POR wagte Livestream-Konzert

POR wagte Livestream-Konzert

25.11.2020

Zahlreiche EOV-Orchester haben seit Pandemie-Ausbruch kreative Lösungen gesucht und gefunden, um weiterhin zusammen musizieren und auftreten zu können. Das Philharmonische Orchester Riehen berichtet von seinen Erfahrungen, ein Konzert als Live-stream zu senden.

Interview: Johannes Reinhard — Am 19. und 20. September 2020 führte das Philharmonische Orchester Riehen (POR) zwei Konzerte auf, in Basel und in Riehen. Dabei scheute der Vorstand des Orchesters keine Mühen, um trotz der schwierigen Umstände aufgrund der Pandemie dem Publikum einen Schutzkonzept-konformen Zugang zum Konzert zu ermöglichen. Da wegen der geltenden Distanzregeln nur ein Bruchteil der Plätze angeboten werden konnte und weil etliche treue Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher dem Konzert fernblieben, um kein Ansteckungsrisiko einzugehen, entschied sich das POR, allen Interessierten ein Konzerterlebnis per Livestream anzubieten.

Der EOV stellte der Präsidentin des Philharmonischen Orchesters Riehen, Katrin Mathieu, im Nachgang dieses Projekts einige Fragen. Obwohl der Livestream mit viel Arbeit und hohen Kosten verbunden war, ist sie mit dem Ergebnis insgesamt zufrieden.

Katrin Mathieu, wie war es für das Orchester, neben dem physisch anwesenden Publikum auch für die virtuellen Zuhörerinnen und Zuhörer zu spielen?

Das Lampenfieber war nicht stärker als an bisherigen Konzerten. Dass zusätzlich zu unserem Konzertpublikum vor Ort noch weiteres Publikum per Livestream zugeschaltet war, spielte für uns keine grosse Rolle, zumal ja die meisten Livestream-Nutzer zum Bekanntenkreis unserer Orchestermitglieder gehörten, also zugewandte, wohlwollende Leute waren.

Wie gross war der technische Aufwand?

Der Aufwand war enorm! Mein Vorstandskollege musste mit vielen Fachpersonen zusammenarbeiten: Im Voraus mussten Messungen der Leitungskapazitäten, also des WLANs, am Konzertort durchgeführt, Abklärungen für die Tonaufnahme mit unserem Tonmeister gemacht, viele E-Mails zum Koordinieren aller technischer Arbeiten verschickt werden. Und am Konzerttag erfolgte die Installation der Aufnahmegeräte und der übrigen Technik mit ca. vier Stunden Arbeit zu dritt. Der Abbau dauerte ebenfalls noch rund zwei Stunden. Die Kosten für die von uns gewählte Livestream-Variante lagen im niedrigen vierstelligen Bereich.

Gab es bezüglich der Urheberrechte resp. der Aufführungsrechte Fragen, welche speziell für den Livestream zu regeln waren?

Ja. Insbesondere weil eines der aufgeführten Werke, das Trompetenkonzert von Alexander Arutjunjan, noch urheberrechtlich geschützt ist, mussten wir mit dem Verlag Sikorski nochmals Kontakt aufnehmen, wodurch für uns zusätzliche Kosten entstanden. Zudem war eine weitere Kontaktaufnahme mit der SUISA notwendig.

Erzeugte das Experiment zusätzliche Publicity?

Ja, bestimmt! Zum Beispiel haben wir alle Altersheime von Riehen kontaktiert, einige haben die Aufnahme nachträglich für ihre Bewohnerinnen und Bewohner ausgestrahlt. Auch hatten wir Livestream-Nutzer aus Norddeutschland, Holland, England, den USA und aus weiteren Ländern – alles Freunde oder Verwandte von Orchestermitgliedern, die aus Distanzgründen unsere Konzerte bisher nie besuchen konnten, aber nun dank des Livestreams erstmals bei einem Konzert dabei waren.

Wie gross war die Nutzung des Livestreams?

Es gab nur 24 User. Aber die nachträgliche Nutzung dank des Streamingproviders Vimeo war deutlich höher und wird im Moment immer noch genutzt. Wir erhalten etliche Spenden von Privaten zur Deckung der Unkosten.

Alles in allem: Hat sich das Experiment gelohnt und würdet ihr es wieder machen?

Wir haben von unseren Livestream-Nutzern viele positive, ja begeisterte Rückmeldungen erhalten. Es kommt dazu, dass dies die erste Filmaufzeichnung eines unserer Konzerte war – für uns eine schöne, wertvolle Erinnerung.

Aber vor allem war dieses Livestream-Experiment auch als Plan B gedacht, falls irgendwann ein Corona-bedingtes Versammlungsverbot erlassen worden wäre und wir die Konzerte ohne Publikum hätten durchführen müssen. Der Livestream war als eine Art «Corona-Versicherung» gedacht.

Vom Finanziellen her hat es sich ganz und gar nicht gelohnt, doch haben wir glücklicherweise Spenden aus der Privatwirtschaft sowie von Privatpersonen erhalten und zudem hat uns die Gemeinde Riehen einen ausserordentlichen Unterstützungsbeitrag zugesichert. Im Moment ist das Gesuch allerdings noch pendent.

Vom Ideellen her hat es sich eindeutig gelohnt. Aber ob der ideelle Nutzen das erhebliche finanzielle Defizit aufwiegt, ist schwierig zu sagen. Grundsätzlich ist es nicht ausgeschlossen, dass wir den Livestream ein zweites Mal machen würden. Einerseits hängt unser Entscheid vom Unterstützungsbeitrag unserer Gemeinde ab und andererseits – und vor allem – von der Entwicklung der Pandemie in den kommenden Monaten.

Hat auch euer Orchester neue Wege beschritten, um trotz Pandemie und Social Distancing musikalisch aktiv zu sein? Der EOV freut sich, wenn ihr uns eure innovativen Projekte vorstellt: miriam.schild@eov-sfo.ch

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