Zuzüger: Niveausteigerung oder Verunsicherung?

Zuzüger: Niveausteigerung oder Verunsicherung?

Miriam Schild und Mario Wernly, 28.04.2016

Ab und zu muss fast jedes Amateurorchester Lücken in den eigenen Reihen mit professionellen Aushilfen besetzen. Wie sinnvoll ist es jedoch, als Amateurorchester planmässig auf die Hilfe von
Profis zu setzen?

Beflügeln Zuzüger die Amateurmusiker zu Höchstleistungen oder haben sie auf die festen Orchestermitglieder eher eine demotivierende und verunsichernde Wirkung? Eine Amateurviolinistin und ein Amateurviolinist legen dar, warum sie die Unterstützung von Profis schätzen resp. lieber auf Verstärkung verzichten.

Pro: «Zuzüger steigern die Qualität von Amateurorchestern»

Mario Wernly — Unabhängig davon, ob professionelle Zuzüger als Konzertmeister, Stimmführer und Bläsersolisten eingesetzt oder ob dank ihnen Lücken in einzelnen Registern geschlossen werden können: Sie tragen zur Steigerung des Niveaus von Amateurorchestern bei. Als Konzertmeister oder Stimmführer leiten die Profis die Register und geben somit dem Orchester die Richtung vor. Wenn sie an den hinteren Pulten sitzen, sind sie wichtige Stützen, weil diese Pulte in meiner Erfahrung für das Zusammenspiel in den Stimmen und das Zusammenhalten der Stimmen ebenso wichtig sind wie die Stimmführung. Zudem profitieren die Amateurmusiker gerade während der Probearbeit enorm von den Zuzügern. Zum einen werden die Stimmen- oder Registerproben oft von ihnen geleitet. So erhalten die Amateure dank der Erfahrung der Profis wichtige technische und musikalische Tipps. Zum andern sind die Profis während der Gesamtproben – gerade bei anspruchsvollen Stücken – eine wichtige Orientierungshilfe, was dem ganzen Orchester grössere Sicherheit verleiht. Dank des gesteigerten Niveaus sind die Orchester in der Lage, anspruchsvollere Stücke zu spielen, als sie das ohne Zuzüger könnten. Dadurch ist das Musizieren in diesen Orchestern für die Amateurmusiker spannender und die Orchester werden zugleich attraktiver, sowohl für uns Musiker als auch für die Zuhörer an den Konzerten. Vom Zuzug profitieren beide Seiten, also auch die Profis, weil sie die Möglichkeit haben, spannende Orchesterwerke, die sonst nur von Sinfonieorchestern gespielt werden, auf gutem Niveau, mit äusserst motivierten, engagierten und begeisterten Amateurmusikern aufzuführen. Am besten können professionelle Zuzüger die in sie gesteckten Erwartungen erfüllen, wenn sie während des gesamten Projekts und nicht nur für die letzten Proben und die Konzerte einbezogen werden. Dann leisten sie einen wichtigen Beitrag, Konzerte der Amateurorchester zu unvergesslichen Erlebnissen zu machen.

Kontra: «Ein Amateurorchester kann seine Stärken ohne Zuzüger besser entfalten»

Miriam Schild — Ein Amateurorchester sollte meiner Meinung nach wenn immer möglich mit den eigenen Mitgliedern arbeiten und nicht systematisch auf den Zuzug von bezahlten Profis setzen. Das vielfältige Repertoire bietet heute für fast jede Besetzung und jedes Niveau passende und interessante Stücke, so dass das Engagieren von Profis – abgesehen von Ersatzmusikern für kurzfristige Ausfälle und zum Ausfüllen einiger weniger unvermeidbarer Lücken – meist grundsätzlich nicht nötig ist. Mithilfe von Zuzügern grosse, bekannte Werke zu realisieren, klingt zwar verlockend, birgt aber in meiner Erfahrung viel Frustrationspotential. Nur in den seltensten Fällen sind alle Profis bei sämtlichen Proben dabei, da es sich die Amateurorchester schlichtweg nicht leisten können, so viele Dienste zu bezahlen. Doch gerade für Amateurorchester ist die Probephase essentieller Bestandteil ihrer Tätigkeit – es geht ja um die Freude am gemeinsamen Erarbeiten und Aufführen von Musik. Wird stets nur mit einem lückenhaften Orchester geprobt – die professionellen Zuzüger kommen ja dann erst kurz vor den Konzerten dazu –, macht das viel weniger Spass. Man hört nie, wie es eigentlich tönen sollte, sondern muss sich einen grossen Teil der Stimmen vorstellen. Die Probearbeit ist zudem eingeschränkt, weil sich etwa die Klangbalance zwischen den Registern oder die Intonation von Bläserakkorden kaum proben lassen, wenn nicht alle Musiker anwesend sind. Schliesslich passiert es oft, dass im Verlauf der Probearbeit erteilte Anweisungen zur Interpretation während der hektischen Schlussproben nicht an die Zuzüger weitergegeben werden, so dass sorgfältig einstudierte Details wieder verwässern und die Konzerte daher nicht unbedingt ein höheres Niveau erreichen. Ferner kostet das Engagement von Profi-Musikern nur für die Hauptproben und Konzerte auch immer noch sehr viel Geld. Und egal ob die Zuzüger von Anfang an dabei sind oder erst am Schluss dazu kommen, besteht die Gefahr, dass sich die Amateure zu sehr auf sie verlassen und selber zu wenig Verantwortung übernehmen. Verzichtet ein Amateurorchester hingegen auf die Unterstützung von Profis, muss sich jedes Orchestermitglied einsetzen. Über ein gelungenes Konzert kann man sich dann auch doppelt freuen, weil es eine wahrliche Eigenleistung darstellt.

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