Musizieren, wie es uns gefällt

Musizieren, wie es uns gefällt

31.03.2021

Das Orchestermusizieren ist in den ersten Monaten desJahres 2021 wiederum dem Virus zum Opfer gefallen. EOV-Vorstandsmitglied Hedi Boller plädiert für Kreativitätund Wagemut beim Spielen zu Hause – allein und in Kleingruppen.

Hedi Boller — Seit Wochen hat uns das Coronavirus wieder fest im Griff. Nur zaghaft denken wir an die Durchführung von zukünftigen Proben und Konzerten. Digitalisierte Musik mit Proben per Videokonferenz, Videos und Live-Streams haben unserem Musikleben neue Möglichkeiten eröffnet. Einen Traum wahr werden lassen und zu Hause ein Album aufnehmen, sogar das wird möglich. Andererseits können all diese faszinierenden Technologien die Live-Musik, die wir als Musizierende in realen Situationen erleben, nicht ersetzen. Werden wir von digitalen Aufnahmen überflutet, so verliert die einzelne Aufnahme ihre Ausstrahlung. Wir können ein Musikstück immer wieder genau gleich hören und staunen über das kreative Spiel, die geniale Komposition. Doch es fehlt das Gefühl des echten Erlebens und bald erklingt darin etwas Ausgeleiertes.

Eigenes Musizieren, live, ist körperlich spürbar, belebt all unsere Sinne und stärkt unsere Emotionen. «Spielen mit Hingabe und Phantasie, mal witzig, mal laut, mal leise, das ist das Wesentliche, das der Musik innewohnt», meint der Forscher Lutz Jäncke und empfiehlt: Üben, üben und integrierendes Hören. Musik, die berührt, Spass macht, die in Balance zwischen Anspruch und Können liegt, lässt uns sich selbst verges-sen und Zeit und Welt um sie herum verlieren. Wir üben im Flow, freuen uns, dass es einfach so läuft. Nützen wir die durch die erzwungenen Orchesterpausen gewonnene Zeit und lassen uns vom eigenen Spiel, von eigenen Interpretationen berühren, auch wenn Unsicherheiten und Fehler da sind.

Sich vom Bogen inspirieren lassen

Streicher haben ein geniales Werkzeug, um sich auszudrücken: den Bogen. Lässt dieser die Seele des Instrumentes oder die Seele des Spielers erklingen?

Lust und Spass mit den Bögen zeigt besonders unsere jüngste Gruppe des Musikschulorchesters. Mit sichtlichem Stolz und angesteckt vom Elan des Zusammenspiels lassen die Kinder ihre Bögen möglichst laut und schnell in den Saiten kratzen. Ihre Begeisterung steckt an, inspiriert und ermuntert zum Spiel in den eigenen vier Wänden. Auch Räume machen Musik, so der Journalist Hanspeter Künzler. Er beschreibt magische und ruhmreiche Aufnahmen der Garage-Bands. Es muss nicht eine kalte Garage sein, vielleicht verhilft ein Atelier, ein Treppenhaus, ein leerer oder ein vollgestopfter Raum zu einem ganz speziellen Sound.

Langweilige Etüden sind für Musizierende im Orchester passé, doch die ekligen Takte und Stellen, die einfach nie gut tönen wollen, kennt jeder. Lassen wir den Bogen mit Phantasie über diese Takte tanzen. Das möglichst langsame Streichen der Töne fordert heraus. Kann man bei minimaler Saitenlänge gutklingende Töne herauskitzeln? Warum nicht Bindungen mal ändern, weglassen oder hinzufügen? Tempo, Betonung und Rhythmus verändern? Vielleicht entspricht das überhaupt nicht mehr dem, was man von der Musik erwartet. Viele Musikerinnen und Musiker mit klassischem Hintergrund fühlen sich ganz dem Komponisten verpflichtet und denken, für jede Note, jedes Zeichen gebe es die einzig ideale Interpretation. Jazz- und Popmusiker sehen das anders. Und Sie? Auch Ihr Bogen verleitet zum Experimentieren.

In Kleingruppen musizieren

Im Flow daheim üben macht Spass – doch das Proben und Musizieren im Orchester wird trotzdem vermisst. Es sind nicht nur die Sinfonien und Konzertklänge, die überwältigen, das gemeinsame Erarbeiten von Werken ermöglicht auch in Kleingruppen emotionale Erlebnisse, die man mit Worten nur unzureichend beschreiben kann. Das Zusammenspiel einzelner Instrumente wird zu einem grossen Ganzen. Organisieren wir, unterstützt durch unsere Orchesterleitungen vorübergehende Proben in Kleingruppen. Die Schutzmassnahmen gegen Corona können eingehalten werden, musikalische Erlebnisse für die Musizierenden sind weiterhin möglich und die Spieltechnik geht nicht verloren.

Vorschläge zum Musizieren in Kleingruppen

Johann Georg Albrechtsberger, 6 Duos für Violinen (Flöten) und Cello.

Hanning Schröder, Volksliedduette für Violinen (Melodieinstrumente).

Johann Wenzel Kalliwoda, Duos für verschiedene Melodieinstrumente.

Franz Joseph Haydn, 12 Trios, verschiedene Besetzungen.

Franz Joseph Haydn, Menuette, eignen sich zum Blattlesen.

Wolfgang Amadeuts Mozart, Quartette, eher frühe Werke, zum Beispiel Nr. 7 KV 160 und Nr. 8 KV 168.

Auf der Internetplattform www.ims-lp.org können instrumentale Besetzungen eingegeben werden, anschliessend werden verschiedene Werke angezeigt.

Empfehlenswerte Literatur

Eckart Altenmüller, Vom Neandertal in die Philharmonie. Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann. 2018, erschienen auch als eBook. Diverse weitere Publikationen von Altenmüller.

Lutz Jäncke, Von der Steinzeit ins Internet. Der analoge Mensch in der digitalen Welt. 2021. Diverse weitere Publikationen von Jäncke sowie Vorträge und Kurse.

Vincent Lajoinie, Le basson n’est pas contagieux. 2011.

Oliver W. Sacks, Musicophilia. La musique, le cerveau et nous. 2009.

Valentine Vanootighem, 60 questions étonnantes sur la musique et les réponses qu’y apporte la science. 2015.

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