Das Siggenthaler Jugend­orchester SJO ist mit dem Aargauer Heimatschutzpreis 2012 ausgezeichnet worden. 
Grosse Ehre für ein EOV Mitglieds-Orchester

Grosse Ehre für ein EOV Mitglieds-Orchester

Kurt Hess, 01.01.2013

Der Aargauer Heimatschutzpreis ist eine im Jahre 1985 von der Aargauischen Vereinigung für Heimatschutz (Aargauer Heimatschutz) geschaffene und von der Neuen Aargauer Bank unterstützte kulturelle Auszeichnung zur Förderung des Heimatschutzgedankens und der Heimatpflege im Kanton Aargau. Der Preis ist mit 10 000 Franken dotiert und die Auszeichnung erfolgt mit einer Urkunde.

Als Rahmenthema für das Jahr 2012 hat die Jury des Aargauer Heimatschutzpreises «Jugend und Musik im Kanton Aargau» gewählt.

Mit dieser Auszeichnung will der Aargauer Heimatschutz auf die Bedeutung der Beihilfe in musikalischer Bildung und in musikalischer Begeisterung hinweisen, welche der Jugend einen Raum für ernst genommene musikalische Entwicklung gibt und besondere Talente unterstützt. Das Siggenthaler Jugendorchester, unter der Leitung des Dirigenten Marc Urech, der sich durch professionelles Können auszeichnet, ist in diesem Sinne, durch das gemeinsame Musizieren, eine vorbildliche Institution im Kanton Aargau.
Es freut den EOV-Vorstand sehr, dass mit dem Siggenthaler Jugendorchester ein Mitgliedsorchester des EOV ausgezeichnet worden ist! Herzliche Gratulation dazu auch von unserer Seite! Gerne drucken wir im Folgenden ein Interview ab, das Henri Leuzinger von der Geschäftsstelle des Aargauer Heimatschutzes mit dem Dirigenten Marc Urech geführt hat

Samstag, 20. Oktober 2012, 12 Uhr. Aus der Musikwerkstatt Brugg dringt gedämpfter Orchesterklang, drinnen auf der Bühne, ein paar Treppenstufen hoch, geht es intensiv zur Sache.

Marc Urech, der mit Leib und Seele agierende musikalische Leiter des Siggenthaler Jugendorchesters SJO gestikuliert, singt, beschwört, ermuntert, präzisiert eine Gruppe junger Streicher und Bläser in ihrem Spiel, bis die Passage sitzt und die entscheidenden Details in den Partituren markiert sind.

Auf dem Programm stehen die letzten Proben für die Konzerte vom 27. und 28. Oktober 2012. Laufend treffen Jugendliche mit ihren Instrumenten ein und bereiten sich auf die Probe vor. Marc Urech unterbricht für eine halbe Stunde für das folgende Gespräch. 

 

Marc Urech, Sie haben – als ehemaliges Mitglied des Ensembles – im Januar 2001 von Walter Blum die musikalische Leitung des Siggenthaler Jugendorchesters übernommen und sind zugleich in diversen organisatorischen Tätigkeiten des Orchesters miteingebunden. Hand auf’s Herz: Was machen Sie anders als Ihr Vorgänger, Walter Blum?

Walter Blums Anliegen an seine Nachfolge war, eine musikalische Professionalisierung im SJO herbeizuführen.
Er selber war ein toller Amateurmusiker, ein Bratschist. Er baute das Jugendorchester mit viel Herzblut auf, wobei der Schwerpunkt seines Wirkens zunächst eher auf der eigentlichen Jugendarbeit lag. Deshalb ist auch klar, wo nun meine Prioritäten liegen: Ich betreibe als Berufsmusiker die musikalische Vermittlung mit einem professionelle Anspruch. Als Zuzüger in verschiedenen Ensembles kenne ich den Orchesteralltag auch von der Seite des Klarinettisten am Pult.

Wie steht es denn mit der herkömmlichen Jugendarbeit? Spielt diese im SJO noch eine Rolle?

Ja, natürlich, eine sehr grosse. Wir haben ein sehr breites Spektrum unserer Jugendlichen im Orchester, sowohl was die Herkunft anbetrifft, wie auch das Alter. Normalerweise bewegen sich Jugendliche ja mehr oder weniger in den gleichen Altersgruppen, in der Schule, im Sport, wenn sie ausgehen.
Intensive Kontakte zwischen 25-Jährigen und 12bis 15-Jährigen finden kaum statt – hier im SJO aber schon. Ich erlebe, dass der Generationenwechsel viel früher und auch intensiver abläuft, also noch zu meiner Zeit als Jugendlicher.
Und das ergibt im Team des Orchesters immer wieder spannenden Stoff für Gespräche und Auseinandersetzungen – mit dem Ziel, zu einem homogenen Klangkörper zu kommen. Das hält alle zusammen. Das gemeinsame Erarbeiten eines grossen Werks ist eine unglaubliche Herausforderung, für die Jüngsten, die noch nicht so versiert sind, genau so wie für ihre älteren Kolleginnen oder Kollegen, die vielleicht schon an einem Konservatorium studieren.

