«Lebensbilder» 
in Riehen – 
eine Uraufführung

«Lebensbilder» 
in Riehen – 
eine Uraufführung

Jürg Löffler, 04.09.2013

Das Philharmonische Orchester von Riehen kann im September mit einer Uraufführung aufwarten. Spannend: ein eigenes Orchestermitglied zeichnet für die Komposition verantwortlich! 


Das Philharmonische Orchester Riehen existiert erst seit 2004 und tritt dank Mitgliedern auch aus Frankreich und Deutschland bereits im Dreiländereck auf. Wir werden Gelegenheit haben, dieses Orchester an der DV des EOV 2014 mit den Orchesterwerkstätten vom 3./4 Mai näher kennen zu lernen. Eine Reise nach Basel oder Riehen ist aber auch schon im September 2013 empfehlenswert: der Fagottist Alexander Sloendregt hat für das Orchester die Komposition Lebensbilder geschrieben. Aber lassen wir ihn doch gleich selber mit dem nachfolgenden Interview zu Wort kommen!

Alexander Sloendregt , wie kam es zum Kompositionsauftrag des Philharmonischen Orchesters Riehen?


Im Philharmonischen Orchester Riehen ist die Programmkommission verantwortlich für die Gestaltung der Programme. Schwerpunkt für das Programm vom September 2013 war die Zusammenarbeit mit dem Jazz-Trompeter Thomas Moeckel. Mit drei weiteren Jazz-Musikern wird er sechs sinfonische Jazz-Balladen aufführen. Als weiteres Werk wählte man „Le Boeuf sur le Toit“ von Darius Milhaud. Nun war es allerdings keine einfache Sache, ein drittes Werk zu finden, welches in diesen für ein „klassisches“ Laienorchester ungewöhnlichen Stilmix passt. Und so dachte ich mir, dass es eine fantastische Gelegenheit sein könnte, mich einer neuen spannenden Herausforderung zu stellen. Also anerbot ich mich, ein speziell auf das Orchester zugeschnittenes Werk zu schreiben. Zu meiner grossen Freude wurde mein Angebot ohne Zögern und mit viel Wohlwollen angenommen.


Können Sie etwas über Ihren musikalischen Werdegang erzählen?


Bei Patrizio Mazzola habe ich im Rahmen des SMPV (Schweiz. Musikpädagogischer Verband) das Lehrdiplom für Klavier erworben. Gleichzeitig belegte ich im Nebenfach Fagott und bei Franz Schaffner und Josef Gnos an der Hochschule Luzern den Studiengang Blasmusikdirektion. Im Bereich Filmmusik und Orchesterkomposition hatte ich anschliessend das Glück, meine musikalischen Kenntnisse bei David Angel - einem ausgewiesenen Spezialisten aus der Komponistenschmiede Hollywoods - zu vertiefen. Ich war dann einige Jahre freiberuflich als Klavier- und Theorielehrer, Korrepetitor, Arrangeur und Komponist tätig und erhielt verschiedene Kompositionsaufträge, die im In- und Ausland uraufgeführt wurden. Als Mitglied diverser Ensembles führten mich Tourneen nach Deutschland, den Niederlanden, Rumänien, Russland und Mexiko. Überraschen mag meine aktuelle hauptberufliche Tätigkeit: seit 2005 bin ich Lokomotivführer bei den SBB!


Gab es spezielle Vorgaben, etwa was Stil, Besetzung oder Länge der Komposition anbelangt?


Die einzigen Vorgaben waren, dass das Werk etwa 10 bis 15 Minuten dauern und dem spieltechnischen Niveau des Orchesters angepasst sein sollte. Selten hat man als Komponist soviel Freiheit und geniesst ein so uneingeschränktes Vertrauen, wie ich es hier erleben durfte – geradezu ideale Bedingungen, um einen kreativen Prozess in Gang zu bringen. So durfte ich sogar die Orchesterbesetzung um einige seltener vorkommende Instrumente erweitern wie z.B. Englischhorn, Bassklarinette, Harfe oder die Perkussionsinstrumente Xylophon, Vibraphon, Claves u.a.


Wie lief der Kompositionsprozess? Komponieren Sie alles im Kopf und schreiben es dann auf oder entwickeln sich die Ideen während des Schreibens?


Bis die Ideen sich offenbaren, brauche ich stets eine gewisse Anlaufzeit. Das geht am besten, wenn ich mich völlig in den Prozess des Schreibens vertiefen kann. Eine Idee soweit zu entwickeln, dass sie meinen Ansprüchen genügt, kann ohne weiteres mehrere Tage in Anspruch nehmen und mich manchmal auch fast verzweifeln lassen. Sobald sich die Idee dann konkretisiert, läuft es wie von selbst und ich komme kaum nach mit aufschreiben. Am Ende verblüfft mich das Resultat jeweils so sehr, dass ich mich ob meiner eigenen Intuition wundere. Da kann ich dann schon mal Hühnerhaut bekommen oder gar zu Tränen gerührt sein. Es wäre mein grösster Wunsch und das schönste Kompliment an meine Musik, wenn es dem Publikum beim Hören ähnlich ergeht!


