Queere Musik in der Schweiz – Wie klingt Sichtbarkeit?
Nemo gewinnt den Eurovision Song Contest. Ein Glitzeroutfit polarisiert, eine landesweite Diskussion über Nicht-Binarität entsteht. Doch Nemo ist nicht die einzige queere Person im Schweizer Musikbusiness.
Die Frage ist viel grösser: Wie klingt Queerness in der Schweiz – und wie beeinflusst sie die Musiklandschaft?
Was heute als Mainstream gefeiert wird, hat sich oft in queeren Subkulturen entwickelt. Popgeschichte ist ohne queere Communities kaum denkbar. Madonna, Ballroom, Synthpop – vieles, was massentauglich wurde, entstand zuerst in Räumen, die für gesellschaftliche Minderheiten Schutz boten. Und auch ein Blick in die Biografien klassischer Komponist:innen wie Robert Obouissier oder Tschaikovski zeigt: Queere Persönlichkeiten und Musik sind historisch eng verwoben.
Jazz, Identität und Machtstrukturen
Ramón Oliveras hat Jazz-Schlagzeug und Komposition an der ZHdK studiert. Rückblickend kritisiert er das männerdominierte Umfeld:
«Der Jazz-Studiengang war sehr männlich geprägt. Es ging oft um Technik, darum, möglichst kompliziert oder virtuoser zu spielen. Dabei geht es in der Musik doch auch um Ausdruck, Identitäten und darum, was sie vermitteln will. Diese Themen wurden häufig bewusst ausgeklammert.»
Heute setzt er sich offen für queere Sichtbarkeit in der Musikszene ein. «Viele schwule cis Männer in der Branche sind privilegiert. Sobald du aber weiblich, nicht-weiss, trans oder behindert bist, ist von Inklusivität kaum etwas zu spüren. Deshalb müssen sich die Institutionen verändern.»
Für Oliveras ist klar: Das Patriarchat wirkt auch in der Musik stark. Seine Konzerte und Coachings sollen Räume sein, die allen offenstehen. Junge Musiker:innen begleitet er nicht nur musikalisch – sondern auch in Karrierefragen.
Pop, Haltung und queere Narrative
Jessica Jurassica ist Autorin und Teil des Ostschweizer Elektropop-Duos CAPSLOCK SUPERSTAR. Gemeinsam mit Mia Nägeli verbindet sie Pop, Politik und Autotune. Auf verspielten technoiden Beats von Nägeli produziert, textet Jurassica ironisch und entlarvend. «Wir verhandeln Queerness in unseren Texten. Auf dem letzten Album ging es unter anderem um unsere Coming-outs», erzählt sie während des Interviews im Café in Basel. Auch bei der Auswahl von Konzerten spielt Identität eine Rolle: «Ich wünsche mir mehr Haltung von der Branche.»
Das Duo hinterfragt Machtstrukturen, kritisiert patriarchale Denkmuster [DI1] und macht sich besonders für trans Sichtbarkeit stark. In «Valerie Solanas on a Healing Journey» besingen sie nicht nur eine Trans-Ikone, sondern verhandeln auch, was Trans-Sein und sich selbst sein als erwachsene Person bedeutet.
Weniger verletzlich und mehr anklagend singen sie im Hit-Song «Helvetia»: «Ficke mit de Waffe-Lobby mit em geile Pharmageld. Schubidubidu»
Gleichzeitig bleibt die Frage präsent, die viele queere Künstler:innen beschäftigt: «Werden wir gebucht, weil wir den Diversitätsfaktor erfüllen – oder wegen unserer Musik?»
Dennoch zeigt sich Jurassica dankbar für die Kulturförderung in der Ostschweiz, die ihr Projekt unterstützt hat. Während viele queere Künstler:innen in Städte ziehen, um sichtbar und sicher zu sein, ist es für sie wichtig, auch im ländlichen Raum präsent zu bleiben und das dortige Kulturangebot mitzuprägen. Denn sie selbst hat in Frauenfelder Kulturkreisen erste Anschlussmöglichkeiten als queere Person gefunden.
Eine kleine Szene mit grosser Haltung
Die queere Musikszene der Schweiz ist klein, eng vernetzt und sehr solidarisch. Austausch und gegenseitige Unterstützung sind zentral. Gleichzeitig bedeutet Sichtbarkeit auch Verletzlichkeit. Künstler:innen wie Jurassica oder Oliveras betonen, wie wichtig Sicherheitskonzepte von Veranstaltenden sind – nicht nur für das Publikum, sondern auch für die auftretenden Personen selbst.
Wie sehr prägt Queerness das künstlerische Schaffen?
Die Antwort ist individuell: Für manche ist Identität künstlerische Ressource, Thema und Haltung. Für andere steht die Musik im Vordergrund und das Private bleibt privat. Doch gemeinsam verändern queere Musiker:innen die Schweizer Musiklandschaft – ästhetisch, strukturell und kulturell.
Queere Musik in der Schweiz klingt nicht nur nach Stil – sie klingt nach Mut, Veränderung und der Forderung nach Räumen, in denen alle sichtbar sein dürfen.