Das Jugendalter ist ja geprägt von Hochs und Tiefs, von starken persön­lichen Entwicklungsschüben, die sich im Alltag heftig auswirken können. Was passiert da im Orchester?

Es ist immer spannend, wie die Musik den Jugendlichen hilft, ihre Emotionen auszuleben, sich im Klang und der Melodik wieder zu finden. In den Proben ergeben sich immer wieder unglaublich intensive Momente, welche die jungen Menschen tief berühren, ihnen Freude machen, sie auch aus schwierigen Phasen herausholen können, wenngleich manchmal nur vorübergehend. Das SJO ist indessen nicht nur eine Orchestergemeinschaft, sondern ein dynamisches buntes lebendiges Team, mit dem wir neben dem Probenbetrieb und den Konzerten jeden Sommer zusammen eine abenteuerliche Bootstour unternehmen, heuer war es auf der Limmat, vorher auf der Aare und der Reuss, selbstverständlich unter kundiger Anleitung, in mehreren Booten.
Dazu kommt das jährliche Orchesterlager, wo neben dem eigentlichen musikalischen Betrieb natürlich sehr viel mehr und anderes passiert, das den jungen Leuten gut tut und sie zusammenschweisst.

Wie steht es mit dem Nachwuchs für das Orchester, wenn die älteren eigene Wege gehen? Und wie kommen Sie als musikalischer Leiter mit den Wechseln klar?

Es ist wirklich für mich ein Wunder, wie organisch die Wechsel ablaufen, es ist ein stetes Geben und Nehmen. Wer frisch zu uns kommt, ist zu Beginn naturgemäss auf der nehmenden Seite. Diese Jugendlichen lernen unglaublich viel von den älteren, von denen einige bereits an einem Konservatorium studieren und die den jüngeren sehr viel mitgeben. In den jeweiligen Registern sitzen also stets jüngere und ältere Instrumentalisten, und nach zwei, drei Jahren des Zusammenspiels verkraften sie Neuzügänge oder einen Abgang in der Regel gut, wobei wir natürlich schon schauen, dass sich nicht eine ganze Instrumentengruppe zusammen verabschiedet.
Aktuell haben wir beispielsweise 22 Geigerinnen und Geiger, verteilt auf die erste und die zweite Geige. Nun ist es keineswegs so, dass alle stets an ihrer Position spielen, sondern wir wechseln von Programm zu Programm die Funktionen, etwa bei der ersten Geige. Jede hat also die Gelegenheit, einmal ganz vorne zu spielen – oder auf ein hinteres Pult zu wechseln. Das macht das Musizieren im Orchester spannend.

Muss, wer beim SJO mitspielen möchte, eine Prüfung ablegen oder eine besondere Eignung mitbringen?

In einem gewissen Sinne schon, denn wir setzen Erfahrungen im Zusammenspiel, also im Ensemble voraus. Dabei leisten die Musikschulen viel gute Vorarbeit, wenn sie kleine Gruppen bilden und die Kinder so ins Ensemblespiel einführen. Dank guten Kontakten zu den Lehrkräften erreichen die Jugendlichen auch ein solides Spiel, denn allein durch das Üben zu Hause würden sie unser Niveau kaum schaffen, es braucht die Proben in den Schulen.
Nach dem Eingangsgespräch mit mir erhalten die Kandidaten einen Schnuppermonat. In dieser Zeit können sie Erfahrungen sammeln und wir sehen unsererseits, ob die Integration in das Orchester klappt. Das kleine Probespiel verrät ja nicht unbedingt, ob jemand wirklich teamfähig ist.

Wie steht es mit Vorlieben oder Moden bei den Instrumenten?

Das Interesse ist bei den Geigen eindeutig am höchsten, bei den Bratschen eher weniger, wir könnten also durchaus noch ein Pult besetzen. Bei den zehn Celli sind wir aktuell optimal dotiert, hier gibt es eine Warteliste. Bei den Bläsern sind die Flötisten am häufigsten, Holzbläser – Oboe, Klarinette, Fagott – eher seltener. Vor fünf Jahren z.B. hatten wir noch kein festes Fagott im Ensemble, heute ist die Position gut besetzt. Die Möglichkeit, im SJO mitzuspielen, spricht sich im übrigen bei den Jugendlichen und ihren jeweiligen Musiklehrern herum und so melden sich immer wieder genug Leute an, manchmal auch erst für später, wenn sie ein gutes Niveau erreicht haben.

