Tschaikowsky, WOMS und Gelati 
in Cremona


Tschaikowsky, WOMS und Gelati 
in Cremona


René Roshardt , 24.06.2015

700 Amateurmusiker aus zehn Ländern trafen sich vom 4. bis 7. Juni in Cremona zum 10. 
Europäischen Orchester 
Festival. Ein Cellist des 
Orchester Accento musicale Zürich berichtet, wie er die vier Tage erlebt hat.


Draussen ist es bei wolkenlosem Himmel 33 Grad heiss, die Klimaanlage im voll besetzten, pünktlich abfahrenden Zug von Mailand nach Zürich kühlt die Luft langsam auf erträgliche Temperaturen herunter. Vor vier Tagen waren wir voller Erwartungen in der entgegengesetzten Richtung zum Europäischen Orchester Festival nach Cremona unterwegs. Wir, das heisst das Orchester Accento musicale Zürich, 40 Personen. Wir wussten, dass sich 700 Musikerinnen und Musiker von Estland bis Bulgarien, von Italien bis Norwegen in Cremona treffen werden, dass es sehr warm und dass in zehn Workshops musiziert werden würde. Wir waren gespannt, mit wem wir am Pult spielen, welche Dirigenten uns durch die Werke führen und welches Ergebnis wir am Schlusskonzert erreichen würden.


Albina, im Jazz Workshop WOMS (Without Music Stands) eingeteilt, sind die Unsicherheiten zu gross und sie lässt sich vor Ort in einen vertrauten Workshop umteilen. Nach dem Jazzkonzert stellt sie fest: «Das war lässig! Ich hätte diesen doch besuchen sollen!». Rebekka überlegte sich schon zu Hause, welche Strategie mit der ersten Violinstimme von Tschaikowskys Romeo und Julia am besten zu verfolgen ist: Üben, üben, üben? Workshop schwänzen? Ganz hinten sitzen und durchschummeln? Schliesslich sitzt sie am ersten Pult und kommt so in den Genuss, unter dem international tätigen Dirigenten David Ramael zu spielen und die Dramatik der Musik zu geniessen.


Spielen auf allen vier Saiten gleichzeitig


Was hat Cremona zum Erlebnis gemacht? Sicher auch die Gelati, die Stadt, die lauen Abende und das Hotel im Zentrum neben der Piazza del Domo. Aber alle sind wegen des Musizierens gekommen. In den Workshops ist der Weg das Ziel: Ein Werk, das für das Stammorchester der Spieler ausser Reichweite liegt, in einem grossen, altersdurchmischten Orchester unter einem Dirigenten spielen, der in der kurzen Zeit von eineinhalb Tagen mit den unterschiedlichen Voraussetzungen der Teilnehmer spannende Proben gestalten soll. Auch für den Dirigenten Christof Brunner ist das Werk Spring Flakes and Family Sketches von Stefan Frommlet – teilweise im 11/8 Takt geschrieben und im Tempo 294 des Achtels – wohl nichts Alltägliches.


Der Jazz Workshop WOMS bietet jedem Musiker eine Plattform für freies Improvisieren über dem Klangteppich der anderen Stimmen. Ich muss mich zuerst in die Rhythmen und die Pentatonik einleben, ausprobieren, suchen und versuchen. Ich fühle keinen Druck, denn den anderen ergeht es ja gleich. Wenn ich die Gelegenheit für ein Solo jetzt nicht ergreife, warum habe ich mich denn für diesen Workshop entschieden? Also los! Mein Cello unterstützt mich auch. Der frenetische Applaus am Konzert schliesst die interessante und vielseitige Probenarbeit ab, während der ich auch gelernt habe, wie mit dem Geigenbogen alle vier Saiten gleichzeitig gespielt werden. Probieren Sie das aus. Suchen Sie Ihre Lösung. Tipp: Frosch von der Stange lösen und Bogenstange unten.


Selbstdarsteller, Frauenfussball und ein Aha-Erlebnis


Die gut vorbereitete Maya setzt sich in die hinteren Reihen, denn sie ist der festen Überzeugung, dass es viele flinkere und versiertere Cellistinnen und Cellisten in ihrem Workshop gibt. Mit dem Spielen der ersten Takte wird ihr klar, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen. Einige kochen vermutlich gar nicht, will heissen, haben nicht geübt. Mayas Selbstvertrauen wächst und damit auch die Freude, locker und entspannt mitspielen zu können. Ein Aha-Erlebnis! An den Konzerten zu Hause steht nach monatelanger Arbeit die Qualität ganz oben, hier in Cremona stehen angesichts der sehr limitierten Zeit die Freude und die Fortschritte an erster Stelle.


Im Workshop von Beat gibt es den skurrilen Typ, der meint, es sei nun die Gelegenheit, sein Talent einer grösseren Zahl Personen zu präsentieren, indem er in den Proben, während derer die Dirigentin etwas erläutert, Partien aus Solokonzerten vor sich hin spielen müsse. 


Es sind die Vielfalt der Personen, der Kulturen, der Musik, das Altersübergreifende, die Toleranz, die die Einzigartigkeit ausmachen.


Der Zug rollt in Arth-Goldau ein. Es wird angenehm ruhig, nachdem die Mädchen-Fussballgruppe aus dem Zug gestiegen ist. Gar so laut waren die Jugendlichen in den Workshops doch nicht. Wunderbare vier Tage, gefühlt eine Woche, gehen dem Ende entgegen. In drei Jahren ist das Festival in Bergen geplant.

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