokumentiert. Sie interessiert sich auch für die Zusammenhänge zwischen Einkommen, Bildung, Geschlecht, politischer Einstellung und Nutzung des kulturellen Angebots und kann hier nur ausschnittweise wiedergegeben werden. Nicht erstaunlich ist, dass Menschen mit höherem Einkommen und höherer Bildung das kulturelle Angebot eher nutzen. Die grosse Mehrheit der befragten Bürger*innen gibt an, mindestens einmal pro Woche Musik zu hören (92 %). Deutlich seltener sagen die Befragten, dass sie mindestens einmal pro Woche ein Musikinstrument spielen bzw. lernen (8 %), Gesangsunterricht nehmen, an Chorproben teilnehmen bzw. Singen üben (6 %), zur Tanzschule, zum Ballett oder zu Tanzveranstaltungen gehen (4 %) oder an Theaterproben teilnehmen bzw. Theater spielen (1 %). Eine große Mehrheit der Befragten gibt an, diese Freizeitaktivitäten nie auszuüben. Rund die Hälfte der Bürger*innen interessiert sich im Allgemeinen stark oder sehr stark für Kino bzw. Filmvorführungen sowie für nicht klassische Konzerte – unabhängig davon, ob sie diese Freizeitangebote gegenwärtig auch tatsächlich besuchen. Jeweils gut ein Drittel interessiert sich (sehr) stark für Ausstellungen, Musicals und Theateraufführungen. (Sehr) starkes Interesse für klassische Musikkonzerte gibt rund ein Viertel der Befragten an.18 Prozent sagen dies über Oper-, Ballett-bzw. Tanzaufführungen. Gut zwei Drittel der Bürger*innen beurteilen das Angebot im Kultur- und Freizeitbereich an ihrem Wohnort bzw. in der unmittelbaren Nähe ihres Wohnorts als sehr gut (20 %) oder eher gut (49 %). Gut jede*r Vierte bewertet das Kultur- und Freizeitangebot am Wohnort als eher schlecht (25 %) oder sehr schlecht (3 %). Deutliche Unterschiede zeigen sich abhängig von der Größe des Ortes, in dem die Befragten leben: Während nur gut die Hälfte der Bewohner*innen kleinerer Gemeinden mit unter 5000 Einwohner*innen das Angebot im Kultur- und Freizeitbereich als sehr oder eher gut bewertet, tun dies fast neun von zehn Befragten, die in Grossstädten mit mindestens 500’000 Einwohner*innen leben. Knapp zwei Drittel der Bürger*innen finden es sehr wichtig (16 %) oder wichtig (47 %), in einem Ort mit einem breiten kulturellen Angebot zu leben. Gut einem Drittel der Befragten ist dies weniger wichtig (32 %) bzw. unwichtig (4 %).

Erwartungen an kulturelle Institutionen

Eine große Mehrheit der Befragten ist voll und ganz oder eher der Meinung, dass Angebote in Theatern und Konzertsälen für kommende Generationen erhalten bleiben sollen (91 %), dass sie Teil der kulturellen Identität Deutschlands sind (83 %) und weiterhin mit öffentlichen Mitteln bzw. Steuergeldern finanziert werden sollten (78 %). Für gut jede*n Dritte*n (37 %) sind Angebote in Theatern und Konzertsälen ein wichtiger Teil des eigenen Lebens. Dass sich solche Angebote nicht an Menschen wie sie richten, meint rund ein Drittel (34 %) der Befragten. Ein Viertel fühlt sich in den «Kulturtempeln» fehl am Platz. Noch ist also lohnende Überzeugungsarbeit zu leisten. In Deutschland gibt es in den meisten größeren Städten ein Theater. Die grosse Mehrheit der Befragten findet es wichtig oder sogar sehr wichtig, dass Theaterhäuser die Preise so gestalten, dass Menschen aus allen sozialen Schichten die Möglichkeit für einen Besuch haben (89 %) und dass sie Stücke zeigen, die sich speziell an Kinder und Jugendliche richten (85 %), bei denen man lachen kann (85 %) und die für jeden verständlich sind (83 %). Drei Viertel der Befragten halten es für (sehr) wichtig, dass Theaterhäuser neue und aktuelle Stücke zeigen.

Kultur und Gesellschaft

Eine sehr große Mehrheit der Bürger*innen ist der Ansicht, dass Kultur wertvolle Gemeinschaftserlebnisse ermöglicht (92 %) und Menschen über Grenzen und Unterschiede hinweg verbindet (90 %). Ähnlich viele meinen, dass Kultur in schwierigen Zeiten Trost und Freude spenden kann (89 %) und eine wichtige Stütze in einer sich immer schneller verändernden Gesellschaft darstellt (87 %). Auch der Aussage, dass durch Kultur Räume geschaffen werden, in denen tiefe emotionale Erfahrungen möglich sind, stimmt eine große Mehrheit (82 %) voll und ganz oder eher zu. Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda fasst in seinem Vorwort zur Studie das Potenzial von Kultur sehr präzise zusammen: «Was an Kulturorten geschieht, erfüllt keine Funktion und folgt keiner vorab definierten Programmatik. Die Künste ermöglichen einer Gesellschaft vielmehr die Auseinandersetzung und das Gespräch über das Allgemeine und das Wesentliche, über das in einem viel umfassenderen Sinn Relevante.»

Die vollständigen Umfrageergebnisse finden Sie unter:

www.bfs.admin.ch/news/de/2025-0331

https://liz-mohn-stiftung.de<News<Relevanzmonitor-kultur

Das könnte Sie auch interessieren