Erreicht das SJO eigentlich auch Jugendliche aus – sagen wir einmal – klassik­fernen Elternhäusern?

Auch das kommt vor, wobei wir natürlich erwarten, dass die Kinder bereits ein Instrument spielen und Noten lesen können. Das passiert traditionell zu Hause, mehr und mehr aber auch in den Musikschulen. Einzelne Jugendliche erleben ihr Hobby unter Umständen zwiespältig, es ist nicht unbedingt überall cool, mit einem Geigenkasten über den Pausenplatz zu schlendern. Im SJO erleben sie dann andere Gleichaltrige, welche voll auf die Musik abfahren, und das stärkt das Selbstbewusstsein. Selbstverständlich hören die jungen Leute im Alltag auch völlig andere Musik, vom Pop, Rap über Jazz und was sonst gerade in ist. Das geht alles nebeneinander her und beeinflusst sich gegenseitig – gute Musik gibt es schliesslich in allen Gattungen.

Wie stellen Sie die Programme des SJO zusammen?

Die grossen Werke, die wir einstudieren, gründen auf einem gründen auf einem jahrelangen Aufbau durch Walter Blum. Damals war es jeweils eine Sinfonie im Jahr, heute sind es zwei grosse Werke pro Saison. Bei den Programmen pflegen wir etwas Spezielles, nämlich eine Art Heimatbezug und der geht so: Immer wieder wählen frühere SJO-Mitglieder die Musikerlaufbahn, so etwa aktuell Moritz Roelke, der lange bei uns Klarinette spielte und auch mein Schüler war. Es lag nun nahe, ihn zu fragen, ob er einmal als Solist mit dem SJO auftreten würde. Im Gespräch mit ihm kamen wir dann für 2012 auf das Klarinettenkonzert von Louis Spohr, ein süffiges Werk, das perfekt in den Herbst passt mit den vielen Farben und seiner Klanglichkeit und den Emotionen. Als das feststand, suchten wir ein Stück, das dazu passt – und da war Robert Schumann mit der Sinfonie Nr. 4 erste Wahl. Seit gut einem Jahr unterstützt mich eine Programmgruppe, die aus der Konzertmeisterin und einem Bläser besteht, es könnte aber auch ganz gut jemand anderes sein. Es liegt auf der Hand, dass sich für die Programmierung eher ältere Mitglieder eignen, weil sie selber schon. viele Konzerte gehört haben, eventuell studieren oder in anderen Orchestern spielen und so schon vieles kennen.

Die nächsten zwei Jahre sind vorskizziert, mit ganz spannenden Programmen, wenn alles klappt. Eine gewisse Flexibilität behalten wir uns stets vor, denn es kann in einem jugendlichen Orchester immer wieder etwas passieren, Auslandsaufenthalte, Ortswechsel oder Abgänge aus anderer Ursache.

Wenn es um besondere Werke geht, engagieren Sie auch Zuzüger?

Selbstverständlich und zwar vor allem bei den Blechbläsern, die wir im Orchester nicht ständig besetzt haben. Das hat auch damit zu tun, dass Trompete, Posaune oder Horn oft nur wenig zum Einsatz kommen.

Wenn wir Zuzüger brauchen, können wir auf viele Musiker zurückgreifen, die einst bei uns gespielt haben. Es war schon Walter Blum ein Anliegen, und ich sehe das auch so, dass die Jugendlichen bei Konzerten die Bühne mit Profis teilen können. Denn es ist keineswegs so, dass die Profis die Jugendlichen einschüchtern würden, im Gegenteil. Sie spornen sie eher noch an, wenn sie in der Probe erleben, dass diese mit wenigen Anweisungen meinerseits auskommen und alles gleich umsetzen.

Noch etwas aus dem Alltag zum Schluss: Wie halten es die Jugendlichen mit dem Üben? Kommen sie gut vorbereitet an die Orchesterproben?

Es ist erstaunlich: Ja! Denn das Spielen im Orchester fordert derart, dass die Jugendlichen eine Art Überlebensstrategie entwickeln und aus eigenem Antrieb gut sein wollen. Selbst in den Ferien kann man ein grosses Werk nicht 14 Tage weglegen und gar nichts tun, es geht einfach nicht. Daher halten sich die jungen Musiker selber fit. Selbst bei der Freitagsprobe, wenn alle eine anstrengende Woche hinter sich haben, geht es zunächst laut und herzlich zu und her. Dann aber, wie auf ein unsichtbares Kommando zwei Minuten vor 19 Uhr sind alle top-präsent, stimmen ihre Instrumente und warten konzentriert, bis es los geht. Das ist immer wieder ein unglaubliches Erlebnis.

Besten Dank, Marc Urech, für das Gespräch! (Abdruck mit freundlicher Genehmigung durch den Aargauer Heimatschutz)

 

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