Fühlen Sie sich bestimmten musikalischen Traditionen verpflichtet?


In erster Linie fühle ich mich dem Publikum und den ausführenden Musikern verpflichtet. Mein Bestreben ist es darum immer, dass die Musik dem Spieler wie dem Hörer Freude bereitet. Gute Musik ist nicht an bestimmte Genres oder musikalische Stilrichtungen gebunden, entsprechend fühle ich mich frei, verschiedenste Einflüsse in meine Musik aufzunehmen. Das stilistische Spektrum, mit dem ich mich analytisch auseinandersetze, ist weitaus grösser, als es meine Kompositionen erahnen lassen. Dieses breitgefächerte Studium ist Inspiration und Schulung zugleich, es scheint mir für das kompositorische Schaffen elementar.


Was hat es mit dem Titel «Lebensbilder» auf sich?


Die Lebensbilder habe ich im Gedenken an meine letztes Jahr verstorbene Mutter geschrieben. Der Komposition steht ein Gedicht meiner Mutter als Motto voran, in dem sie ihre Hoffnungen auf ein zufriedenes und in Dankbarkeit für Friede, Freundschaft und Lebensfreude gelebtes Leben ausdrückt: 


BITTE


Mögen viele rote Blumen


Möge vieles Sonnengold


Unsre Erdentage zieren


Unser Leben machen hold!


Alle Regenbogenfarben


Soll'n an unserem Himmel stehn


Und das schöne Grün des Lebens


Stets am Wegrand wo wir gehen.


Möge Freude uns begleiten


Friede - Freundschaft – Dankbarkeit


Dass das Schicksal sei uns gnädig


Der Herr uns segnet allezeit.


Diese Hoffnungen versuchte ich in Musik umzusetzen. Das Werk eröffnet dem Zuhörer somit einen Streifzug durch die Biografie eines im grossen und ganzen glücklich durchlebten Lebens. Nicht die tonmalerische Beschreibung bestimmter Erlebnisse oder thematische bzw. programmatische Bezüge zu verschiedenen Lebensaltern oder –stationen stehen im Vordergrund, sondern die Individualität einer frei assoziierten Persönlichkeit und deren seelisch-charakterlicher Reichtum. Stellvertretend für die in der Bitte anklingenden Hoffnungen bekam die Musik eine tänzerisch-beschwingte Prägung, die wir hoffentlich in unserer Interpretation gebührend zur Geltung bringen.


Bei neuen Kompositionen hat es der Laienmusiker oft nicht leicht, sich die jeweilige Klangsprache anzueignen.Wie erachten Sie die Spielbarkeit Ihres Werks auch für andere Amateur-Orchester?


Bei der bisherigen Probenarbeit erwies sich die teilweise komplexe Rhythmik als grösste Herausforderung. Die Lebensbilder sind jedoch durchweg tonal gehalten und darauf ausgerichtet, dass sie auch von ambitionierten Jugend- und Amateur-Orchestern – genügend Probezeit vorausgesetzt – erarbeitet werden können. Die Klangsprache ist vielleicht insofern ungewohnt, als beispielsweise eine aus acht Tönen (statt der üblichen sieben) bestehende Skala Verwendung findet, wie man sie auch bei Messiaen häufig antrifft. Sie ermöglicht reizvolle harmonische Wendungen abseits des gewohnten Dur/Moll-Systems. In einem anderen Teil habe ich mich ein wenig an die Minimal Music angelehnt, wodurch interessante räumliche Klangeffekte entstehen, wenn sich z.B. Instrumentengruppen unmerklich ablösen, indem sie wie aus dem Nichts anschwellen und wieder verklingen. 


Sie spielen selber im Orchester Fagott. Wie erleben Sie die Probenarbeit?


Es ist natürlich eine spezielle Situation, bei einem eignen Werk mitzuspielen und die Verantwortung dennoch an den Dirigenten abzugeben. Um eine Uraufführung zu erarbeiten, bedarf es ja aufgrund der unbekannten Klänge immer einen besonderen Effort, da sich die musikalischen Ideen neuer Musik nicht auf Anhieb erschliessen. Insbesondere ist auch der Dirigent stark gefordert, etwa was die Komplexität der Partitur und das Vermitteln und Herausarbeiten der musikalischen Ideen betrifft. Ich habe jedoch volles Vertrauen in das Orchester und die gründliche Probenarbeit unseres Dirigenten Jan Sosinski, ich freue mich sehr auf die baldigen Konzerte.


Vielen Dank für das Gespräch. Für die Uraufführung am 21. September in Basel und am 22. September in Riehen wünscht Ihnen der EOV viel Erfolg!

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